Wenn in Donaueschingen (Schwarzwald-Baar-Kreis) plötzlich Lautsprecher aus der Orangerie klingen, aus der "Alten Molkerei" fremde Töne zu hören sind und sich das Schloss in eine Klangbühne verwandelt, dann haben die Donaueschinger Musiktage begonnen. Bis Sonntag wird die Stadt im Schwarzwald-Baar-Kreis erneut zum Zentrum der neuen Musik.
Wenn Schritte zu Kunst werden
Der französische Klangkünstler Félix Blume hat Schritte von Donaueschingerinnen und Donaueschingern samt Schuhen in Klänge verwandelt. Schon im August ist er mit Bürgerinnen und Bürgern durch die Stadt spaziert, hat ihre Schritte aufgenommen und sich einzelne Schuhe für seine Installation "Andante. Donaueschinger Version" ausgeliehen.
Jeder Schritt, jedes Geräusch wird in der "Alten Molkerei" zu einer Art Musik. Aus einfachem Gehen der Menschen entsteht so hörbare Kunst und jeder Tritt wird zum Klangteppich des Alltags. "Ich bin mit ihnen spazieren gegangen, um ihr Tempo, ihren persönlichen Rhythmus zu finden. Diesen Rhythmus habe ich dann jedem Schuh in der Installation zugeordnet. Die Idee des Projekts ist es, die Besucher dazu einzuladen, diesen Rhythmus der Fußgänger zu erleben, denn der geht in einer Stadt oft unter, wird übertönt von Autos, Lkw oder anderem Verkehr", erklärt der Künstler die Idee hinter seinem Werk.
Zwanzig Menschen aus Donauesching sind Teil der Installation
Stephanie Ambacher und Angelika Müller sind für das Projekt mit Félix Blume durch Donaueschingen spaziert. Angelika Müller hat den Spaziergang gemeinsam mit ihren Kindern gemacht, "wir haben einen Schrittzähler bekommen und eine Uhr, dann hat er die Distanz gemessen, die wir gegangen sind". Die Wege und Dauer des Spaziergangs durften sich die Donaueschingerinnen und Donaueschinger selbst aussuchen.
Stephanie Ambacher hat sich zu dem Spaziergang mit Félix Blume gemeinsam mit ihrer Hündin Bo angemeldet. "Es war schon ein bisschen seltsam, so vermessen zu werden beim Gehen", erzählt die Donaueschingerin lachend. Da Hündin Bo schon sehr alt ist, waren sie nicht besonders flott unterwegs - und haben während des Spaziergangs auch immer wieder andere Hunde getroffen und gestoppt. "Deswegen ist mein Schuh der mit dem langsamsten Rhythmus in der Installation."
Kunstwerk ist ein Teil von Donaueschingen
Auf einzelnen Postkarten können sich die Besucherinnen und Besucher der Installation die zurückgelegten Wege der Personen anschauen und sie nachlaufen - so die Idee des Künstlers. Ihre Schuhe heute als Teil der Klanginstallation bei den Donaueschinger Musiktagen zu sehen, freut die beiden Spaziergängerinnen sehr. "Es war eine ganz besondere Erfahrung", so Ambacher. "Jeder Schritt hat hier ein anderes Tempo und hat auch einen anderen Weg in Donaueschingen gewählt. Ich würde mir wünschen, dass dieses Kunstwerk auch in Donaueschingen bleibt, weil es einen Teil von Donaueschingen darstellt."
Bisher war das jedoch nicht geplant, denn einige Spaziergängerinnen und Spaziergänger dürften sicherlich darauf warten, dass sie ihren ausgeliehenen Schuh nach den Musiktagen wieder zurück bekommen. Noch bis einschließlich Sonntag ist die Klanginstallation von Félix Blume in der "Alten Molkerei" in Donaueschingen zu sehen.
Von Konzerten bis Klanginstallationen
Neben den Klanginstallationen gibt es auch zahlreiche Konzerte und Performances mit international bekannten Musikerinnen und Musikern. Von klassischer Orchester- und Kammermusik bis zu experimentellen Turntable-Performances und Klang-Raum-Choreografien ist alles dabei.
Auch die weltberühmte Mundharmonika-Manufaktur Hohner aus Trossingen (Kreis Tuttlingen) ist vertreten. Der New Yorker Komponist Tristan Perich kombiniert den typischen Klang der Mundharmonika mit moderner Elektronik und bringt ihn nach Donaueschingen. Außerdem zeigen Studierende der Musikhochschule Trossingen beim Konzert "Nature Unlimited" ihre eigenen Musikstücke.
Das Motto: "Voice Unbound" - entfesselte Stimmen
Das Programm steht unter dem Motto "Voices Unbound". In 14 Konzerten, Performances und Installationen mit 23 Ur- und Erstaufführungen stellt das Festival Komponistinnen und Komponisten ins Zentrum, die ihre Stimme erheben – im wörtlichen und übertragenen Sinn, so die Organisatoren. Hintergrund sind die weltweiten, teils radikalen Kürzungen von Geldern für die Kultur.
Viele Angebote der Donaueschinger Musiktage sind kostenlos, etwa die Klanginstallationen, Führungen und die Podiumsdiskussion. Für Besucherinnen und Besucher aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis gibt es zudem Karten für alle kostenpflichtigen Veranstaltungen zum Vorzugspreis von 12 Euro.