Skelette, Knochen und Münzen

Interview: Welche Spuren der Vergangenheit Archäologen in Mannheim finden

Was finden Archäologen in Mannheim, wenn sie in der Vergangenheit graben? Von besonderen Funden berichtet der Leiter der Archäologischen Denkmalpflege an den Reiss-Engelhorn-Museen.

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Mannheim hat viele Spuren der Vergangenheit zu bieten. Je nach Stadtteil werden bei Grabungen ganz unterschiedliche Dinge gefunden, erklärt Klaus Wirth. Er leitet die Archäologische Denkmalpflege an den Reiss-Engelhorn-Museen (rem) in Mannheim.

Archäologische Ausgrabungen Mannheim
Klaus Wirth, Leiter der Archäologischen Denkmalpflege an den Reiss-Engelhorn-Museen bei Grabungen rem

In Mannheim-Wallstadt stieß das Team von Klaus Wirth im Jahr 2025 zum Beispiel auf Siedlungsspuren aus der Römischen Kaiserzeit. Das haben die rem bei einem Vortrag am Donnerstag bekannt gegeben. In Seckenheim wurde ein Grubenhaus aus dem Hochmittelalter entdeckt. Spannend für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler seien auch Skelettfunde in der Mannheimer Innenstadt, die auf einen alten Friedhof hinweisen. Im SWR-Interview berichtet der Archäologe auch, was danach mit den Funden passiert. Und warum Archäologen auch mal auf ganz normalen Baustellen sind.

SWR Aktuell: Was waren besondere Funde in diesem Jahr hier in der Region?

Klaus Wirth: Besondere Funde gab es zum Beispiel in Mannheim-Seckenheim. Besonders war auch, dass wir es dort möglicherweise doch mit dem Dorf Norderau zu tun haben, aufgrund der neuen Siedlungsfunde. Dann die neueren Kenntnisse zu einem Friedhof im Quadrat C7. Und natürlich zu den erstmalig aufgedeckten Strukturen in Kirschgartshausen. Die sind archäologisch viel älter, als über Schriftquellen bisher bekannt war.

SWR Aktuell: Was hat es mit diesem möglichen Friedhof auf sich und was haben Sie da entdeckt?

Wirth: Dieser Friedhof ist bereits 1927 bekannt geworden und zwar in der Neuen Mannheimer Zeitung vom 26. Oktober 1927. Dort wird berichtet, dass beim Neubau des Luisenheims in C7 vier menschliche Skelette entdeckt worden sind. Seitdem ist dieser Friedhof an dieser Stelle bekannt, ohne dass wir den Namen wissen und wozu er eigentlich gehört.

Wir haben weitere Skelettfunde aus den 1950er-Jahren. Es gibt einen Zeitungsbericht von 1993, wo bei Baumaßnahmen, nämlich beim Bau eines Trafohäuschens, Skelettmaterial gefunden worden ist. Und wir haben 2013 an zwei verschiedenen Stellen Skelett-Material geborgen. 2019 haben wir weitere Skelette gefunden. Das heißt, bei allen Maßnahmen, die wir begleitet haben, sind wir immer wieder auf Spuren dieses Friedhofs gestoßen. Wenn man jetzt noch naturwissenschaftlich argumentiert: Wir haben an einem Teil eines Skeletts eine 14c-Probe (Anm. d. Red.: Probe zur Altersbestimmung) gemacht und wir sind dort, sagen wir mal, in das 16. oder 17. Jahrhundert gekommen.

SWR Aktuell: Werden die Funde am Ende ausgestellt?

Wirth: Nein, die Funde werden nicht ausgestellt. Dafür haben wir keine Möglichkeiten. Denn die Funde ohne Beigaben auszustellen, macht keinen Sinn. Wir haben eine sehr ausführliche Ausstellung über frühmittelalterliches Skelettmaterial. Das haben wir damals beim Bau der SAP Arena gefunden. Das ist im Museum Weltkulturen in D5 zu sehen. Da haben wir Skelettmaterial ausgestellt, immer im Zusammenhang mit den Fragen von Gewalteinwirkungen oder von pathologischen Deformationen an den Skeletten. Das kann man dort ausstellen, allerdings für eine Zeit, die viel weiter zurückreicht. Nämlich ins sechste oder siebte Jahrhundert nach Christus.

SWR Aktuell: Gibt es denn typische Funde in der Region?

