Er sieht aus wie ein ganz normaler Nahverkehrszug: gelb-weiß lackiert, mit einem grauen Löwen und dem Logo der DB. Und doch ist es ein ganz besonderer Zug: die Biberbahn. An der Strecke von Stockach (Kreis Konstanz) nach Mengen (Kreis Sigmaringen) liegen Feuchtgebiete, etwa die Sauldorfer oder die Krauchenwieser Baggerseen, Lebensraum für die geschützten Nager, die der Bahn ihren Namen gegeben haben.
Mir ist das Ehrenamt extrem wichtig, ich bin von Anfang an dabei und es macht Spaß und solange meine Frau nichts dagegen hat, mache ich das gerne.
Es ist Sonntagmorgen am Bahnhof in Stockach. Viele Tagestouristen mit Fahrrädern steigen hier ein. Fahrkarten kaufen sie im Zug, bei Wilfried Gabele. Er engagiert sich ehrenamtlich für die Bahn, ist seit Jahren, als die Strecke reaktiviert wurde, dabei. "Mir ist das Ehrenamt extrem wichtig, ich bin von Anfang an dabei und es macht Spaß und solange meine Frau nichts dagegen hat, mache ich das gerne", sagt Gabele, der im Förderverein Ablachtalbahn ist. Das sei sinnvoll, denn die Bahn sei im ländlichen Raum ein wichtiges Transportmittel - Fahrräder etwa könne man nur hier, nicht aber im Bus mitnehmen.
Ehrenamtliche halten den Bahnbetrieb am Laufen
Abfahrt um 9:17 Uhr. Mit maximal 50 Kilometern pro Stunde macht sich die Bahn auf den Weg vom badischen Stockach ins oberschwäbische Mengen. Rund 40 Kilometer legt sie zurück, die Fahrt dauert etwas über eine Stunde. Dreimal geht es Sonn- und Feiertags hin und zurück. Unter der Woche sind nur einige Güterzüge unterwegs, sie transportieren vorwiegend Holz.
Der Fahrkartenverkauf ist nicht das Einzige, was Ehrenamtliche machen: Sie sorgen auch dafür, dass Bäume und Büsche die Strecke nicht unpassierbar machen, gehen notfalls auch mal mit der Motorsäge raus, wenn es erforderlich ist. Sie richten Andreaskreuze, sanieren Schutzgeländer - und regeln wie Wilfried Gabele den Verkehr, wenn die Bahn eine Straße ohne Schranke und Signalanlage kreuzt. Dann hält der Zug vor der Straße, der Zugbegleiter steigt aus und schwenkt eine rotweiße Flagge, damit Autos und Fußgänger stehen bleiben - und die Bahn im Schritttempo passieren kann.
Unser Motto bei der Ablachtalbahn: anpacken und nicht jammern.
Ginge es nach der Deutschen Bahn (DB), wäre die Strecke längst stillgelegt, sagt Lokführer Frank von Meißner, ebenfalls Mitglied im Förderverein. Dem Verein ist es zu verdanken, dass zumindest an Sonn- und Feiertagen wieder Züge verkehren. Doch die Vereinsmitglieder wollen noch mehr und kämpfen dafür, dass die Ablachtalbahn irgendwann jeden Tag fährt. "Unser Motto bei der Ablachtalbahn: anpacken und nicht jammern", sagt von Meißner.
Bahnsteige Marke Eigenbau
Sogar Bahnsteige haben sie selbst gebaut. Etwa den in Zizenhausen (Kreis Konstanz) - dem ersten Halt auf dem Weg nach Mengen. Die Bahnsteigkante besteht aus einer ausrangierten Leitplanke, dahinter gestampfter Schotter. Auch in Göggingen und Krauchenwies (beide Kreis Sigmaringen) haben Bürger für den Bau der Bahnsteige die Ärmel hoch gekrempelt, Schaufeln in die Hand genommen, Spenden eingesammelt. In Menningen-Leitishofen (Kreis Sigmaringen) haben 45 Einwohner Pflaster verlegt, Lichtmasten aufgestellt, das Wartehäuschen installiert. Das Material haben regionale Unternehmen gespendet. Er werde immer wieder auf den schönen Bahnsteig angesprochen, sagt Ortsvorsteher Helmut Rauser. Und es sei nie ein Problem gewesen, Leute zum Mithelfen zu finden. Die freiwillige Arbeit habe allen Spaß gemacht.
