Oper auf der Seebühne der Bregenzer Festspiele

Ein berstender Riesenspiegel und ein Infinity Pool - So funktioniert das Bühnenbild zu "La traviata"

Ein gigantischer Spiegel dominiert das neue Bühnenbild der Bregenzer Festspiele. Wie erzählt das spektakuläre Setting von "La traviata" Violettas Geschichte - und welche Technik steckt dahinter?

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Von Autor/in Karin Wehrheim

Im Bodensee steht derzeit ein Bühnenbild, das selbst für die Bregenzer Festspiele außergewöhnlich ist: ein riesiger, zerborstener Spiegel als zentrales Symbol für Giuseppe Verdis Oper "La traviata" auf der Seebühne. Zum 80-jährigen Jubiläum verwandelt Regisseur Damiano Michieletto gemeinsam mit Bühnenbildner Paolo Fantin die Naturkulisse in eine glitzernde und zugleich fragile Welt.

Fantins zentrale Idee: ein Spiegel, so hoch wie ein achtstöckiges Wohnhaus, mit einer Fläche von rund 700 Quadratmetern, der im Verlauf des Abends in 86 Splitter zerbricht.

Der Spiegel ist ein zerbrochener Spiegel, ich habe ihn einen "zerbrechlichen Augenblick" genannt. Wenn etwas zerbricht, sieht man es nicht, weil es nur ein Augenblick ist. Hier gelingt es uns, diese Zeit zu dehnen und so eine Skulptur in Bewegung zu schaffen – allerdings eine unmögliche Bewegung, die das menschliche Auge nicht wahrnehmen könnte.

Und so sieht das Bühnenbild zu "La traviata" der Bregenzer Festspiele von hinten aus:

Das Bühnenbild zu "La traviata" bei den Bregenzer Festspielen von hinten.
Von vorn ein zerborstener Riesenspiegel - von hinten eine Bretterwand: So sieht das Bühnenbild zu "La traviata" vom Zugangssteg aus. Karin Wehrheim Bild in Detailansicht öffnen
Das Bühnenbild zu "La traviata" bei den Bregenzer Festspielen von hinten.
28 Meter hoch ist das gesamte Bühnenbild. Von fast ganz oben wird Alfonso singen - wenn er die vielen Stufen hochgeklettert ist. Karin Wehrheim Bild in Detailansicht öffnen
Das Bühnenbild zu "La traviata" bei den Bregenzer Festspielen von hinten.
Steht man im Zentrum des zerborstenen Riesenspiegels, sieht man dort die große schwarze Kugel stecken - ein Symbol für Violettas tödliche Krankheit. Karin Wehrheim Bild in Detailansicht öffnen
Das Bühnenbild zu "La traviata" bei den Bregenzer Festspielen von hinten.
Auf dieser Schiene gleitet die schwarze Kugel aus dem Spiegel heraus - vom Publikum aus ist die Schiene unsichtbar. Karin Wehrheim Bild in Detailansicht öffnen
Das Bühnenbild zu "La traviata" bei den Bregenzer Festspielen von hinten.
Ein Blick, den nur Mitwirkende haben: die schwarze Kugel inmitten der Splitter des Riesenspiegels. Karin Wehrheim Bild in Detailansicht öffnen
Das Bühnenbild zu "La traviata" bei den Bregenzer Festspielen von hinten.
Bei "La traviata" reicht das Wasserbecken bis an den Rand der Seebühne - wie ein Infinity-Pool. Das überlaufende Wasser wird gefiltert und geht zurück in den Bodensee. Karin Wehrheim Bild in Detailansicht öffnen
Das Bühnenbild zu "La traviata" bei den Bregenzer Festspielen von hinten.
Unter dieser quadratischen Platte auf der Bühne verbirgt sich ein Schacht - vielleicht verschwindet jemand durch ihn hindurch... Karin Wehrheim Bild in Detailansicht öffnen
Das Bühnenbild zu "La traviata" bei den Bregenzer Festspielen von hinten.
Unter dem Bühnenbild ist auch Platz für die Künstlergarderoben, die Maske und Requisite sowie Teeküche und Aufenthaltsräume für Bühnentechniker, Tänzer und Chor. Alles für die Zuschauenden unsichtbar. Karin Wehrheim Bild in Detailansicht öffnen
Das Bühnenbild zu "La traviata" bei den Bregenzer Festspielen von hinten.
Überall sind Requisiten gestapelt - auch bunte Luftmatratzen und Liegestühle. Karin Wehrheim Bild in Detailansicht öffnen
Das Bühnenbild zu "La traviata" bei den Bregenzer Festspielen von hinten.
Auch die Schaltzentrale der Bühnentechnik ist unter dem Bühnenbild. Auf den großen Monitoren kann jeder Bereich überwacht und gesteuert werden. Karin Wehrheim Bild in Detailansicht öffnen
Das Bühnenbild zu "La traviata" bei den Bregenzer Festspielen von hinten.
Unter dem Bühnenbild sind Dutzende Aluröhren befestigt. Aus ihnen steigen, mit Luftdruck angetrieben, Blumen empor in das Wasserbecken. Karin Wehrheim Bild in Detailansicht öffnen
"La traviata" bei den Bregenzer Festspielen 2026 auf der Seebühne.
Symbolisch über die Schulter gespuckt für eine erfolgreiche Aufführung wird hier auch, zusätzlich zum "Toi toi toi" an der Bretterwand. Karin Wehrheim Bild in Detailansicht öffnen
"La traviata" bei den Bregenzer Festspielen 2026 auf der Seebühne.
Hinter der Bühne haben die Mitwirkenden sich bereits verewigt - mit einer Markierung für die Körpergröße und dem Vornamen. Karin Wehrheim Bild in Detailansicht öffnen
"La traviata" bei den Bregenzer Festspielen 2026 auf der Seebühne.
Außerhalb der Proben kann das Bühnenbild im Bodensee bestaunt werden. Karin Wehrheim Bild in Detailansicht öffnen

