Die große Mehrheit der Freikirchen steht fest auf dem Boden der Demokratie. Doch einige christlich-fundamentalistische Akteure verbreiten Verschwörungserzählungen, hetzen gegen Minderheiten und stellen göttliches Recht über demokratische Gesetze. SWR-Recherchen zeigen, wie sich Teile der Szene politisieren, mit Gleichgesinnten in den USA vernetzen und wo es Berührungspunkte zur AfD gibt.
Zwei Freikirchen in BW im Visier des Verfassungsschutzes
Seit 2022 beobachtet der Verfassungsschutz Baden-Württemberg christlich-extremistische Gruppen unter der Kategorie "verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates". Im Blick der Sicherheitsbehörden steht unter anderem die Evangelische Freikirche in Riedlingen (Kreis Biberach). Sie wird als "gesichert extremistische Bestrebung" eingestuft.
Prediger Jakob Tscharntke verbindet biblische Botschaften mit politischen Forderungen. Bereits 2015 verbreitete Tscharntke die Verschwörungserzählung einer gezielt herbeigeführten "Überfremdung und Islamisierung" Deutschlands. Die AfD Hessen zitierte die Predigt damals über ihre Social-Media-Kanäle.
Verfassungsschutz warnt vor Prediger aus BW
Über Telegram und YouTube erreicht Tscharntke bis heute ein großes Publikum. Im Verfassungsschutzbericht 2025 heißt es, Tscharntke untergrabe mit seinen politischen Botschaften das Vertrauen in demokratische Institutionen. Der Prediger weist die Vorwürfe auf SWR-Anfrage zurück und behauptet, er trete ganz im Gegenteil "für den Erhalt unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung ein". Der Verfassungsschutz hingegen warnt: Jakob Tscharntkes hohe Reichweite könne zuvor unpolitische Gemeindemitglieder und andere Sympathisanten radikalisieren.
Auch in Pforzheim wird eine christlich-fundamentalistische Gruppierung seit 2023 vom Verfassungsschutz als extremistische Bestrebung eingestuft - wegen antisemitischer, queer- und staatsfeindlicher Predigten. Ihr prägender Kopf ist Anselm Urban. Von Pforzheim aus verbreitete er seine Predigten im Internet. Darin forderten er und seine Anhänger unter anderem die Todesstrafe für homosexuelle Menschen, und beriefen sich dabei auf einen Bibelvers aus dem Alten Testament. In Deutschland wurde Urban mehrfach wegen Volksverhetzung verurteilt. Dem SWR sagte er, er predige "einfach alles, was in der Bibel steht." Man müsse Gott mehr gehorchen als den Menschen.
Christliche Fundamentalisten: Von Pforzheim bis Arizona
Heute lebt Urban in Phoenix im US-Bundesstaat Arizona. Dort hat er sich gemeinsam mit Frau und Kind der Gemeinde seines geistlichen Mentors Steven Anderson angeschlossen - einem der radikalsten Prediger der USA. Anderson ist für antisemitische, queerfeindliche und antidemokratische Positionen international bekannt. Nach eigenen Angaben hätten Andersons YouTube-Predigten Urban zum Glauben gebracht. Heute sagt er: "Was wir heutzutage unter Demokratie verstehen, ist nicht unbedingt biblisch."
Von Phoenix aus mobilisiert Urban weiter seine Anhänger in Deutschland. Seine Bewegung organisiert regelmäßig sogenannte "Seelen-Gewinnen-Marathons", bei denen Mitglieder in wechselnden Städten Passanten auf der Straße ansprechen und für ihren Glauben werben. Der Fall Urban verdeutlicht, wie ideologische Einflüsse aus den USA nach Deutschland gelangen.
Allianzen mit der extremen Rechten
Religionssoziologe Gert Pickel von der Universität Leipzig beobachtet seit Jahren eine wachsende Nähe zwischen christlichen Fundamentalisten und rechten politischen Akteuren in Deutschland. Gemeinsame Positionen gebe es etwa bei Familie, Geschlechterrollen und dem Thema Schwangerschaftsabbruch. "Weil sie die gleichen Ziele verfolgen. Da ist man völlig frei, mit Rechtsextremen zu kooperieren", so Pickel.
Diese Verbindungen zeigen sich auch in der Politik. Die stellvertretende AfD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Beatrix von Storch, ist seit Jahren in christlich-konservativen Kreisen präsent und pflegt Kontakte zu christlich-fundamentalistischen Akteuren - auch international.
Bibel oder Grundgesetz?
