Beim traditionellen Viehabtrieb in Oberried (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald) marschieren seit 29 Jahren mehr als 100 Rinder von der Weide auf 1.300 Metern Höhe ins Tal und werden in die heimischen Ställe getrieben. Eigentlich. Weil der Sommer aber viel zu trocken war und es deswegen zu wenig Futter gab, sind die Tiere schon im Tal. Der Viehabtrieb findet zum ersten Mal in anderer Belegung statt.
Regen und kaum Rinder beim Viehabtrieb in Oberried
Am Samstag platzen dicke Regentropfen vor den Rombachhof in Oberried. Ironie des Schicksals: Denn genau dieses Wetter hätten die Tiere im Sommer gebraucht. Landwirtin Julia Lauby bereitet Kuh Bella für den Umzug durchs Dorf vor. Ganz ohne Rinder muss der nämlich doch nicht auskommen.
Mit einem Handtuch poliert sie die Hörner. Es folgt Pediküre, Maniküre und sie bürstet den Kuhschwanz. Bella ist 14 Jahre alt, war als Kalb ein Hochzeitsgeschenk und darf heute ganz vorne mitlaufen. "Die ist eine alte Lady, die macht das mit", sagt Lauby.
Ziegen, Rinder und Kinder beim Umzug in Oberried
Auch Hummel, Blackie, Flöckchen, Nelly und die anderen werden hübsch gemacht. Es sind die Zwergziegen des Rombachhofs, die auch sonst immer beim Viehabtrieb mitlaufen. 18 Ziegen geführt von 18 Kindern.
Auch Oldtimer-Traktoren und eine Musikkapelle stehen an diesem Samstag schon bereit. So weit, so normal.
Für Isabel Martin läuft heute aber trotzdem vieles anders, als es eigentlich sollte. Sie ist dieses Jahr zum ersten Mal Weidewart, also mit einer weiteren Person verantwortlich für die Herde auf der Sommerweide. Sie hätte heute eigentlich 130 Rinder ins Tal heruntergetrieben. Dann kam die Trockenheit, der Regen blieb aus. "Am Anfang war es noch schön grün, dann ist der Regen weggeblieben und alles ist braun geworden."
Es sah aus wie in der Wüste.
Die erste schwere Entscheidung für die Weidewarte war, das "Fremdvieh" holen zu lassen. Das heißt, die Tiere zu holen, die über den Sommer auf der Weide zu Gast sind. Das war schon im August. Die übrige Herde blieb noch länger, musste dann aber auch drei Wochen vor dem Abtrieb runter.
Schlechte Prognosen für die Wintermonate
Auch Landwirt Manuel Tröscher vom Altenvogtshof in Oberried hatte mehr als 20 Tiere auf der Hochweide. Ihm bereitet der Blick in die Zukunft Sorgen: "So einen extremen Sommer kennt meine Generation nicht, aber auch die Generation vor uns nicht. Dass nicht nur im Sommer zu wenig Futter da ist, sondern auch für die Wintermonate."
Für Tröscher heißt das: Futter zukaufen. Aber selbst das sei schwierig.
Kurz vor dem Umzug lichten sich die Wolken und die Sonne kommt zum Vorschein. Karl-Heinz Beck führt als Moderator durch das Programm. Er stellt Baujahr und PS-Stärke der Oldtimer-Traktoren vor. Aber vor allem bringt er auf den Punkt, was in diesem Jahr beim Viehabtrieb fehlt: "Das ist das erste Mal beim Almabtrieb, dass ich die Kühe persönlich begrüßen kann." Da ist Bella, die Hochzeitskuh. Außer ihr sind auch die Kühe Sissi und Helena, die Ochsen Emil und Olaf und etwa 20 Schafe dabei.
Touristen trotzdem begeistert
Kuh Bella hat heute wohl mehr zu tun als sonst. Touristen wollen sich mit ihr ablichten lassen. Die fehlenden Rinder trüben die Stimmung der Zuschauerinnen und Zuschauer nicht. Nur der Regen, der kurz vor dem letzten Traktor wieder anfängt, treibt die Besucher wohl eher als sonst ins Festzelt.