30 Tonnen Splitter: Wie der Riesenspiegel funktioniert

Damit der Spiegel nicht nur als Bild funktioniert, sondern sich im Laufe des Abends tatsächlich auflöst, war ein erheblicher technischer Aufwand nötig. Über den Winter wurden die Spiegelsplitter aus Holzplatten gefräst und mit einem speziellen Gewebe beklebt, das reflektiert, ohne das Publikum zu blenden. Die Holzelemente sind auf einer tragenden Stahlkonstruktion montiert und werden über Hydraulikzylinder einzeln bewegt.

Wir haben da 30 Tonnen an beweglichen Splittern. Jeder Splitter ist anders gelagert, und die Programmierung muss natürlich so sein, dass jeder Splitter an den anderen vorbeifahren kann. Das ist eine Herausforderung.

Infinity Pool für Solisten, Chor und Tänzer

Zum Bühnenkomplex gehört auch das Wasserbecken, das sich vom Spiegel bis zu den Zuschauerrängen zieht. Gefiltertes Seewasser wird über Unterwasserpumpen ins Becken geleitet, zweimal täglich ausgetauscht und vor der Rückführung in den Bodensee erneut gereinigt – ein technisches System, das bereits bei "Der Freischütz" 2024 und 2025 eingesetzt wurde.

"La traviata" bei den Bregenzer Festspielen 2026 auf der Seebühne.
Seit Mitte Juni wird zweimal täglich auf der Seebühne geprobt. Karin Wehrheim

Blumen, Kugel, Tod: Effekte unter der Oberfläche

Wer tagsüber an einer Führung hinter und unter dem Spiegel teilnimmt, sieht, wie viel Technik hinter den poetischen Bildern steckt. Bühnentechnikerin Julia Schultheis führt Besucher und Besucherinnen in den Raum direkt unter der Bühne, in dem "unfassbar viele Zylinder" stehen. In ihnen stecken Blumen, die während der Aufführung aus dem Bühnenboden und aus dem Wasser wachsen.

Das sind 270 Blumen, die wir alle pneumatisch hochfahren können. Und pneumatisch eigentlich auch wieder runterfahren können.

Außerdem gehört zum Bühnenbild eine sechs Meter hohe, schwarze Kugel. Sie wird aus dem zerborstenen Spiegel wie von Geisterhand auf Violetta zufahren: ein Bild des Todes. "Diese Kugel blasen wir auf vor Proben oder vor der Vorstellung. Und sie wird auch die ganze Zeit mit Luft gefüllt."

Bühnenbild der Bregenzer Festspiele kostet Millionen

Die Seebühnenproduktionen der Bregenzer Festspiele zählen zu den aufwendigsten Opernprojekten weltweit. Vier Jahre vergehen von der ersten Idee bis zur Premiere, die Investitionen in Bühnenbild und Infrastruktur werden stets für zwei Spielzeiten kalkuliert. Beim neuen Spiegel-Bühnenbild belaufen sich die Kosten für Aufbau, Betrieb und Abbau auf rund zehn Millionen Euro. Das fügt sich ein in eine Serie spektakulärer Bauten, deren bisher schwerstes das "Fidelio"-Bühnenbild mit 800 Tonnen war.