Nach Donald Trumps Wiederwahl reiste von Storch beispielsweise nach Washington, um den Sieg des umstrittenen US-Präsidenten zu feiern. Im Gespräch mit dem SWR lobt sie Trumps politischen Kurs: Er stehe für einen souveränen Nationalstaat und die Rückbesinnung auf "christliche Wurzeln".
Politikwissenschaftler und Religionsforscher beobachten unter Trump einen erstarkenden christlichen Nationalismus und autokratische Herrschaftsansprüche. Auf die Frage, was gilt im Konfliktfall - die Bibel oder Grundgesetz - will von Storch sich nicht entscheiden: "Unsere Verfassungswerte basieren auf den Werten, die aus der Bibel kommen. Ich sehe keinen Konflikt."
Bei einer Veranstaltung der "Christen in der AfD" zum zehnjährigen Bestehen der Vereinigung im Sitzungssaal der AfD-Bundestagsfraktion war der freikirchliche Baptistenpastor Tobias Riemenschneider eingeladen. Riemenschneider ist für eine strenge Bibelauslegung bekannt und fordert die AfD-Politiker auf, sich als erstes an die Gebote aus der Heiligen Schrift zu halten: "Ihre Verantwortung vor Gott ist, Gesetze zu erlassen, die im Einklang stehen mit seinem Recht. Das ist das höchste Recht - sogar höher als das Grundgesetz." Auf Nachfrage erklärte Riemenschneider dem SWR, er halte an dieser Position fest. Einen Konflikt zum Grundgesetz will auch er nicht erkennen: "Das Recht Gottes steht mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung in Einklang."
AfD wählen im Namen Gottes
Die Freikirchen-Aussteigerin Daniela-Marlin Jakobi hat persönlich erlebt, wie sich Teile der christlich-fundamentalistischen Szene politisieren. Sie war elf Jahre lang Mitglied einer bibeltreuen Freikirche. Früher wählte sie selbst die AfD. Doch noch während ihrer Zeit in der Freikirche wendet Jakobi sich von der Partei ab, da sie "nicht meine christlichen Werte vertritt." Im Jahr 2021 habe es eine anonyme Wahlumfrage in ihrer Jugendgruppe gegeben - die Mehrheit habe für die AfD gestimmt. Jakobi sagt, dass die Einstufung des Verfassungsschutzes als rechtsextrem kaum Wirkung unter christlich-fundamentalistischen AfD-Anhängern habe, denn in dieser Weltanschauung gehöre dieser dann zur gottlosen Welt, und die Partei werde als von Gott gegeben betrachtet: "Wer AfD gewählt hat, der hat das im Namen Gottes gemacht."
Experte: Fundamentalisten sind Gefahr für die Demokratie
Für den Religionssoziologen Gert Pickel von der Universität Leipzig gebe es eine wachsende Allianz zwischen Teilen der christlich-fundamentalistischen Szene mit der extremen Rechten. Der Forscher sieht eine Gefahr für die Demokratie, da die Bewegung ihre eigene Wahrheit für absolut halte und andere Positionen grundsätzlich nicht respektiere: "Wenn sie irgendwo einen Machtzugriff hat, wird sie andere Positionen verbieten", warnt Pickel. Als Beispiel nennt er die gescheiterte Wahl der Staatsrechtlerin Frauke Brosius-Gersdorf ans Bundesverfassungsgericht.
Christlich-fundamentalistische und rechte Akteure haben hier gemeinsam gegen die Kandidatur mobilisiert - unter anderem wegen Brosius-Gersdorfs liberaleren Haltung zum Schwangerschaftsabbruch.
Nicht alle Freikirchen sind gemeint
Religionsfreiheit schützt auch strenge oder gesellschaftlich umstrittene Glaubensüberzeugungen. Entscheidend ist, ob Akteure die Gleichwertigkeit anderer Menschen bestreiten, demokratische Institutionen delegitimieren oder ihre religiösen Vorstellungen über die Verfassung stellen. Die Fälle Riedlingen und Pforzheim stehen keinesfalls für die Freikirchen insgesamt - der Bund der Freikirchen distanziert sich ausdrücklich. Die große Mehrheit aller Freikirchen in Deutschland engagiert sich klar innerhalb der demokratischen Ordnung.
Die Recherchen zeigen jedoch: In Teilen der christlich-fundamentalistischen Szene wachsen religiöser Absolutheitsanspruch, rechte Politik und internationale Netzwerke immer enger zusammen. Eine Entwicklung, die Sicherheitsbehörden und Demokratieforscher mit Sorge beobachten.