Ein Fingerzeig gen Himmel nach dem Tor, Bekreuzigen bei der Einwechslung, oder der Gebetskreis von Felix Nmecha und Jonathan Tah mit gegnerischen Spielern nach dem Spiel Deutschland gegen Curaçao - bei vielen Begegnungen der laufenden Fußball-WM sind Glaubensbekundungen sichtbar. Beim letzten Gruppenspiel der deutschen Mannschaft waren ähnliche Aktionen zu sehen.
Initiative "Ballers in God" versammelt Profis, Ehemalige und Trainer
Einige Profis, aber auch Ehemalige oder Trainer mit religiösen Überzeugungen sind in der Initiative "Ballers in God" versammelt. Die "Fußballer in Gott" decken wohl ein breites Spektrum ab, von landeskirchlichen bis freikirchlichen Bezügen. Bei den öffentlichen Zeichen und Gesten steht auffällig oft Jesus im Mittelpunkt der Botschaft. Und so gibt es auch im Online-Shop der "Ballers in God" viel Merchandise zu kaufen: Vom Jesus-Shirt oder -Pullover über Socken und Schienbeinschoner mit Kreuz bis hin zu den "Ballers-in-God"-Armbändern, die Curaçao-Spieler Kenji Gorré beim gemeinsamen Gebet nach dem Spiel trug.
Symbole in sozialen Netzen weit verbreitet
Medial sichtbare Glaubensbotschaften nach außen hat es immer schon gegeben, sagt Andreas Oelze. Für den Weltanschauungs-Beauftragten der Evangelischen Landeskirche in Württemberg ist dabei neu, dass diese Symbole so große Verbreitung in sozialen Netzen finden. Teils werden die Gesten von den betreffenden Fußballern direkt geteilt und genutzt - wie etwa bei Felix Nmecha die imaginäre Krone, die er nach seinem Tor gegen Curaçao symbolisch auf den Rasen setzte. Die Botschaft: Jesus ist der einzige König.
Diese Szene, wie auch der Gebetskreis nach dem Spiel, können zunächst einmal als sinnstiftend und verbindend verstanden werden - zumal, wenn Spieler, die sich gerade noch auf dem Platz gegenüber standen, nun gemeinsam auf demselben Rasen beten. So hatte es Nmecha auch selbst nach dem Spiel erklärt.
Religiöse Fußballer bei der WM: Das sagt ein Experte zu den Zeichen
Etwas Verbindendes also - und Bescheidenheit, auch im Umgang mit der eigenen Leistung. Außerdem könnten Rituale etwa vor dem Spiel oder beim Elfmeterschießen den immensen Druck nehmen, den der Leistungssport mit sich bringe, so die Einschätzung des Weltanschauungsbeauftragten Oelze.
Ein Netzwerk wie "Ballers in God" kann dabei aus Sicht der dort organisierten Sportler sicherlich hilfreich sein. Felix Nmecha bezeichnet dessen Gründer John Bostock als Vorbild und Inspirationsquelle, etwa in einem langen Podcast-Gespräch über Glaubensfragen, lebenspraktische und moralische Themen. Bostock selbst scheint evangelikalen Ansichten nahezustehen. Er hat sich auch schon mit Ben Fitzgerald getroffen, dem obersten Pastor der "Awakening Church", die in Deutschland vor allem in Baden-Württemberg vertreten ist, unter anderem mit einer Gemeinschaft in Eimeldingen im Kreis Lörrach.
Religiöse Symbolik bei der Fußball-WM nicht klar einer Strömung zuzuordnen
Die "Awakening Church", die ein Gespräch mit dem SWR abgelehnt hat, ordnet der württembergische Weltanschauungsbeauftragte als neucharismatisch ein. Die breitere evangelikale Strömung im Protestantismus zeichne sich vor allem durch eine Frömmigkeit aus, bei der die Beziehung zu Jesus und eine wortgetreue Auslegung der Bibel im Mittelpunkt stehen. Neucharismatische Frömmigkeit sieht Oelze möglicherweise als Unterform des Evangelikalismus oder auch als eigene Strömung. Hier gehe man davon aus, dass sich der Geist Gottes ganz unmittelbar zeige, beispielsweise durch Wunder und andere übernatürliche Phänomene.
Die Fußballer, die jetzt bei der Fußball-WM mit religiöser Symbolik auffallen, seien aber nicht klar einer bestimmten Strömung zuzuordnen. Dass etwa der argentinische Superstar Lionel Messi seine Schuhe angeblich habe segnen lassen, sei eher im katholischen Glauben anzusiedeln. "Ballers in God" dagegen sei in mancher Hinsicht evangelikal geprägt und verbreite teils konservative Ansichten.
Fans von Borussia Dortmund erinnern in Foren auch jetzt wieder an Debatten um den Wechsel von Felix Nmecha zu dem Ruhrgebietsverein. 2023 hatte unter anderem eine queere Fangruppierung auf Beiträge in sozialen Medien aufmerksam gemacht, die sie als trans- und schwulenfeindlich verurteilten. Nmecha erklärte damals zwar, er habe niemanden diskriminieren wollen. Doch eine echte inhaltliche Auseinandersetzung mit den Themen nahmen die Fans nicht wahr.
Jesus-T-Shirts: Textbotschaften bei Spielen nicht erwünscht
Und die Jesus-Artikel im Online-Shop? Zeugt das nun von einem besonderen missionarischen Eifer, oder von einem ausgeprägten Geschäftssinn? Vielleicht unterstreichen sie, dass es den Beteiligten wichtig ist, ihre Botschaften möglichst breit sichtbar zu machen.
Manche dieser Artikel werden bei der Weltmeisterschaft wohl eher nicht zum Einsatz kommen, zumindest nicht während der Spielzeit auf dem Platz. Die Regularien des Weltfußballverbandes FIFA sehen für dieses Turnier vor, dass zwar religiöse Gesten und Handlungen möglich sind, solange sie den Spielverlauf nicht stören. Aber Textbotschaften wie auf Jesus-T-Shirts sind nicht erwünscht. Jedenfalls nicht beim Hoch- oder Ausziehen des Trikots, das während des laufenden Spiels mit einer gelben Karte bestraft wird.