Zwei Reitschülerinnen ballen die Fäuste, grinsen sich an und laufen glücklich auf Wallach Chupede zu. Gerade haben sie erfahren, dass sie gleich das 14-jährige Schulpferd des Reitervereins Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) reiten dürfen. Dabei grenzt es an ein Wunder, dass Chupede überhaupt noch lebt. Denn im Februar kämpfte er noch ums Überleben. "Ich habe gar nicht so richtig dran gedacht, dass er wieder im Schulbetrieb geht. Mir ging es eher darum: Hauptsache, er überlebt das Ganze", erzählt Melina Konrad, Auszubildende zur Pferdewirtin im Reiterverein Waiblingen.
Herpes-Ausbruch in Waiblingen: 40 Tage Ausnahmezustand
Anfang des Jahres waren in dem Stall 26 Pferde am Equinen Herpesvirus (EHV-1) erkrankt. Einige Tiere traf es besonders hart, darunter auch Wallach Chupede. Eine Stute starb. Von Anfang Februar bis Mitte März stand der Reiterverein unter Quarantäne. Von dem Ausnahmezustand, der damals herrschte, ist mittlerweile nichts mehr zu spüren. Das Stallzelt, das als Krankenlager für die infizierten Pferde auf dem Reitplatz errichtet wurde, ist abgebaut. Und auch sonst gelten keine strengen Hygienemaßnahmen mehr. Nach dem Alptraum herrscht jetzt wieder Alltag.
"Es war eine intensive Zeit voller Sorgen, Unsicherheit und Herausforderungen", erzählt Steffi Maier, die erste Vorsitzende des Reitervereins. Doch es habe sich auch gezeigt, wie unerschütterlich alle in so einer Situation zusammenhalten. Genau wie viele andere Vereinsmitglieder verbrachte sie täglich mehrere Stunden im Stall, um sich um die vierbeinigen Patienten zu kümmern. Rund um die Uhr hatte jemand die Pferde im Blick, auch der Tierarzt schaute jeden Tag vorbei.
Fieber messen bei den Pferden als tägliche Herausforderung
Auch für Melina Konrad änderte sich im Februar alles. Das Motto: "Augen zu und durch." Statt Reitunterricht zu geben oder die Pferde zu trainieren, stand jeden Tag unter anderem Fiebermessen an. "Das war echt anstrengend. Manche Pferde fanden es verständlicherweise nicht toll. Die musstest du erstmal einfangen, dann wollten sie nach dir treten." Doch Melina Konrad ließ sich nicht beirren - aus Liebe zu den Pferden.
"Ich habe auch immer versucht, mich um jeden so lange wie möglich zu kümmern, sie mal zu putzen und zu knuddeln", erinnert sich die 19-Jährige. Außerdem sorgte sie für Leckerereien zwischendrin: "Da haben sich natürlich alle gefreut." Doch nicht alle Pferde hatten während der Herpes-Erkrankung Appetit.
Nach Herpes-Infektion: Chupede wieder fast der Alte
Wallach Chupede zeigte mit die schlimmsten Symptome. Er hatte hohes Fieber und neurologische Ausfälle, war teilweise wie gelähmt. Zwei Wochen lang konnte er aus eigener Kraft nur schwer stehen. Ein Tragegeschirr hielt ihn aufrecht. "Das war echt hart zu sehen. Er hatte richtig abgebaut, konnte nicht geradeaus laufen, wollte nicht mehr fressen oder trinken teilweise", berichtet Melina Konrad. "Mit viel Zeit, Geduld und Liebe haben wir es dann aber doch geschafft, dass er wirklich wieder auf die Beine gekommen ist."
Bis Chupede wieder fast der Alte war, dauerte es Monate. Noch immer hat er kleine Probleme. "Er hält zum Beispiel immer noch seinen Kopf und seinen Schweif ein bisschen schräg." Trotzdem kann der Wallach mittlerweile wieder geritten werden. "Chupede ist das beste Schulpferd, das wir haben. Er macht alles mit, er ist immer lieb und hat keine Unarten", schwärmt Melina Konrad. Auch bei Anfängerinnen und Anfängern bleibt Chupede geduldig. Die 9-jährige Lene will am liebsten gar nicht mehr absteigen. Denn: "Chupede ist mein Lieblingspferd", erzählt sie grinsend. Und mit dieser Meinung ist die Reitschülerin nicht allein.