Eigentlich ist die Renaturierung der Jagst eine Erfolgsgeschichte. Zumindest laut einer Sprecherin des Umweltministeriums Baden-Württemberg auf eine Anfrage des SWR:
Der vom Unglück betroffene Jagst-Abschnitt erreicht aktuell eine bessere Bewertung, als der Flussabschnitt, welcher von den Auswirkungen des Jagst-Unglücks nicht betroffen war.
So sieht es auch Bruno Fischer, der Vorsitzende des Kirchberger Ortsverbands des Naturschutzbunds (NABU). Er hat die Folgen des verheerenden Mühlenbrands im Kirchberger Teilort Gaggstatt-Lobenhausen (Kreis Schwäbisch Hall) vor zehn Jahren selbst erlebt. Und auch die Bemühungen danach. "Damals fingen wir bei Null an", sagt Fischer heute. Jetzt seien fast alle Fischarten wieder in der Jagst vertreten.
Trotzdem ist nicht alles so wie früher, sind sich der NABU-Vertreter Fischer und die Ministeriumssprecherin einig: Die Zahl der Fische ist niedriger als vor zehn Jahren. Und nur einige wenige Arten kommen mit den Lebensbedingungen in dem Fluss gut zurecht.
Die Nacht des Jagst-Unglücks
Als am Abend des 22. August 2015 die Feuerwehr anrückte, um den Brand in der Lobenhäuser Mühle bei Kirchberg an der Jagst einzudämmen, ahnte niemand, dass die Löscharbeiten eine der größten Naturkatastrophen in Baden-Württemberg auslösen würden: Löschwasser floss in die Jagst, angereichert mit giftigem Ammoniak aus Düngemittel, das auf dem Mühlengelände gelagert war.
20 Tonnen tote Fische in der Jagst
Der Großeinsatz in der Nacht zum 23. August dauerte Stunden. Die eigentliche Hiobsbotschaft folgte einen Tag später: "Der Fluss ist tot", erklärte der örtliche NABU-Vorsitzende Bruno Fischer damals.
Rund 20 Tonnen tote Fische hatten haupt- und ehrenamtliche Helferinnen und Helfer am Ende zwischen Kirchberg und der Mündung in den Neckar aus dem Wasser geholt. Drei Landkreise waren von dem Fischsterben betroffen.
Einsatzkräfte bergen tote Fische
Jahre der Wiederbelebung in der Jagst
Es folgten die Jahre der Wiederbelebung, koordiniert von der Fischereiforschungsstelle des Landes Baden-Württemberg. Von 2016 bis 2018 ließ sie wieder und wieder Fische in den Fluss umsetzen, in der Hoffnung, dass sie sich dort vermehren. Und tatsächlich - allmählich habe sich die Fauna erholt, heißt es aus dem Ministerium.
Heute, zehn Jahre nach dem Mühlenbrand, schaut sich Fischer erneut an dem Ort um, an dem damals das Löschwasser in die Jagst floss. Ein Biotop hat der NABU-Ortsverband dort geschaffen. Mit einem Seitenarm der Jagst als Laichgewässer.
Das Gleichgewicht in der Jagst ist nicht da
"Doch was fehlt, ist das Gleichgewicht", sagt Fischer. Fischarten wie Döbel und Wels haben die Oberhand; für Nase, Barbe und Forelle - die eigentlich typischen Jagst-Fische - sei es dagegen schwer, sich zu vermehren.
Den typischen Jagst-Fischen wird es zu warm
Für den NABU-Vertreter liegt der Grund dafür auf der Hand. Seit Jahren wird das Wasser immer wärmer. Damit wachsen in der Jagst immer mehr Algen. Und die verbrauchen den Sauerstoff, auf den die typischen Jagst-Fische angewiesen sind. Auch das Umweltministerium macht das warme Wasser als Hauptproblem aus.
Hauptursache dafür sei der Klimawandel - mit dem, so heißt es weiter, hätten aktuell alle Flüsse im Land zu kämpfen, nicht nur die Jagst. Derzeit - so scheint es zumindest - wird es in der Jagst nie mehr so wie früher. Allen Bemühungen zum Trotz.