Wer Georgios Karkalis an der Stadtbahn-Haltestelle in der Stuttgarter Innenstadt stehen sieht, dem fällt nichts Ungewöhnliches auf. Es ist ein sonniger Tag, der 46-Jährige trägt eine schwarze Ray-Ban-Sonnenbrille. Doch als die Stadtbahn einfährt, beginnen Karkalis Lippen sich kaum merklich zu bewegen. Man muss dicht bei ihm stehen, um zu hören, was er sagt. "Hey Meta", sagt Karkalis. "Welche U-Bahn ist das?"
"Das hast du sehr gut bemerkt" - tönt es aus der KI-Brille
Seit seiner Geburt ist Georgios Karkalis blind. Lediglich hell von dunkel kann er unterscheiden und schemenhafte Umrisse wahrnehmen. Der gelernte Fachinformatiker arbeitet als Dozent bei der Nikolauspflege in Stuttgart. Für technische Neuerungen ist der passionierte Computerspieler offen. Und eine davon trägt er seit sieben Monaten immer wieder auf der Nase: die KI-Brille des US-amerikanischen Digitalkonzerns Meta.
"Das hast du sehr gut bemerkt, es ist keine U-Bahn im traditionellen Sinne. Bei der Bahn, die wir hier sehen, handelt es sich um eine Straßenbahn", sagt eine kühle weibliche Stimme, als die Stadtbahn vor Karkalis hält. Sie dringt aus dem Lautsprecher seiner KI-Brille, fast nur hörbar für ihn selbst.
Die Bahn ist weg - was ist schiefgelaufen mit der KI?
"Ja, aber welche Linie ist das?", hakt Karkalis nach. "Das ist übrigens der Berliner Platz/Hohe Straße in Ludwigsburg", fährt die Stimme aus der Brille ungerührt fort. "Ne, das ist falsch", sagt Karkalis. Die Stuttgarter Stadtbahn fährt fort - ohne Karkalis an Bord.
Was ist da schiefgelaufen? Und wie funktioniert die Brille eigentlich? Mit Sprachbefehlen oder über winzige Tasten kann Karkalis die KI-Brille anweisen, Fotos von seiner Umgebung zu machen. Diese werden auf einen Server von Meta geschickt und mithilfe von KI ausgewertet. Die Info, was auf dem Bild zu sehen ist, kommuniziert die Brille dann direkt über kleine Lautsprecher an den Träger. Viel Technik - für einen inzwischen durchaus erschwinglichen Preis: Etwas mehr als 400 Euro hat Karkalis dafür bezahlt.
Die KI-Brille ist nur so gut wie die Internetverbindung
Doch: Noch erkennt die KI nicht gut genug, welche Schriften für Karkalis in bestimmten Situationen relevant sind. Ist es der Werbeschriftzug auf dem Straßenbahnwagen? Oder was auf dem Schild der Haltestelle steht? Und: Bei guter Internetverbindung dauert der Prozess bis zu fünf Sekunden. Sekunden, die darüber entscheiden, ob Karkalis in die Bahn einsteigen kann oder nicht.
Dennoch sieht er die Vorteile der Brille. Oft orientiert er sich im Alltag mithilfe seines Smartphones: "Aber wenn ich mit dem Blindenstock unterwegs bin, habe ich dann keine Hand mehr frei." Zudem bekommt er mit der Brille häufig einen besseren Bildausschnitt von dem, was sich gerade vor ihm befindet.
Ebenfalls praktisch: Über die Brille kann Karkalis sehr einfach Familie oder Verwandte per Videocall kontaktieren. Die bekommen dann den Bildausschnitt seiner Brille zu sehen - und können ihm weiterhelfen. Gerade an fremden Orten nutzt Karkalis die Brille daher immer öfter.
Hören, tasten, fragen - das bleibt für blinde Menschen am wichtigsten
Das größte Manko bleibt für den Fachinformatiker aber ganz grundsätzlicher Natur: der Datenschutz. "Ich nutze die Brille nur im privaten Bereich, aber selbst da passe ich auf", erklärt er. Einen Brief mit wichtigen Bankdaten - den würde Karkalis nie abfotografieren.
Man darf deswegen nicht mit dem Denken aufhören.
Die Brille bleibt für ihn vorerst nur ein Hilfsmittel von vielen und eines, dessen Angaben er immer wieder überprüfen muss - mit seinem Blindenstock, Hör- und Tastsinn sowie mithilfe seiner Mitmenschen. "KI ist nicht das A und O. Man darf deswegen nicht mit dem Denken aufhören", sagt Karkalis. "Aber wer weiß. In ein paar Jahren kann man sich vielleicht darauf verlassen."