Am Dienstagnachmittag hat Freiburgs Erster Bürgermeister zum letzten Mal im Gemeinderat Platz genommen. 24 Jahre lang war er in verschiedenen Positionen als Dezernent und seit 2018 auch als Erster Bürgermeister aktiv. In seinen Amtszeiten hat er große Bürgerentscheide, den Bau mehrerer Stadtteile und letztlich auch die Fertigstellung seines Herzensprojekts, die Sanierung des Augustinermuseums, erlebt. Am 31.3. ist offiziell sein letzter Arbeitstag.
SWR Aktuell: Ende des Monats gehen Sie in den Ruhestand nach einer langen politischen Karriere, die begann schon im Jugendalter. Was hat Sie als Jugendlicher so früh schon an Politik begeistert?
Ulrich von Kirchbach: Einfach die Gestaltungsmöglichkeiten, die Einwirkungsmöglichkeiten vor Ort, also in der Kommune. Da habe ich schon als 16-Jähriger festgestellt: In der Kommune kann man am meisten bewirken.
SWR Aktuell: Nun hat sich seitdem die Welt ein ganzes Stück weiter gedreht. Würden sie als junger Mensch heute wieder in die SPD eintreten?
von Kirchbach: Selbstverständlich, die SPD wird mehr gebraucht denn je! Ich glaube, die SPD ist die Partei, die auch die ökologischen mit den sozialen Fragen, mit den Wirtschaftsfragen gut zusammenbinden kann. Es wird derzeit nicht mehr von vielen Menschen so gesehen, aber die Zeit kommt wieder. Das Comeback der SPD wird wieder da sein und ich habe es auch nicht bereut, dass ich mit 16 in die SPD eingetreten bin.
SWR Aktuell: Sprechen wir über ihre Jugend, sprechen wir vor allem über das Schwabenländle. Sie sind in Deggingen geboren und in der Nähe von Stuttgart aufgewachsen. Wie viel Schwabe steckt nach Jahrzehnten in Freiburg noch in Ulrich von Kirchbach?
von Kirchbach: Ja, ich wohne jetzt deutlich mehr als die Hälfte meines Lebens, sogar zwei Drittel meines Lebens in Freiburg. Aber klar, das Schwäbische hat mich auch geprägt, die Bodenständigkeit. Aber ich fühle mich eigentlich in Baden sehr wohl, weil das doch ein offeneres Klima ist als vielleicht im etwas engeren Schwäbischen. Aber ich habe jetzt beides eingesogen und bin, glaube ich, auch eine gute Mischung.
SWR Aktuell: Was war der emotionalste Moment in Ihrer Karriere hier in Freiburg als Bürgermeister?
von Kirchbach: Es gab viele emotionale Momente. Ein ganz emotionaler war, als beispielsweise zu Beginn des Überfalls Russlands auf die Ukraine die Waisenhauskinder über die Stadtmission von Kiew nach Freiburg kamen. Da sind zwei, drei Busse dann in den Seepark gekommen, an die Wentzinger-Turnhalle, und man hat die Geschichten der Kinder und Jugendlichen gehört. Zum Beispiel, dass der Busfahrer wenig Halt machen wollte und dass deshalb auch die Kinder und Jugendlichen wenig trinken durften, weil sie sonst öfters auf die Toilette gehen müssten. Oder dass ab und zu schon Bomben fielen, und sie dann auch Todesängste hatten und dann ganz erleichtert und froh waren, dass sie dann in Freiburg angekommen sind. Das war schon sehr emotional ergreifend.
SWR Aktuell: Was war Ihre wichtigste Entscheidung in Ihrer Bürgermeisterkarriere hier in Freiburg?
von Kirchbach: Ich glaube, die wichtigste Entscheidung für die Stadt Freiburg war sicher die Sanierung des Augustinermuseums.
SWR Aktuell: Und warum?
von Kirchbach: Weil wir eine gute kulturelle Infrastruktur brauchen. Jede Stadt, die sich weiterentwickelt, die wächst und die auch mehr Gewerbesteuer erzielen muss, braucht Kultur. Deshalb ist eine wachsende, gute kulturelle Infrastruktur auch immer gut für die Einnahmen der Stadt Freiburg.
SWR Aktuell: Wie hat sich Freiburg in ihrer Amtszeit verändert, in diesen 24 Jahren als Bürgermeister?
von Kirchbach: Freiburg hat sich überwiegend zum Positiven entwickelt, was die kulturelle und soziale Infrastruktur anbelangt. Auch, was die Entwicklung der Gewerbesteuer betrifft. Was nicht so gut lief, sind die hohen Mieten. Wir dürfen nicht zulassen, dass Menschen, die weniger im Geldbeutel haben, aus der Stadt rausgedrängt werden. Deshalb waren die Entscheidungen für Bauprojekte wie Dietenbach oder Kleineschholz eminent wichtig.
SWR Aktuell: Wie hat sich das politische Klima verändert in all dieser Zeit? Nennen Sie eine Sache, die positiv ist und eine Sache, die Sie überhaupt nicht brauchen können, wo Sie sagen, dass es sich zum Schlechteren verändert hat.
von Kirchbach: Ja, also, ich muss sagen, die Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat habe ich trotz der vielen Fraktionen und Gruppierungen als sehr konstruktiv empfunden. Was andererseits natürlich zugenommen hat: Dass über soziale Netzwerke persönliche Beleidigungen ausgestoßen werden, dass auch mal Shitstorms entstehen. Da darf man jetzt auch nicht nostalgisch sein und sagen, dass früher alles eine Harmoniesauce war. Im Gegenteil. Aber heute geht immer gleich alles ins Persönliche.
SWR Aktuell: Charakterisieren Sie Freiburg in drei Worten.
von Kirchbach: Jung, nachhaltig, Kulturstadt!
SWR Aktuell: Was werden sie denn im Ruhestand so gar nicht vermissen?
von Kirchbach: Manchmal lange Sitzungen. Es ermüdet, wenn dann zu einem Tagesordnungspunkt eine Stunde gesprochen wird, obwohl die Entscheidungen eigentlich schon vorher getroffen sind. Man weiß eigentlich genau, wie die Entscheidung ausgeht, das hat sich auch meistens schon angedeutet in den Ausschüssen. Und dann werden manchmal trotzdem noch mal lange Reden gehalten, wo die Vorlage dann zum Teil mit anderen Worten wiederholt wird. Das werde ich nicht vermissen. Aber den Gestaltungswillen, dass man was Positives für die Stadt voranbringen kann, das werde ich schon etwas vermissen.
SWR Aktuell: Letzte Frage: Warum Turnschuhe zum Anzug?
von Kirchbach: Ja, das kann ich Ihnen sagen. Vor vielen, vielen Jahren hat mich immer eine gewisse Müdigkeit beschlichen, wenn ich Business-Schuhe anhatte. Dann hab ich mal eine Zeit lang Turnschuhe probiert. Ich habe dann gemerkt, dass ich abends einfach frischer und noch voller Energie war. Seitdem habe meistens, wie heute auch, weiß-schwarze Turnschuhe genommen. Das sieht etwas edler aus als bunte Turnschuhe. Insofern hab ich es fast zu meinem Markenzeichen gemacht.