Am Donnerstag hat das 74. Internationale Filmfestival Mannheim Heidelberg (IFFMH) begonnen. Unter dem Motto "Feel good?!" stehen bis zum 16. November mehr als 70 Filme aus fast 60 Ländern auf dem Programm. Ein Teil davon konkurriert um den mit 30.000 Euro dotierten Preis für die beste Nachwuchsregie, den International Newcomer Award. Ehrengast der diesjährigen Festivalausgabe ist der Regisseur Tim Fehlbaum. Sein Film "September 5" über das Münchner Olympia-Attentat von 1972 war letztes Jahr für den Oscar nominiert.
Bewährtes beim 74. Internationalen Filmfestival Mannheim Heidelberg
Im Zentrum des IFFMH stehen wie immer die sechzehn Filme, die im Wettbewerb "On the rise" laufen. Dabei handelt es ich um die ersten oder zweiten Langfilme von Nachwuchs-Regisseurinnen und -Regisseuren. Jungen Talenten aus aller Welt eine Bühne zu geben, das sei eines der großen Anliegen des Festivals, so der Leiter Sascha Keilholz. Da viele Filmschaffende zu den Vorführungen anreisen, hat das Publikum die Gelegenheit, direkt mit ihnen ins Gespräch zu kommen und Fragen zu den Filmen zu stellen.
Daneben gibt es aber auch Produktionen von etablieren Künstlerinnen und Künstlern zu sehen - aus Ungarn und Nordmazedonien, Frankreich und Japan, Mexiko und vielen anderen Ländern.
74 Filme aus 56 Ländern, das ist - glaube ich - ein kleiner Rekord. Also das Internationale heben wir weiterhin ganz hoch.
Eröffnet wird das Festival mit der iranischen Produktion "Inside Amir". Er erzählt die Geschichte eines jungen Teheraners, der verwachsen ist mit seiner Heimat und seinen Freunden und dennoch bereit ist, sein Land zu verlassen. Der Film hat in Venedig den Preis der Autoren gewonnen.
In den IFFMH-Filmen: Junge Perspektiven und reale Geschichten
Was auffalle sei, dass viele Filmemacherinnen und Filmemacher sehr junge und sehr persönliche Perspektiven einnehmen, so Sascha Keilholz. Das heißt, die Geschichten werden zu einem großen Teil aus der Sicht von Jugendlichen oder jungen Erwachsenen erzählt. Und sie seien in der Realität verankert. Kein Genre-Kino also, bei dem es um phantastische Welten oder Grusel geht, sondern Produktionen, die auf historischen Begebenheiten basieren. In dem Wettbewerbsbeitrag "Blue Heron" etwa erzählt ein Mädchen aus Ungarn von der Auswanderung ihrer Familie nach Kanada. Und in "Milk Teeth" geht es um das Verschwinden einer Schwester am Ende der Ceausescu-Diktatur in Rumänien.
Die migrantische oder postmigrantische Perspektive spielt ebenfalls eine große Rolle. Das könne man kritisch sehen oder nicht, so Keilholz. Im Grunde mache das Festival einfach nur eine Bestandsaufnahme davon, was junge Filmschaffende in einer globalisierten Welt beschäftigt. Die filmischen Ergebnisse seien faszinierend und träfen den Nerv der Zeit.
Neu beim Filmfestival: Verleihung des Deutschen Dokumentarfilmpreises
Neu in diesem Jahr ist, dass die Verleihung des Deutschen Dokumentarfilmpreises in das Festival integriert wird. Insgesamt handelt es sich um drei Preise: den mit 20.000 Euro dotierten Hauptpreis, der vom SWR und der MFG (Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg) gestiftet wird; den mit 5.000 Euro dotierten Preis für den besten Musik-Dokumentarfilm, gestiftet vom SWR; und den mit 3.000 Euro dotierten Förderpreis, gestiftet vom Haus der Dokumentarfilms und dem Europäischen Medienforum in Stuttgart.
Die nominierten Filme werden nicht beim Festival gezeigt, außer dem Hauptpreis-Gewinner. Der ist nach der Preisverleihung am 14. November im Heidelberger Gloria-Kino zu sehen. Außerdem hat sich das Festival geöffnet und in diesem Jahr sechs dokumentarische Produktionen mit ins Programm genommen. Ganz neu ist das übrigens nicht, in den 1990er Jahren gab es bereits schon einmal eine Phase, in der Dokumentationen zum Festivalprogramm gehörten.
Grand IFFMH Award für Ausnahme-Regisseur Tim Fehlbaum
Tim Fehlbaum ist international gesehen der neue Regie-Star aus dem deutschsprachigen Raum. Der Schweizer hat an der Münchner Filmhochschule studiert und ist für seinen letzten Film - "September 5" - mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und für den Oscar nominiert worden. "September 5" ist ein Film über das Münchner Olympia-Attentat 1972 - erzählt aus der Sicht eines Fernsehteams. Beim Filmfestival ist Tim Fehlbaum vor Ort für ein Werkstattgespräch und sogenannte Masterclasses. Es werden alle drei Filme von ihm gezeigt.
Das ganz große Gefühl: "Rotz-und-Wasser"-Filme bei der Retrospektive
Wie immer gibt es auch eine Retrospektive. Gezeigt werden in diesem Jahr Filme, bei denen es ums ganz große Gefühl geht. Es darf also Rotz und Wasser geheult werden bei Hollywood-Streifen wie "An Affair to remember" (Deutscher Titel: "Die große Liebe meines Lebens") mit Cary Grant und Deborrah Kerr. Oder "All that heaven allows" (Deutscher Titel: "Was die Liebe erlaubt") mit Rock Hudson und Jane Wyman.
Bei den insgesamt zwölf Filmen der Retrospektive geht es neben eindrücklicher Schauspielkunst um die Frage, warum sich der Film so besonders eignet fürs große Gefühl. Im Kontext des gesamten Festivalmottos "Feel good?!" geht es aber immer auch ums Hinterfragen, was das Kino damit erreichen will: uns ablenken oder sensibilisieren?
Zahlreiche Preise und vielfältiges Rahmenprogramm
Bei der Award Ceremony am Donnerstag, den 13. November, werden neben dem International Newcomer Award und dem Deutschen Dokumentarfilmpreis noch viele weitere Preise verliehen, darunter der Rainer Werner Fassbinder Award für das beste Drehbuch und der IFFMH Young Actors Award. Außerdem können die Zuschauerinnen und Zuschauer darüber abstimmen, welcher Wettbewerbsfilm ihrer Meinung nach der beste ist - dafür gibt es dann den mit 5.000 Euro dotierten Publikumspreis.
In den elf Festivaltagen gibt es außerdem ein umfangreiches Rahmenprogramm jenseits von Filmen und Talks - zum Beispiel Performance-Kunst auf einem Neckarschiff oder einen interkulinarischen Brunch. Das IFFMH ist nach der Berlinale das zweitältestes Filmfestival Deutschlands. Es war Sprungbrett für viele spätere Filmgrößen wie etwa Wim Wenders oder Nicolas Winding-Refn.