Ehepaar Wagner weiß sein Wangen zu schätzen. Eine mittelalterliche Stadt, die zum Verweilen einlädt. Wo man mit Bekannten und Freunden spontan ins Gespräch kommen kann. Seit 20 Jahren leben Hans und Birgit Wagner hier. Auf dem Wochenmarkt am Mittwochmorgen herrscht dichtes Gedränge. Es ist ein Treffpunkt.
"Es hält die Menschen zusammen. Alle kommen echt von den Dörfern auch hierher. Und man trifft sich, man muss vorreservieren", sagt Birgit Wagner. "Die mittelalterliche Stadt und ein Markt mit regionalen Produkten, mit Handgemachtem, das passt natürlich sehr gut zusammen und löst auch Aufenthaltsqualität aus", findet auch ihr Mann.
Doch sie wissen, Wangen ist ein Sonderfall: Es gibt kaum große Ketten, sondern hauptsächlich inhabergeführte Läden, kaum Leerstand. Denn die Zahl der Geschäfte in Innenstädten im Land sinkt seit Jahren. Laut aktuellen Zahlen des Statistischen Landesamtes sind es noch knapp mehr als 51.000 Läden. Im Zeitraum von 2018 bis 2024 haben rund 5.000 Geschäfte geschlossen.
Mehr als 40 Leerstände in Lahr
Wie es sich anfühlt, in einer Stadt zu leben, in der sich diese Auswirkungen zeigen, weiß Michael Schmiederer. Als erster Vorsitzender der Lahrer Werbegemeinschaft kämpft er gegen den Lehrstand und für seine Stadt. Über 40 Geschäfte stehen hier leer.
Die Zukunft der Stadt liege aber auch an den Kunden: "Der Einzelhändler lebt davon, was der Besucher in der Stadt einkauft und konsumiert. Wenn die Bereitschaft, in die Städte zu fahren und zu gehen und dort auch einzukaufen, sukzessive abnimmt und nicht mehr nachgefragt wird, dann wird auch irgendwann das Angebot in der Innenstadt nicht mehr so da sein, wie man sich das vielleicht wünscht."
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Warum stehen die Geschäfte leer?
Auf SWR-Anfrage sagte die Stadt Lahr, der Leerstand liege vor allem an den hohen Ladenmietpreisen und fehlenden Nachfolgern. Man befände sich in einem Transformationsprozess.
Michael Schmiederer widersprach in der SWR-Sendung "Zur Sache! Baden-Württemberg" der Darstellung der Stadt. "Es liegt, glaube ich, daran, dass der Wechsel bei den Betreibern schneller passiert, wie die Nachfrage nach Flächen da ist." Die Risiken und Veränderungen seien zu unvorhersehbar, um Geld zu investieren.
Parkgebühren erhöht statt Management für Leerstand
Vor wenigen Monaten ist in Lahr ein Vorhaben, die Nutzung der leer stehenden Gebäude neu zu planen, gescheitert. Stattdessen hat sich der Gemeinderat dafür entschieden, die Parkgebühren zu erhöhen, um Mehreinnahmen zu generieren. Städte wie Lahr hätten aber kein Erkenntnis- sondern Umsetzungsproblem, sagt der zuständige IHK-Innenstadtberater Thomas Kaiser auf SWR-Anfrage.
"Die Stadtverwaltungen müssen Hand in Hand mit den Gemeinderäten diese Maßnahmen angehen." Man brauche Maßnahmen wie ein gezieltes Flächenmanagement sowie passende Rahmenbedingungen wie die Höhe der Gewerbemieten oder die Aufenthaltsqualität. "Auch die Erreichbarkeit der Innenstädte muss wieder so gestaltet sein, dass sich Unternehmen halten können."
Geschäftsmann beschreibt Stadt als "gesellschaftlicher Kit"
Seit 150 Jahren gibt es das Geschäft von Michael Schmiederer bereits. Der Umsatz in Lahr ist zwar rückläufig, aber ihm gehört die Immobilie. Seine Tochter will die Bekleidungsgeschäfte zumindest vorläufig weiterführen. "Das ist jetzt keine Unterschrift auf Lebenszeit, aber es war für mich schon immer eigentlich interessant und auch trotz den schlechten Zeiten, glaube ich, muss man nicht immer ans Aufgeben denken", so Pia Schmiederer.
Die Innenstadt sollte ein sozialer Treffpunkt sein, findet Michael Schmiederer. Wenn es Schließungen gebe, dann gehe mehr als die Geschäfte verloren. "Dann fehlt, find ich, der gesellschaftliche Kit, der sowas zusammenhält."
Die Ministerin für Landesentwicklung, Theresa Schopper (Grüne), brachte den Rückgang des Einkaufens in der Innenstadt in der SWR-Sendung "Zur Sache! Baden-Württemberg" auch mit einem veränderten Kaufverhalten in Verbindung. Es gebe deutlich mehr Online-Handel. "Der Klick am Samstag, Sonntag jenseits der Öffnungszeiten ist schon eine heiße Konkurrenz geworden", so die Ministerin.
Deutschlandweit nimmt der Online-Handel laut dem Handelsverband Deutschland zu. In den letzten zehn Jahren hat er sich von 39,9 Milliarden Euro auf 96,3 Milliarden Euro mehr als verdoppelt, so die Prognose des Handelsverbands Deutschland für dieses Jahr.
Architekt beschreibt die Stadtquartiere der Zukunft
Die Stadt als Lebensraum, der alles vereint - so sollte laut Architekt und Stadtplaner Christoph Mäckler die Stadt der Zukunft aussehen. "Diese Fußgängerzonen mögen in den 70er, 80er Jahren funktioniert haben, der Einzelhandel hat durchaus zumindest in größeren Städten davon profitiert. Aber heute müssen wir da umdenken", sagt Mäckler in der SWR-Sendung "Zur Sache! Baden-Württemberg". Außerdem müsse man wegkommen von den Shoppingcentern, die die Kaufkraft aus den Innenstädten abziehen.
In Heidelberg arbeitet er an einem Quartier, das zeigen soll, wie Leben, Arbeiten und Einkaufen in Zukunft aussehen könnte. Wo nicht das Einkaufen im Zentrum stehen soll, sondern die Lebensqualität. "Wir bauen heute eben nur noch irgendwelche Zigarrenkisten, wo wir Löcher reinschneiden, dass da Fenster drin sind und das war's und das ist nicht genug. Der öffentliche Raum ist der Sozialraum unserer Gesellschaft", so Mäckler. Schon eine andere Verteilung der Häuser könne helfen, so entstünden Innenhöfe mit Raum für Natur und Begegnung.