Wirth: Typisch kann man nicht sagen. Jede Baustelle hat ihre eigenen Gesetze. Je nachdem, wo wir gerade sind, im Stadtgebiet Mannheim oder etwas außerhalb. In Seckenheim haben wir sehr viele frühmittelalterliche Funde. Da gibt es Keramik, Knochen, Metall, vielleicht mal eine Münze. Oder auch Schlacken von Resten der Eisenherstellung.

Wir finden in den Quadraten sehr viel glasierte Irdenwaren (Anm. d. Red.: bei niedriger Temperatur gebrannte Keramik). Natürlich auch Nadeln und Knochen und alles, was die Leute früher, wenn es zerbrochen oder kaputt war, weggeschmissen haben. Im Grunde genommen die zeitgenössischen Müllhalden, die wir heute auch haben und auftürmen. Dieser Müll, der ist damals auch entsorgt worden. Sowas finden wir eigentlich immer wieder.

SWR Aktuell: Wie oft werden Sie und ihr Team zu Baustellen gerufen?

Wirth: Gerufen werden wir eigentlich gar nicht. Wir werden durch den Fachbereich Baurecht und Denkmalschutz über Baumaßnahmen informiert. Manchmal gibt es Auflagen. Diese werden vom Landesdenkmalamt formuliert, gehen wieder an die Stadt zurück und der Bauherr wird informiert. Dann hoffen wir, dass wir rechtzeitig informiert werden vor Beginn der Maßnahme. Das passiert eigentlich ganz gut. Wir können dann einen Termin mit dem Antragsteller vereinbaren, damit wir beim Baggern dabei sind.

Wenn nichts gefunden wird, geben wir sofort grünes Licht. Wenn was gefunden wird, kann man sagen, heben wir ein oder zwei Gruben aus. Das dauert drei Stunden oder einen halben Tag. Dann können sich die Bauherren auch darauf einstellen. Wir hatten etwa zwölf Aktivitäten in diesem Jahr, in den vergangenen Jahren waren es auch schon mal 35. Das schwankt immer ein bisschen, je nachdem, was man gerade macht und was anliegt. Momentan hängt es mit dem Baugeschehen allgemein zusammen, dass wir nicht so oft ausrücken wie früher.

Archäologische Ausgrabungen Mannheim
Klaus Hirth mit seinem Team bei Grabungen. rem

SWR Aktuell: Weil es weniger Baustellen gibt?

Wirth: Die Baustellen werden im Moment sehr mit angezogener Handbremse durchgeführt. In den Dörfern gibt es Renovierungen. Bei Bauen im Bestand ist für die Archäologie gar nichts zu tun. Aber manchmal, wenn Neubauten entstehen, sind wir dabei, wenn es relevant ist. Also in den früheren Dörfern wie Seckenheim, Feudenheim, Wallstadt, Vogelstang. Dort, wo schon in der Vergangenheit viel gefunden worden ist. Zum Beispiel in Regionen wie Gartenstadt, Blumenau, Sandtorf, diese ganzen Sandregionen, da sind wir nicht dabei. Wenn sie viele Baumaßnahmen in Gartenstadt haben, zeigt die Erfahrung, dass es da keinen archäologischen Niederschlag gibt.

Nach der Grabung "beginnt im Grunde genommen die Arbeit"

SWR Aktuell: Es gibt ja nicht nur die Ausgrabungsarbeiten, sondern hinter ihrer Arbeit steckt ja noch mehr.

Wirth: Wenn wir die Grabung beendet haben, beginnt im Grunde genommen die Arbeit. Das heißt, ein Zehntel Ausgrabung und neun Zehntel Verwaltung. Da müssen zum Beispiel Vermessungsdaten bearbeitet werden. Wir müssen die Pläne erstellen, Fundmeldungen schreiben. Wir müssen die vielen Digitalfotos, die hochauflösend gemacht werden, umbenennen. Sie müssen sortiert werden. Die gesamte Dokumentation muss sachgerecht verarztet und in die Ortsarchive eingegliedert werden. Wir machen Vorträge und Führungen. Das läuft alles nebenbei, aber gehört natürlich auch substanziell zur Arbeit dazu.

Erstmals publiziert am
Stand
Das Interview führte
Sarah Hennings
Sarah Hennings, SWR Studio Mannheim
Onlinefassung
Ninja Degen
Bild Ninja Degen, SWR Studio Karlsruhe

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