"Eltern wissen eigentlich, wie man ein Kind ernährt"

Betroffene sollen zu Hause gesund werden: Von den Vorzügen einer neuen Therapie bei Magersucht

Magersucht ist eine gefährliche Krankheit. Nun gibt es einen neuen Therapieansatz, der Betroffenen helfen könnte. Drei Kliniken in Baden-Württemberg probieren ihn derzeit aus.

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Von Autor/in Sabine Brütting

Sandra Heimer (Name geändert) erinnert sich noch genau, wie sich die Magersucht in das Leben ihrer Tochter geschlichen hat. Die 15-Jährige wollte sich damals gesünder ernähren, ließ erst Süßigkeiten weg, dann immer mehr Lebensmittel. "Dass wir da wirklich ein Thema haben, wurde mir bewusst, als ich meiner Tochter nach dem Abendessen ein Stück Schokolade angeboten habe und sie das nicht essen konnte."

Eine stationäre Therapie sei zu dem Zeitpunkt keine Option gewesen, berichtet Heimer. Die Familie war erst von einem Auslandsaufenthalt nach Baden-Württemberg zurückgekehrt. Die Tochter erneut aus ihrem gerade aufgebauten Umfeld zu reißen, schien ausgeschlossen. Also suchte Sandra Heimer nach Alternativen und stieß schnell auf einen Ansatz, der im Ausland seit vielen Jahren praktiziert wird: die familienbasierte Therapie, kurz FBT. Familienbasiert bedeutet, dass die gesamte Familie in den Therapieprozess einbezogen wird - und dass die Patientinnen und Patienten zu Hause, in ihrem vertrauten Umfeld, gesund werden können. Heimer wandte sich an eine niedergelassene FBT-Therapeutin. Die Therapie wird bislang nicht von den Kassen übernommen.

Magersucht: Wenn die gesamte Familie in den Therapie-Prozess eingebunden wird

Auch Verena Haas, Ernährungswissenschaftlerin an der Charité in Berlin, stieß schon Anfang der 2000er Jahre auf die familienbasierte Therapie bei Magersucht. Sie forschte damals in Australien zu Essstörungen und stellte fest: "Die Klinikaufenthalte dort sind wesentlich kürzer als in Deutschland, vielleicht drei Wochen, um das Gewicht zu stabilisieren. Danach wird die familienbasierte Therapie angewandt." Auch in den USA und Großbritannien ist der familienbasierte Ansatz Standard.

Seit Anfang 2025 leitet Haas nun das FBT-Programm im Rahmen der deutschlandweiten FIAT-Studie. Diese Studie vergleicht die Wirksamkeit der familienbasierten Therapie mit der klassischen stationären Therapie. In Baden-Württemberg nehmen drei Kliniken an der Studie teil: Das Diakonie-Klinikum in Stuttgart, das Uniklinikum Freiburg und die MEDICLIN Klinik an der Lindenhöhe in Offenburg (Ortenaukreis). In Offenburg betreut Kinderärztin Katja Güttler die Patientinnen und Patienten. Sie ist vom Ansatz der FBT überzeugt: "Was mich begeistert hat an dieser familienbasierten Therapie, ist einfach die Haltung." Es gehe nicht darum, die Schuld bei den Familien zu suchen, sondern zu schauen, was für Ressourcen es in den Familien gebe, um gegen diese schwere Erkrankung vorzugehen. "Das erfordert sehr, sehr viel Arbeit in den Familien. Aber ich glaube, es lohnt sich", sagt Güttler.

Vielfältige Ursachen für Magersucht

Lange galt bei Magersucht die Ansicht, dass das Problem in der Familie liegt. Doch mittlerweile weiß die Forschung mehr: Beispielsweise, dass das krasse Untergewicht bei vielen Patientinnen und Patienten eine exzessive Beschäftigung mit Essen aufrechterhält. Auch hormonelle Veränderungen und natürlich psychische Probleme wie eine Körperschemastörung gehören zur Magersucht.

Bei der familienbasierten Therapie übernehmen die Eltern eine Zeit lang die Verantwortung für das Essen des Kindes. Sie geben Mahlzeiten vor, ebenso Mengen. Das sei eine große Herausforderung, denn viele Eltern seien durch die Erkrankung stark verunsichert, sagt Katja Güttler: "Eltern wissen eigentlich, wie man ein Kind ernährt. Sie haben das ja 14 oder 15 Jahre lang gut geschafft. Und mit unserer Hilfe gewinnen sie diese Sicherheit zurück."

Familie als Teil der Lösung bei Essstörung

Mit der familienbasierten Therapie können die Patientinnen und Patienten zu Hause gesund werden. In Offenburg gibt es anfangs einen Termin pro Woche in der Klinik, wo die Gewichtszunahme kontrolliert wird. Alle weiteren therapeutischen Sitzungen finden online statt. Viele Eltern reduzieren in der akuten Therapiephase ihre Arbeitszeit, um sich wirklich ganz auf den Genesungsprozess ihres Kindes zu konzentrieren.

Auch Sandra Heimer hat ihre Selbständigkeit in der Zeit der Therapie praktisch ruhen lassen, um für ihre Tochter da zu sein. Schließlich müsse man häufig Kämpfe um jeden Bissen durchstehen: "Klarheit hilft, Beständigkeit hilft, Ruhe hilft, also wirklich zu sagen, wir ziehen das durch, völlig egal, wie lange das dauert, ich gehe hier nicht weg, bevor du gegessen hast."

Studie will Leitlinie zur Behandlung von Magersucht verändern

Kinderärztin Katja Güttler weiß um die Herausforderungen der familienbasierten Therapie. Trotzdem wollen sie und Verena Haas mit der FIAT-Studie langfristig die Leitlinie zur Behandlung von Magersucht verändern. Damit würde die FBT zur Kassenleistung. Und Patientinnen und Patienten könnten im Idealfall wählen, welche Therapie am besten zu ihnen passt.

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Sabine Brütting
SWR-Redakteurin Sabine Brütting

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