Wenn Ulrike Störzbach mit ihrem Pferd Sigiloso durch Heimsheim im Enzkreis reitet, sind ihr die Blicke sicher. Mit Hut, Frack und weißer Reithose sieht sie aus wie aus der Zeit gefallen. Das soll auch so sein, alles soll aussehen wie in der Zeit des Barocks: pompös, prunkvoll und prächtig. Denn Ulrike Störzbach macht eine besondere Art des Dressurreitens: das Barockreiten. Dabei soll alles so aussehen wie vor rund 400 Jahren.
Barockreiten: Mehr als Reiten im Kostüm
Barockreiten ist mehr als nur prachtvoll geschmückte Pferde und Reiterinnen. "Barockreiten ist eine ruhige Art des Dressurreitens, völlig ohne Druck", erklärt die Leiterin des Reitzentrums. Die Reitform kommt aus der Zeit des Barocks vor rund 400 Jahren. "Damals, in einer Zeit mit wenig Kriegen, hatte man Zeit für die Kunst mit dem Pferd", erklärt Störzbach. Pferd und Reiter könnten so in ihrem Tempo neue Sachen lernen. Das reduziert auch das Verletzungsrisiko bei Pferden, so Störzbach.
Ziel ist, dass die Pferde in Balance gehen und durch die Balance langfristig gesund bleiben.
Zum Barockreiten hat Ulrike Störzbach in einer dunklen Zeit ihres Lebens gefunden. Eine Gehirnentzündung hatte sie vor vielen Jahren aus der Bahn geworfen. "Ich bin von heute auf morgen ein Pflegefall gewesen", erzählt sie. Sie habe nichts mehr gehört und ihr Gleichgewichtssinn sei weg gewesen. An Reiten war zu dieser Zeit nicht zu denken. "Das hat mich damals schon sehr schockiert", so die Reitlehrerin.
Hofbesitzerin aus Heimsheim gewinnt Gleichgewichtssinn zurück
Aber sie hat sich langsam ins Leben zurückgekämpft. Nach und nach kommt ihr Gehör wieder und sie lernt das Barockreiten kennen. Ihren Gleichgewichtssinn hat sie mit und auf ihrem Pferd zurückgewonnen. Die Ruhe dieser Sportart hat es ermöglicht, überhaupt erst wieder mit dem Reiten anzufangen. Alles andere wäre für sie nach ihrer Krankheit nicht möglich gewesen.
Es [war] für mich eben auch eine Art, die Dinge langsam zu machen, in meiner Zeit, wie ich sie konnte.
Sieht man diese fröhliche Frau heute, könnte man nicht meinen, dass sie eine so schlimme Zeit im Leben hinter sich hat. Ihre Begeisterung will sie an andere Menschen weitergeben. Der entspannte Ansatz beim Barockreiten eignet sich ihrer Meinung nach ideal als Reittherapie, auch ohne Kostüm. Deshalb bietet sie, gemeinsam mit Reittherapeuten, auf ihrem Hof Therapien für Kinder und Erwachsene mit ADHS, Autismus und einer Behinderung an.
Barockreiten im Kostüm: Nachwuchs in Heimsheim steht bereit
Der Nachwuchs fürs Barockreiten steht auch schon in den Startlöchern. Beim Reitunterricht übt der Nachwuchs fleißig auf, neben und hinter dem Pferd. Durch kleine Zeichen ihrer Reiterinnen merken die Tiere sofort, was sie tun sollen. Und so führt Rahel Sattler ihr Pferd gekonnt kreuz und quer durch die Trainingshalle. Aktuell ist die Teenagerin noch ohne Kostüm unterwegs. Aber irgendwann will sie auch bei den Auftritten und Shows der Profis dabei sein.
Ich finde, das sieht immer elegant und sehr schön aus. Ich schau da dann immer gern zu, wenn Aufführungen sind. Also ich kann mir das auch irgendwann vorstellen.
Für Barockreiterin Alexa Bußjäger soll es aber nicht nur schön aussehen. Sie arbeitet auf einen ganz bestimmten Moment hin.
Beim Barockreiten jagt man die ganze Zeit dem Ideal hinterher, eins zu sein mit deinem Partner. Und dann hast du den Moment einmal kurz am Tag und dann ist es schnell wieder vorbei.
Im barocken Kostüm übt auch Ulrike Störzbach mit Pferd Sigiloso kreuz und quer durch die Übungshalle. Sigi, wie der temperamentvolle Spanier abgekürzt wird, läuft vorwärts, rückwärts und sogar seitwärts. Gemeinsam mit ihrer Reitgruppe plant die Leiterin des Barockreitzentrums schon die nächste Show im Frühjahr. Das prunkvolle Outfit steht schon, jetzt muss nur noch die Choreografie sitzen.