Etwa 30 Menschen sind an diesem regnerischen Samstag gekommen, um an dem Rundgang durch Pforzheim teilzunehmen. Kunsthistorikerin Christina Klittich und Historiker Kai Adam wollen zum Gedenktag den Teilnehmenden die Geschichte Pforzheims näherbringen und auf den Spuren der NS-Diktatur bis zur Zerstörung der Stadt wandeln. Die Hauptorte der Führung waren der Platz der ehemaligen Synagoge, der Stolperstein von Lore Posner/Lore Perls und die Enzarkaden.
Nur noch ein Gedenkstein erinnert an die alte Pforzheimer Synagoge
Heute erinnert nur noch ein Gedenkstein in der Zerrenerstraße an die alte Jüdische Synagoge, die am 10. November 1938 von Nazis geplündert, geschändet und in Brand gesteckt wurde. Bis dahin war die Pforzheimer Synagoge, erbaut im Jahr 1892 von dem Karlsruher Architekten Ludwig Levy, eine architektonische Besonderheit. Sie zeichnete sich unter anderem durch einen auffälligen Kuppelbau aus. Die Reste des Gotteshauses mussten nach seiner Zerstörung auf Kosten von jüdischen Bürgern in Pforzheim entsorgt werden.
Während der NS-Zeit verschwanden viele Spuren jüdischen Lebens in Pforzheim. Erinnerungen, die an jüdisches Leben in Pforzheim gedenken und die bei dem Stadtrundgang gezeigt werden, sind unter anderem die Stolpersteine. So findet sich ein Stolperstein mit dem Namen der Pforzheimer Jüdin Lore Posner vor dem heutigen Hebelgymnasium (früher auch Reuchlin-Gymnasium) in der Goethestraße. Lore Posner ist eine der Jüdinnen aus Pforzheim, die sich rechtzeitig absetzen konnte und nach Amerika ging. Sie war nicht nur eine der ersten Frauen, die am ehemaligen Reuchlin-Gymnasium Abitur machte, sie wurde nach ihrer Flucht auch als Mitbegründerin der sogenannten Gestalttherapie bekannt.
Dramatische Szenen an den Pforzheimer Enzufern im Februar 1945
Ein denkwürdiger Ort der historischen Stadtführung waren die Pforzheimer Enzarkaden. Hier am Fluss spielten sich im Februar 1945 dramatische und apokalyptische Szenen ab, als Bürger der Stadt versuchten, dem Feuersturm nach dem Bombenhagel im Fluss zu entkommen. Die Lesung eines Augenzeugenberichts erinnern an diese Ereignisse.
Pforzheim: Nationalsozialismus war stark ausgeprägt
Der Nationalsozialismus war laut Historiker Kai Adam "sehr stark" in Pforzheim ausgeprägt. Auch schon vor Ende der Weimarer Republik habe die NSDAP hier überdurchschnittliche Wahlergebnisse erzielt. Ein Grund: Pforzheim war laut Adam eine "explosiv gewachsene" Stadt, die durch ihre Schmuckindustrie zwar prosperierte, aber auch krisenanfällig war.
Nach der Machtergreifung Hitlers im Januar 1933 wurden auch in Pforzheim Politik und Gesellschaft "gleichgeschaltet" und demokratische Strukturen durch die Ideologien der NSDAP ersetzt, schreibt die Stadt Pforzheim auf ihrer Seite. Jüdische Pforzheimerinnen und Pforzheimer, Menschen mit Behinderung und politisch Andersdenkende wurden von den Nationalsozialisten verfolgt, diskriminiert und ermordet.
23. Februar in Pforzheim: Fast 18.000 Menschen sterben
Während des Zweiten Weltkriegs lieferten Pforzheimer Betriebe der feinmechanischen Industrie unter anderem Zünder für die Rüstungsindustrie. Das machte sie zu einem wichtigen Angriffsziel für die Alliierten. Am 23. Februar 1945 kam es zum verheerenden Luftangriff durch die britische Royal Air Force. Fast 18.000 Menschen starben, die genaue Zahl ist unbekannt. Nur etwa 20 Minuten dauerte die Bombardierung. Wie auf der Stadtführung geschildert, entwickelte sich nach dem Abwurf der Bomben ein stundenlang tobender Feuersturm, der Pforzheim in Schutt und Asche legt. Zwei Drittel der Stadt wurden zerstört, darunter die komplette Innenstadt.
Zum 80. Jahrestag der Zerstörung Pforzheims im vergangenen Jahr erinnerten sich Zeitzeugen in einem Gespräch mit dem SWR zurück an den Tag der Bombardierung.
Gedenktag fest in Pforzheimer Geschichte verankert
Die Erinnerung an die Vergangenheit wachhalten und damit auch zur Demokratiebildung beitragen - ein Ziel der Stadtführung, die Teil des städtischen Programms rund um den 23. Februar ist. Am Montag steht dann das Gedenken an die Opfer der Bombardierung und des NS-Regimes im Mittelpunkt - unter anderem mit einer Gedenkveranstaltung auf dem Hauptfriedhof und dem abendlichen "Lichtermeer" auf dem Marktplatz.