Muss eine Wurst aus Fleisch sein? Oder reicht es, wenn sie eine Wurstform hat? Mit der Eröffnung des landesweit ersten Ablegers der "Veganen Fleischerei" in Stuttgart muss sich auch Filialleiter Andreas Holz mit dieser Frage auseinandersetzen.
Umstrittene Entscheidung auf EU-Ebene: Streit um die "Tofu-Wurst"
Schmeckt wie Fleisch, ist aber keins: Schnitzel, Gyros oder Wurst, die jedoch aus Weizen oder Erbsen sind. In einer stark kritisierten Entscheidung hat sich das Europaparlament in der vergangenen Woche für ein Verbot von Bezeichnungen wie "Tofu-Wurst" oder "Veggie-Burger" ausgesprochen. Nur tierische Produkte sollen Burger, Schnitzel, Wurst und Co. heißen dürfen. Der Grund: Es bestehe "ein echtes Verwechslungsrisiko". Noch ist die Entscheidung aber nicht endgültig gefallen, die EU-Mitgliedsstaaten müssen erst darüber abstimmen. Auch Nils Steiger, Mitgründer der "Veganen Fleischerei", blickt gespannt auf die ausstehende Entscheidung der EU.
Produkte sollen an klassische Wurstwaren erinnern
Denn: Gerade die Ähnlichkeit mache das Konzept seiner "Fleischerei" aus. Der Look des Ladens soll an eine klassische Fleischerei erinnern mit gekachelten Wänden, Kühltheke und Regalen. Nostalgie - nur ohne Fleischgeruch, erklärt Nils Steiger. Es gehe vor allem darum, Geschmackserlebnisse von früher wieder aufleben zu lassen, Emotionen zu wecken.
Wenn ich an Sauerbraten denke, kommen Erinnerungen an meine Oma hoch, wie sie ihn zu Weihnachten serviert hat.
Das sei auch der Grund, warum die Produkte an traditionelle Fleischwaren erinnern sollen. Steigers Ziel sei es vor allem, "dass weniger Menschen Fleisch essen und stattdessen vegane Produkte konsumieren". Dazu müsse der Geschmack aber stimmen.
Ex-Fleischessern soll der Wechsel zu veganen Produkten erleichtert werden
In der Stuttgarter Filiale sollen rund 140 alternative Fleischprodukte zur Auswahl stehen, hergestellt größtenteils in Dresden, manche sogar mit Fleischwolf und Rührmaschine - die Produktion folgt der klassischen Wursttechnologie. Dabei gehe es vor allem darum, den Sprung für frühere Fleischesser zu pflanzlichen Produkten ermöglichen, ohne dass sie auf ihre Gewohnheiten verzichten müssen, erklärt der Stuttgarter Filialleiter Andreas Holz.
Wenn das vegane Schnitzel plötzlich Weizenplatte heißen würde, hätte man keine Idee, wie es schmecken soll.
Anbieter veganer Produkte seien Trittbrettfahrer
Das Angebot der "Veganen Fleischerei" stößt bei Metzgern wie Joachim Lederer aus Weil am Rhein auf Kritik. Für den Landesinnungsmeister für das Fleischerhandwerk in Baden-Württemberg sind sie eine "absolute Kundentäuschung". Auch wenn klar sei, dass Menschen nicht ein veganes Schnitzel kaufen und ein Stück Fleisch erwarten.
Die Anbieter veganer Produkte mit traditionellen Namen von Fleischprodukten seien für Lederer wie Trittbrettfahrer: Sie übernähmen den den guten Ruf der Wurst, der oft über Generationen aufgebaut worden sei. "Fleisch ist für mich ein tierisches Produkt", betont Joachim Lederer. Das sieht Andreas Holz naturgemäß anders, für ihn bestimme die Form die Bezeichnung. Für den Stuttgarter Filialleiter sei deshalb eine Wurst eine Wurst, wenn sie so aussehe wie eine Wurst.