Im Bodensee steht derzeit ein Bühnenbild, das selbst für die Bregenzer Festspiele außergewöhnlich ist: ein riesiger, zerborstener Spiegel als zentrales Symbol für Giuseppe Verdis Oper "La traviata" auf der Seebühne. Zum 80-jährigen Jubiläum verwandelt Regisseur Damiano Michieletto gemeinsam mit Bühnenbildner Paolo Fantin die Naturkulisse in eine glitzernde und zugleich fragile Welt.
Fantins zentrale Idee: ein Spiegel, so hoch wie ein achtstöckiges Wohnhaus, mit einer Fläche von rund 700 Quadratmetern, der im Verlauf des Abends in 86 Splitter zerbricht.
Der Spiegel ist ein zerbrochener Spiegel, ich habe ihn einen "zerbrechlichen Augenblick" genannt. Wenn etwas zerbricht, sieht man es nicht, weil es nur ein Augenblick ist. Hier gelingt es uns, diese Zeit zu dehnen und so eine Skulptur in Bewegung zu schaffen – allerdings eine unmögliche Bewegung, die das menschliche Auge nicht wahrnehmen könnte.
Und so sieht das Bühnenbild zu "La traviata" der Bregenzer Festspiele von hinten aus:
30 Tonnen Splitter: Wie der Riesenspiegel funktioniert
Damit der Spiegel nicht nur als Bild funktioniert, sondern sich im Laufe des Abends tatsächlich auflöst, war ein erheblicher technischer Aufwand nötig. Über den Winter wurden die Spiegelsplitter aus Holzplatten gefräst und mit einem speziellen Gewebe beklebt, das reflektiert, ohne das Publikum zu blenden. Die Holzelemente sind auf einer tragenden Stahlkonstruktion montiert und werden über Hydraulikzylinder einzeln bewegt.
Wir haben da 30 Tonnen an beweglichen Splittern. Jeder Splitter ist anders gelagert, und die Programmierung muss natürlich so sein, dass jeder Splitter an den anderen vorbeifahren kann. Das ist eine Herausforderung.
Infinity Pool für Solisten, Chor und Tänzer
Zum Bühnenkomplex gehört auch das Wasserbecken, das sich vom Spiegel bis zu den Zuschauerrängen zieht. Gefiltertes Seewasser wird über Unterwasserpumpen ins Becken geleitet, zweimal täglich ausgetauscht und vor der Rückführung in den Bodensee erneut gereinigt – ein technisches System, das bereits bei "Der Freischütz" 2024 und 2025 eingesetzt wurde.
Blumen, Kugel, Tod: Effekte unter der Oberfläche
Wer tagsüber an einer Führung hinter und unter dem Spiegel teilnimmt, sieht, wie viel Technik hinter den poetischen Bildern steckt. Bühnentechnikerin Julia Schultheis führt Besucher und Besucherinnen in den Raum direkt unter der Bühne, in dem "unfassbar viele Zylinder" stehen. In ihnen stecken Blumen, die während der Aufführung aus dem Bühnenboden und aus dem Wasser wachsen.
Das sind 270 Blumen, die wir alle pneumatisch hochfahren können. Und pneumatisch eigentlich auch wieder runterfahren können.
Außerdem gehört zum Bühnenbild eine sechs Meter hohe, schwarze Kugel. Sie wird aus dem zerborstenen Spiegel wie von Geisterhand auf Violetta zufahren: ein Bild des Todes. "Diese Kugel blasen wir auf vor Proben oder vor der Vorstellung. Und sie wird auch die ganze Zeit mit Luft gefüllt."
Bühnenbild der Bregenzer Festspiele kostet Millionen
Die Seebühnenproduktionen der Bregenzer Festspiele zählen zu den aufwendigsten Opernprojekten weltweit. Vier Jahre vergehen von der ersten Idee bis zur Premiere, die Investitionen in Bühnenbild und Infrastruktur werden stets für zwei Spielzeiten kalkuliert. Beim neuen Spiegel-Bühnenbild belaufen sich die Kosten für Aufbau, Betrieb und Abbau auf rund zehn Millionen Euro. Das fügt sich ein in eine Serie spektakulärer Bauten, deren bisher schwerstes das "Fidelio"-Bühnenbild mit 800 Tonnen war.