Die Technik ist da, aber niemand traut sich

Wann bekommt Karlsruhe eine autonome Straßenbahn

Alle reden vom autonomen Fahren - seit Jahren. Aber niemand in Deutschland setzt es um. Oder vielleicht doch? In Karlsruhe soll 2031 die erste autonome Stadtbahn unterwegs sein.

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Von Autor/in Heiner Kunold

Autonome Busse könnten theoretisch schon nächste Woche durch Karlsruhe fahren. Rein theoretisch, denn obwohl die rechtlichen Möglichkeiten vorhanden wären, will kein Hersteller das Risiko wagen und in serienmäßige, autonome Bussysteme investieren. Jetzt plant der Karlsruher Verkehrsverbund die erste autonome Straßenbahn: Sie soll 2031 fahren. Aber auch sie ist noch eine Vision.

Alexander Pischon, der Chef des KVV vor einer S-Bahn
Der Chef des Karlsruher Verkehrsverbundes (KVV) Alexander Pischon.

Eine Vision auch in klammen Zeiten

Alexander Pischon, Geschäftsführer des Karlsruher Verkehrsverbunds (KVV), sagt: Man muss auch im klammen Zeiten Visionen haben. Seine Vision ist eine vollautomatische S1/S11, die zwischen Ettlingen und Bad Herrenalb beziehungsweise zwischen Ettlingen und Ittersbach unterwegs sein soll. Die KVV eigene Stammstrecke teilt sich in der Mitte.

Wir haben gefragt, ist das realistisch? Ja - das Projekt steht. Wir wollen bis 2031 diese Strecke fahren von Ettlingen nach Bad Herrenalb und nach Ittersbach. Technisch wollen wir das mit Systemen machen, die es heute schon gibt.

Bislang immer nur mit Fahrer. In Zukunft auf der S1S11 vielleicht nicht mehr
Bislang immer nur mit Fahrer. In Zukunft auf der S1/S11 vielleicht nicht mehr

Albtalstrecke muss ohnehin saniert werden

Weil sie ohnehin saniert und modernisiert werden soll, könnte man die Stadtbahnlinie doch gleich so gestalten, dass sie digital und vollautomatisch nutzbar wäre, findet KVV-Chef Pischon. Die Kosten dafür hat er auch schon ausgerechnet. Sie würden bei rund 110 Millionen Euro liegen. Das ist nicht viel mehr, als ohnehin geplant wäre, sagt Pischon. Die Infrastruktur wäre also kein Problem.

Finanzierungsproblem für autonome Stadtbahnzüge

Viel mehr allerdings die Fahrzeuge: Fahrerlose Stadtbahnen müssten mit einiger Elektronik ausgerüstet werden. Das System heißt CTPS und steht für "Communication Based Train Control" (anstelle der alten, ortsfesten Signale). Diese Technik ist nicht neu. Sie wird schon erfolgreich eingesetzt in U-Bahnen in Paris, New York oder in Nürnberg beispielsweise, aber bislang noch nie auf einer oberirdischen Straßenbahnstrecke. Überhaupt wäre Karlsruhe mal wieder Vorreiter, denn solche autonomen Bahnen wurden zwar schon anderswo erprobt, aber sie kamen in Deutschland noch nirgendwo sonst zum Einsatz.

Das Problem auch hier: das liebe Geld. Und allein deshalb bleibt die vollautomatische Stadtbahn bis auf Weiteres eine Vision von KVV-Chef Pischon. Denn die Verkehrsbetriebe hätten eine Deckungslücke bei den neuen autonomen Bahnen von bis zu zwei Millionen Euro pro Fahrzeug. Bei insgesamt 42 anzuschaffenden Straßenbahnen summierte sich diese Lücke nach KVV-Angaben auf bis zu 90 Millionen Euro - von denen nur knapp 70 Millionen förderungsfähig wären. Macht unter dem Strich ein Minus von etwas mehr als 20 Millionen. Auf jeden Fall viel Geld, das nach Meinung des KVV-Chefs am besten aus Fördertöpfen der EU kommen sollte.

Eine Karlsruhe Initiative könnte europaweit aufgegriffen werden

Diese Idee mag verwegen klingen, Alexander Pischon hält sie trotzdem für umsetzbar, denn ein neues "Karlsruher Modell" wäre für viele andere Verkehrsunternehmen in Deutschland und sogar in Europa spannend. Man warte allenthalben darauf, dass einer den ersten Schritt geht, sagt der Verkehrsexperte und verweist auf ein Gespräch mit den Wiener Linien, die von der Karlsruher Idee gehört haben und angeblich gleich Feuer und Flamme waren.

Wenn die Förderung funktioniert kommt auch die Genehmigung

Bleibt die Frage: Wie realistisch wäre zum einen die finanzielle Förderung und zum anderen die Genehmigung einer autonomen Strecke im Albtal bis zum Jahr 2031? Auch hierauf hat der KVV-Chef eine klare Antwort: Wenn die Förderung steht und damit der politische Willen, dann sei die Genehmigung kein Problem mehr, so Pischon. Zumal die Technik für den nächsten größeren Schritt adaptierbar wäre: und da wären die Straßenbahnen, die durch die Stadt unterwegs sind.

Von unserer Seite aus sind wir bereit. Wir kriegen das technisch hin und wir spüren aus der Politik und aus den Zulassungsbehörden einen Willen, sich in diese Richtung zu bewegen.

Vollautomatische Bahnen fahren zuverlässiger und günstiger

Sind diese Visionen am Ende mehr als nur ein Hirngespinst von Verkehrsplanern? Alexander Pischon sagt: unbedingt! Der KVV-Chef verweist auf die demografische Entwicklung seines Unternehmens. Trotz größerer Anstrengungen gelinge es kaum noch, genügend Fahrer anzustellen, selbst mit Verstärkung aus Kolumbien seien schon heute nicht mehr alle Linien im gewohnten Maß zu bedienen. Diese Entwicklung werde sich verschärfen. Ein digitales System dagegen könnte sogar rund um die Uhr laufen und den Takt sogar noch verdichten.

Und es gibt noch zwei Punkte, die für autonome Straßen und Stadtbahnen sprechen: Sie fahren angeblich zuverlässiger und sie führen vor allem günstiger. Es gebe Berechnungen, nach denen mit automatischen Zügen Kosteneinsparungen von 30 bis 50 Prozent möglich wären, sobald sie serienreif auf dem Markt verfügbar wären, berichtet der KVV-Boss. Auch das müsste in der Realität noch geprüft werden.

"Wir spüren eine größere politische Bereitschaft"

Nach der großen Begeisterung über das Thema autonomes Fahren vor der Corona-Zeit ist es inzwischen still geworden um das Thema. Alexander Pischon sagt: "Wir spüren da eine größere politische Bereitschaft, als bisher." Ob das allerdings reicht, ist die spannende Frage. Denn wer mag in klammen Zeiten Milliarden ausgeben für Systeme, die sich erst noch bewähren müssen? Wann also kommt das Sondervermögen Verkehrswende?

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