Europäischer Gedenktag

"Sie kamen aus der Hölle" - Sinti und Roma erinnern an Opfer des Holocausts

Am 2. August 1944 ermordeten die Nationalsozialisten die verbliebenen Sinti und Roma im KZ Auschwitz-Birkenau. Nur wenige überlebten. Auch Ravensburg gedenkt der Opfer.

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Stand

Von Autor/in Susanne Babila

Im Gedenken an ihre Angehörigen besucht Madeleine Kehrer das Mahnmal vor der Stadtkirche St. Jodok. Auf der schlichten Gedenkstele stehen die Namen von 29 Ravensburger Sinti, die am 13. März 1943 in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert und in den Jahren 1943 und 1944 ermordet wurden. Sie waren Bürgerinnen und Bürger der Stadt Ravensburg und gehörten zur katholischen Pfarrgemeinde Sankt Jodok.

Gedenken an ermordete Urgroßtante

Vor dem Denkmal zündet Madeleine Kehrer eine Kerze an, für ihre Urgroßtante, die Sintezza Anna Schneck. Sie wurde mit ihren Kindern nach Auschwitz deportiert und mit Giftgas ermordet. "Aber zuvor hat man sie gefragt: Sie dürfe sich ein Kind aussuchen und mit diesem Kind weiterleben. Sie hat sich aber dagegen entschieden und ist mit allen ihren Kindern in den Tod", sagt Madeleine Kehrer.

Sie zeigt ein Foto von Anna Schneck. Eine junge Frau, freundlich lächelnd vor einem Bauwagen, mit ihren Kindern Mathilde, Hyacintha, Ewald, Roman, Edmund, Waltraud und Paul. Immer wenn sie dieses Foto anschaue, denke sie an ihre eigenen Kinder und es überkäme sie eine tiefe Trauer und auch Wut, sagt Kehrer.

Sinti wollen Erinnerung wachhalten

Gemeinsam mit dem 21-jährigen Armani Spindler engagiert sich Madeleine Kehrer im Landesverband der Sinti und Roma in Baden-Württemberg. "Wir wollen die Erinnerung wachhalten", sagt der junge Sinto. Von der 30-köpfigen Familie seiner Großmutter haben nur 3 überlebt. Seine Großmutter habe zu ihm gesagt: "Wenn man die Vergangenheit nicht kennt, kann man die Zukunft nicht verändern." Doch viele junge Menschen in seinem Alter wüssten kaum etwas über den Nationalsozialismus, so Spindler.

Es ist sehr wichtig, die junge Generation zu erreichen. Denn sie kann noch etwas verändern. Dafür kämpfe ich.

Armani Spindler hält Vorträge zu Antiziganismus an Schulen oder bei der Polizei. Gemeinsam mit Madeleine Kehrer besucht er Gedenkveranstaltungen. Dort berichten sie über das Schicksal ihrer Angehörigen.

Zwangsarbeitslager "Ummenwinkel"

Bereits 1937 errichtete die Stadt Ravensburg auf eigene Initiative ein Zwangsarbeitslager für die in der Region ansässigen Sinti, noch bevor im Oktober 1939 per Erlass die "Festsetzung" aller Sinti und Roma an Ort und Stelle ihres jeweiligen Aufenthalts verfügt wurde. Das eilig aus Baracken errichtete Lager auf dem Gelände "Ummenwinkel" am nördlichen Stadtrand und am Ufer des Flüsschens Schussen war von einem zwei Meter hohen Stacheldrahtzaun umgeben und wurde von der örtlichen Polizei kontrolliert.

Etwa 100 in der Region ansässige Sinti wurden dorthin zwangsumgesiedelt und interniert, darunter etwa 60 Kinder und Jugendliche. Sie wurden zur Arbeit gezwungen, im städtischen Tiefbau, in der Landwirtschaft und in regionalen Betrieben. Nachts durfte niemand das Gelände verlassen, Haustierhaltung war verboten und die Internierten wurden permanent kontrolliert und schikaniert.

