Zum Spielen gehört viel Fantasie. Doch was Kinder aus Gottmadingen (Kreis Konstanz) auf einem Spielplatz entdeckt haben, ist ganz real: eine Würgeschlange, zusammengerollt in einer Hecke. Über den Fund hatte zunächst der Südkurier berichtet.
- Kein Déjà-vu: Zwei Boas in Gottmadingen
- Wurden die Schlangen ausgesetzt?
- Haltung von Würgeschlangen in Baden-Württemberg erlaubt
- Tierschützer wünscht sich mehr Regulierung in BW
- Immer mehr Menschen halten Reptilien
Kein Déjà-vu: Zwei Boas in Gottmadingen
Wenige Tage zuvor hatte eine Frau nur wenige hundert Meter entfernt eine weitere Schlange im Flur eines Mehrfamilienhauses entdeckt. Sie alarmierte die Tierrettung Südbaden, einen Verein, der auf Einsätze für Tiere in Not spezialisiert ist.
Die Sachkundigen fingen die rund anderthalb Meter lange Rotschwanzboa ein und brachten sie in eine Reptilienstation im Nachbarlandkreis. Die Tierheime vor Ort seien nicht darauf ausgelegt, Reptilien aufzunehmen, sagt Vorstand Bernd Metzger.
Kurz darauf folgte der zweite Schlangenfund im Gottmadinger Wohngebiet Im Löhnen. Für Metzger ist diese Häufung ungewöhnlich. "Wir haben über das Jahr immer wieder Schlangenmeldungen", sagt Metzger. Rund 98 Prozent der Einsätze beträfen jedoch heimische Tiere; Exoten wie Boas seien die Ausnahme.
Wurden die Schlangen ausgesetzt?
Normalerweise, sagt Metzger, melden sich Halter, wenn ein Terrariumtier verschwindet. So aber nicht in Gottmadingen. Bislang scheint niemand die beiden Würgeschlangen zu vermissen. Die Boa vom Spielplatz lebt vorerst bei Benedikt Brück, der bereits zwei Königspythons hält. Vorübergehend teilen sich die Pythons ein Terrarium - der Neuzugang muss mindestens zwei Wochen in Quarantäne bleiben.
In der Nachbarschaft weiß man von Brücks besonderen Haustieren. Als die Nachbarskinder beim Spielen die Schlange fanden, kamen sie deshalb zu ihm. "Die war hungrig, auf Futtersuche und unterkühlt", so beschreibt Brück seinen ersten Eindruck. Sein erstes Futterangebot, eine Ratte, habe die Schlange sofort gefressen. Brück vermutet, dass das Tier ausgesetzt wurde: Auf seinen Aufruf in den sozialen Medien habe sich niemand gemeldet.
Darum ist auch Tierschützer Metzger davon überzeugt, dass jemand die Schlangen nicht mehr haben wollte. Wären die Tiere ausgebüxt, etwa weil ihre Terrarien nicht verschlossen waren, würde jemand nach ihnen suchen. Wer ein Tier aussetzt, verstößt gegen das Tierschutzgesetz. Je nach Fall drohen ein Bußgeld oder strafrechtliche Konsequenzen.
Haltung von Würgeschlangen in Baden-Württemberg erlaubt
Allerdings komme es auch immer wieder vor, dass Reptilien auftauchen, die von Reisen mitgebracht werden, so Metzger: Spinnen, Skorpione - oder eben Schlangen. Aus Sorge vor Konsequenzen würden sich manche Halter dann nicht melden.
In Baden-Württemberg sind diese Bedenken für Halter zunächst unbegründet - solange sie die Vorschriften zum Tier- und Artenschutz einhalten: Auf Landesebene ist die Haltung von Exoten nicht verboten. "Damit sind leider Gottes auch giftige Tiere nicht meldepflichtig", bedauert Metzger. In mehreren Bundesländern ist die Lage anders: Bremen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein haben die Haltung von Tieren verboten, die für Menschen lebensgefährlich sein können.
Jeder kann in Baden-Württemberg giftige Tiere halten.
Tierschützer wünscht sich mehr Regulierung in BW
Hamburg, Niedersachsen sowie die Nachbarländer Rheinland-Pfalz und Bayern setzen auf Erlaubnispflichten: Wer dort ein gefährliches Reptil halten will, braucht eine behördliche Genehmigung - häufig verbunden mit einem Sachkundenachweis oder einem Führungszeugnis.
Für Reptilien, die nicht heimisch sind, wünscht sich Metzger eine strengere Regulierung. Dazu zählen aus seiner Sicht Sachkundenachweise und die Kontrolle von Halterinnen und Haltern. "Gerade in Bezug auf Gifttiere - die sind für Menschen und Tiere gefährlich", so der Tierretter.
Martina Klausmann vom Landestierschutzverband wünscht sich darüber hinaus eine Positivliste für Heimtiere. Diese würde Tierarten definieren, die aus Tier- und Artenschutzsicht und mit Blick auf die Sicherheit des Menschen für die Haltung geeignet sind. Dennoch: "Eine artgerechte Haltung ist in den wenigsten Fällen möglich", betont Klausmann.
Immer mehr Menschen halten Reptilien
In den vergangenen Jahren hat die Zahl der Reptilien in deutschen Haushalten zugenommen. Hinweise auf eine zunehmende Reptilienhaltung liefert die Zahl der Terrarien. Laut dem Industrieverband Heimtierbedarf gab es im Jahr 2013 rund 800.000 Terrarien. Seit 2019 habe sich der Bestand auf etwa 1,3 Millionen eingependelt.
Im ersten Jahr der Corona-Pandemie stieg die Einfuhr von Reptilien aus Nicht-EU-Staaten laut Daten von Eurostat, dem Statistischen Amt der Europäischen Union, deutlich an: Gut 350.000 Tiere sind allein im Jahr 2020 nach Deutschland gekommen - mehr als doppelt so viele wie vor der Pandemie. Auch im Jahr 2025 lag der Import von Reptilien mit gut 200.000 Tieren weiter auf einem hohen Niveau.
Exotische Reptilien kommen häufig aus tropischen Regionen und sind daher anspruchsvoll, etwa was das Klima im Terrarium angeht. Immer wieder beobachtet Metzger nach der Anschaffung Probleme, sagt er. Benedikt Brück, der die Schlange vom Spielplatz aufgenommen hat, will die anderthalb Meter lange Boa constrictor behalten. Dafür hat er bereits einen Fundantrag eingereicht: Meldet sich der Besitzer nicht binnen sechs Monaten, gehört die Schlange ihm.