Wikipedia wird 25 Jahre alt. Das heißt, dass Menschen seit einem Vierteljahrhundert daran arbeiten, das Wissen der Welt online zugänglich zu machen, ohne dass man dafür bezahlen muss. Und bei aller Kritik, die man an der Plattform äußern kann, und den Problemen, die es gibt, sind sich Beobachterinnen und Beobachter einig: Wikipedia ist eine wahr gewordene Internet-Utopie. Der Heidelberger Geschichtsstudent Heiko Fischer arbeitet seit Teenagerzeiten mit.
Erster Wikipedia-Eintrag mit 14 Jahren
Heiko Fischer ist 27 Jahre alt. Er hat in Heidelberg Geschichte studiert und macht gerade seinen Master in Archäologie. Fast sein halbes Leben schreibt er schon an der Online-Enzyklopädie Wikipedia mit. Schon als Schüler haben ihn historische Themen interessiert, oft hat er auf Wikipedia nach Informationen gesucht. Als er dann mit etwa 14 Jahren auf einen Artikel stieß, in dem er Lücken zu einem Thema festgestellt hat, fing er an, ihn zu verbessern.
Da hatte ich direkt das Gefühl, das ist die Lücke, die ich füllen muss. Ich bin der Mensch, der im deutschsprachigen Raum dieses Wissen hat. Und das sollte ich mit der Öffentlichkeit teilen.
Seitdem hat Heiko Fischer nicht mehr aufgehört. Wenn ihn etwas interessiert und er Lust hat, entwirft er neue Artikel oder verbessert bereits bestehende Einträge.
Vom Heidelberger Heiligenberg bis zu einem Glasgefäß im British Museum
Wikipedia-Einträge stammen in der Regel von mehreren Personen. Jemand fängt an, andere ergänzen oder verbessern. Die wenigsten nennen ihren Klarnamen, aber wenn man sich auf den Artikeln durchklickt, kann man erfahren, wer wann die letzte Änderung vorgenommen hat und worüber mitunter diskutiert wurde.
Heiko Fischer ist mittlerweile an einigen Artikeln maßgeblich beteiligt. Etwa die Hälfte des Eintrags zum Heidelberger Heiligenberg, sei von ihm, sagt er. Andere Artikel habe er auf seiner Beobachtungsliste, zum Beispiel den Eintrag über Heidelberg. Bei solch viel gelesenen Seiten kämen sehr unterschiedliche Perspektiven rein. Und er fühlt sich dafür verantwortlich, dass es genug Belege für die Einträge gibt oder die Gewichtungen stimmen.
Wenn da jemand drei Seiten zum Thema Flughafenanbindung oder Ausbau der Radwege geschrieben hat, dann muss ich das auf ein verhältnismäßiges Level kürzen.
Das heißt: er kürzt oder recherchiert nach oder ergänzt. Worauf er gerade besonders stolz ist: Er hat erst vor einer Weile zusammen mit einem Chemiker einen Artikel über ein römisches Glasgefäß, den sogenannten Lykurgos-Becher, geschrieben. Das sei ein besonderes Teamwork gewesen, weil beide aus sehr unterschiedlichen Perspektiven auf den antiken Gegenstand geblickt hätten.
Das gibt mir ein schönes Gefühl, wenn das, was ich produziere, wahrgenommen wird. Ich kriege immer wieder spannende Rückfragen und Diskussionen. Ich finde, es ist in jeder Hinsicht ein tolles und befriedigendes Hobby.
Wikipedia - Ein "Weltwunder der Gegenwart"
Wikipedia ist nicht fehlerfrei. Man könne sich nicht darauf verlassen, dass alles stimmt, so Heiko Fischer. Sicher sein könne man sich nur, wenn man selber noch mal nachprüfe. Dennoch gehöre die Online-Enzyklopädie zu den verlässlicheren Quellen, eben weil eine ganze Community auf die Artikel schaut und Mechanismen eingebaut sind, die die schlimmsten Fehler in der Regel verhindern würden.
Letztendlich sei das aber ein Spiegel dafür, dass Wissen und Erkenntnis immer nur vorläufig ist, meint etwa der Wikipädist - also Wikipedia-Forscher - Christian Schröter. Schröter ist von Haus aus Philosoph und derzeit Digitalkurator an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Er bezeichnet Wikipedia als "ein Weltwunder der Gegenwart". Es zeige, was geschehen kann, wenn ein globales Internet zum Guten genutzt wird.
Wikipedia braucht Nachwuchs-Autorinnen und Autoren
Eine derzeitige Herausforderung für Wikipedia ist natürlich die Künstliche Intelligenz (KI), mit deren Hilfe Artikel eingeschleust werden, die nicht den Anforderungen genügen. Daneben hat Wikipedia aber auch ein Nachwuchsproblem. Genaue Zahlen, wie viele Menschen an der deutschen Ausgabe mitarbeiten, seien schwer zu nennen, so Schröter. Aber wenn die wahr gewordene Internet-Utopie weiterleben soll, braucht es Menschen wie Heiko Fischer. Ein Motto von Wikipedia lautet "Sei mutig". Wer mitmachen will an der kostenfreien Wissensvermehrung, sollte sich einfach trauen.