Madeleine Kehrer (m.) erinnert an ihre ermordete Urgroßtante Anna Schneck.
Madeleine Kehrer (m.) erinnert an ihre ermordete Urgroßtante Anna Schneck. Susanne Babila

Heiratsverbote, Zwangssterilisation und Schikane

Pseudowissenschaftliche Gutachten wurden erstellt und bildeten nicht nur die Grundlage für Heiratsverbote und Zwangssterilisationen - sondern lieferten auch die Selektionskriterien für die spätere Deportation in das "Zigeunerlager" von Auschwitz-Birkenau, erklärt Birgit Brüggemann vom Denkstättenkuratorium NS-Dokumentation Oberschwaben. Ein Großteil der Bevölkerung habe gewusst, was dort geschah, so Brüggemann, die das Fach Geschichte auf Lehramt studiert. "Gerade die Sinti hat man öffentlich am Tag durch die Stadt gebracht. Man hat gesehen, dass sie nicht viel zu essen kriegen, dass sie abmagern, dass sie ungesund aussehen."

Am frühen Morgen des 13. März 1943 wurden von den etwa 100 Frauen, Männern und Kindern jede oder jeder Dritte "aussortiert" und von Polizei und Gestapo mit brutaler Gewalt abgeholt. Auch die 83-jährige Kreszentia Schneck, die Älteste, wurde in Viehwaggons von Stuttgart ins KZ Auschwitz-Birkenau deportiert und ermordet. "Die grausamen Verbrechen an Sinti und Roma im Nationalsozialismus dürfen nie in Vergessenheit geraten", sagt Magdalena Guttenberger vom Landesverband für Sinti und Roma. Die 70-Jährige war maßgeblich an der Initiative beteiligt, eine Gedenkstätte für die ermordeten Ravensburger Sinti und Roma vor der Kirche St. Jodok zu errichten.

Lokale Erinnerungskultur gegen das Vergessen

Sie wohnt im heutigen "Ummenwinkel", nur wenige Kilometer vom damaligen Zwangsarbeiterlager entfernt. Dort wurden auch die Schwiegereltern von Magdalena Guttenberger interniert und später in nationalsozialistische KZs deportiert. Sie hat mit Manuel Werner das Buch "Die Kinder von Auschwitz singen so laut" geschrieben. Darin schildert sie das erschütterte Leben ihrer Schwiegermutter Martha Guttenberger, die das KZ Auschwitz überlebte und zu Fuß aus dem befreiten Konzentrationslager in ihre Heimat Ravensburg zurückgekehrt ist. Bis Mitte der achtziger Jahre lebten die Guttenbergers mit anderen Sinti-Familien auf dem Gelände des ehemaligen Zwangslagers. In denselben Baracken, die damals die Nazis errichtet hatten. Die wenigen Überlebenden, erzählt sie, waren alle tätowiert, mit einer Nummer und einem "Z" für Zigeuner, und schwer traumatisiert.

1945 kamen die aus der Hölle. Niemand kam zu diesen Menschen, um wenigstens ein Stück Brot zu bringen. Und im Winter hatten wir kein Wasser.

Heute erinnere nichts mehr an die grausamen Verbrechen, erklären Magdalena Guttenberger und Madeleine Kehrer. Die Baracken sind vernichtet, der Stacheldraht entfernt, das Gelände überwuchert. Nirgendwo findet sich hier eine Gedenktafel, eine Skulptur oder ein Klangstein zur Erinnerung an die Ermordeten. Aber es sei wichtig, nicht zu vergessen, was direkt vor unserer Haustüre passiert ist: "Wir denken immer, es ist alles so weit weg. Dabei machen wir die Türe auf und stehen schon mittendrin in der Geschichte. Daran wollen wir erinnern und dafür kämpfen wir", so Madeleine Kehrer.

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Susanne Babila
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