Ohne das Engagement der Ehrenamtlichen bei der Instandhaltung und beim Betrieb sei diese Eisenbahn nicht denkbar, so von Meißner. Nur mit deren Unterstützung könne man die Bahn am Leben halten.
Förderverein und Kommunen wollen täglichen Schienenverkehr
Doch ihr Ziel, dass die Bahn stündlich fährt und jeden Tag, liegt wohl noch in weiter Ferne. In den vergangenen Jahren gab es viele Untersuchungen. Eine Wirtschaftlichkeitsberechnung hat ergeben, dass der Nutzen größer ist als die Kosten, die Investitionen in Höhe von 116 Millionen Euro sich also rechnen würden. Doch den Eisenbahnfreunden geht das alles zu langsam, sie verzweifeln mitunter an der Bürokratie.
"Es ist immer noch kein Ende absehbar, diese Untersuchungen werden immer wieder detaillierter eingefordert und noch detaillierter, eine noch detailliertere Planung. Die Politik macht es uns wirklich nicht leicht. Wir müssen hier einen langen Atem beweisen. Alle Ehrenamtlichen, aber auch die beteiligten Kommunen, viel in Vorleistung gehen. Das ist schon eine lange Durstrecke für uns", sagt von Meißner.
Hoffnung auf bessere Anbindung der Region
Ein stündlicher Verkehr jeden Tag würde die Region im öffentlichen Nahverkehr besser anbinden: Es wäre eine Verlängerung der bereits bestehenden Seehäsle-Bahn, die zwischen Radolfzell (Kreis Konstanz) und Stockach (Kreis Konstanz) fährt. Vom Bahnhof Mengen fahren Züge nach Ulm, Tübingen und Stuttgart.
Auch Bürgermeister aus Kommunen entlang der Strecke plädieren für den Ausbau. Der Sauldorfer Rathaus-Chef Severin Rommeler kritisiert, der ländliche Raum sei beim öffentlichen Nahverkehr sowieso schon benachteiligt. Die Menschen würden über ihre Steuern Bus und Bahn in Ballungsgebieten mitfinanzieren, daher sei eine tägliche Bahn im Stundentakt auf dem Land ein fairer Ausgleich. Er fordert die Politik zum Handeln auf: "Wir brauchen jetzt den politischen Willen. Wir sind da, wir sind parat, die Wirtschaftlichkeit der Strecke ist bestätigt. Wir stehen zur Verfügung, wir wollen hier investieren und jetzt braucht es von Seiten des Landesverkehrsministeriums die klare Aussage, jawohl, wir finanzieren einen Teil der Planungskosten und wir finanzieren später auch den täglichen Stundentakt."
Die Landesregierung prüft noch
Zuständig für den Nahverkehr auf der Schiene ist das Land. Das steht dem Ausbau der Biberbahn zwischen Stockach und Mengen zwar grundsätzlich positiv gegenüber - der ehemalige Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) hatte die Ablachtalbahn als "vorbildliches Projekt" bezeichnet. Eine verbindliche Finanzierungszusage aber steht bislang aus. Man prüfe derzeit, heißt es. Die neue Verkehrsministerin Nicole Razavi (CDU) verweist auf leere Kassen. "Wir können nicht mehr alles Wünschenswerte finanzieren", sagt sie. "Die Zeichen stehen auf Sparen."
Wilfried Gabele und seine ehrenamtlichen Mitstreiter hoffen, dass nicht an ihrer Strecke gespart wird. Wann die Entscheidung darüber fällt, ist unklar.