So sahen Bühnenbilder auf der Seebühne der Bregenzer Festspiele aus.
"André Chénier", die selten gespielte Oper von Umberto Giordano, machte den Bodensee zu einer Badewanne, in der ein Sterbender liegt - das Bühnenbild von 2011 und 2012. Karin Wehrheim Bild in Detailansicht öffnen
Ein Riesentisch und zwei Stühle als Bühnenbild der Bregenzer Festspiele auf der Seebühne im Bodensee
Eine überdimensionale Bistroszene mit Tischen und Stühlen bildete 2001 und 2002 das Szenario zu der Puccini-Oper "La Bohème". picture alliance/dpaweb Bild in Detailansicht öffnen
Ein Stück Chinesische Mauer ragt aus dem Bodensee - das Bühnenbild 201516 für die Oper "Turandot" bei den Bregenzer Festspielen.
Ein Stück Chinesische Mauer ragt aus dem Bodensee - das Bühnenbild 2015/16 für die Oper "Turandot" bei den Bregenzer Festspielen. Pressestelle Bregenzer Festspiele/Marcel Hagen Studio Bild in Detailansicht öffnen
Eine Art Ölraffinerie als Bühnenbild der Bregenzer Festspiele auf der Seebühne im Bodensee
Eine knallrote Ölraffinerie war 2005 und 2006 das Bühnenbild für die Verdi-Oper "Der Troubadour" auf der größten Seebühne der Welt. Pressestelle Bregenzer Festspiele/andereart Bild in Detailansicht öffnen
Ein gigantisches Auge war zentrales Element des Bühnenbildes für die Oper "Tosca" 2007 und 2008 auf der Seebühne der Bregenzer Festspiele.
Ein gigantisches Auge war zentrales Element des Bühnenbildes für die Oper "Tosca" 2007 und 2008 auf der Seebühne der Bregenzer Festspiele. Das Bühnenbild wurde auch für den James-Bond-Film "Quantum of Solace" und für Public Viewing zur Fußball-Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz verwendet. Karin Wehrheim Bild in Detailansicht öffnen
So sahen Bühnenbilder auf der Seebühne der Bregenzer Festspiele aus.
Drei Drachenhunde und eine Schildkröte - darauf spielte 2013 und 2014 Mozarts "Zauberflöte". Karin Wehrheim Bild in Detailansicht öffnen
Bühnenbild der Bregenzer Festspiele auf der Seebühne im Bodensee
Riesige Füße, Teile eines Kopfes, eine Hand - das Bühnenbild für Giuseppe Verdis "Aida" 2009 und 2010 wurde während der Aufführungen mit zwei großen Kränen zusammengesetzt. Es entstand eine Art New Yorker Freiheitsstatue. Pressestelle Bregenzer Festspiele/Karl Forster Bild in Detailansicht öffnen
Bühne als aufgeschlagenes Buch mit Skelett
1999 und 2000 sorgte das Bühnenbild zu Giuseppe Verdis Oper "Ein Maskenball" mit einem überdimensionalen Skelett für Aufsehen. Pressestelle Bregenzer Festspiele/Benno Hagleitner Bild in Detailansicht öffnen
So sahen Bühnenbilder auf der Seebühne der Bregenzer Festspiele aus.
Zwei riesige Hände wirbeln Spielkarten durch die Luft - das Bühnenbild zu George Bizets "Carmen" 2017 und 2018. Karin Wehrheim Bild in Detailansicht öffnen
Das Bühnenbild zu Verdis "Rigoletto" bei den Bregenzer Festspielen 2021
Der Clown ist aufgewacht. Das Bühnenbild zu Verdis "Rigoletto" bei den Bregenzer Festspielen 2019 und 2021. Die Seebühnen-Aufführung 2020 fiel wegen der Corona-Pandemie aus. Karin Wehrheim Bild in Detailansicht öffnen
Wie in Abendsonne getaucht wirkt das Bühnenbild. Aus dem Blatt Papier ragt ein Fahnenmast mit der amerikanischen Flagge bei Madame Butterfly bei den Bregenzer Festspielen 2022
Ein gigantisches, leicht zerknülltes Blatt Papier ist das Bühnenbild für "Madame Butterfly" 2022 und 2023. Karin Wehrheim Bild in Detailansicht öffnen
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Karin Wehrheim
SWR-Redakteurin Karin Wehrheim Autorin Bild

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