Dana Kososky (20) und Marie Bucher (22) sind bereit zum Lernen. Die Tablets stehen auf dem Arbeitstisch, die Klausurenphase steht an. Die beiden kommen gerade von der Berufsschule, machen eine Ausbildung zur Physiotherapeutin. Ein bis zwei Stunden wollen sie jetzt pauken. Und sie sind in guter Gesellschaft: Fast jeder Lernplatz im Galeriesaal der Stuttgarter Stadtbibliothek ist belegt, zum Großteil von jungen Menschen. Im Hintergrund bekommt eine junge Schülerin Nachhilfe.
Nach der Coronapandemie haben sich die öffentlichen Bibliotheken wieder zu einem wichtigen Aufenthaltsort für junge Menschen entwickelt. Das zeigt eine kürzlich veröffentlichte Studie des Deutschen Bibliotheksverbands (dbv) für BW. Doch die Bibliotheken stehen vor großen Herausforderungen: 80 Prozent leiden unter den teils immensen Sparzwängen der Kommunen. Rund die Hälfte muss Stellen streichen oder kann diese nicht nachbesetzen. Die Folge sind weniger Etats für Medien, weniger Veranstaltungen und vor allem: kürzere Öffnungszeiten - wie auch bei der Stuttgarter Stadtbibliothek.
Zu wenige Schulbibliotheken in Deutschland
Besonders für junge Menschen, deren Familien finanziell nicht so gut aufgestellt sind, kann das zum Problem werden, sagt die Bibliotheksforscherin Cornelia Vonhof von der Stuttgarter Hochschule der Medien. "Kinder aus diesen Familien haben viel weniger Möglichkeiten, in Ruhe zu lernen", sagt Vonhof. "Wenn man sich zum Beispiel die PISA-Studie anschaut, sieht man seit Jahren, dass das in Deutschland eine besonders starke Auswirkung hat." Zumal es hierzulande kaum Schulbibliotheken gebe, wie es etwa in skandinavischen Ländern Standard sei - Länder, die in den Bildungsstudien in der Regel ganz vorne liegen.
Doch Bibliotheken dienen jungen Menschen nicht nur als Ort zum Lernen, sondern auch als sozialer Treffpunkt, sagt der BW-Geschäftsführer des dbv, Ingo-Felix Meier. Jungen Menschen gehe es nicht mehr nur darum, etwas auszuleihen oder zu lesen, sondern vor allem, gemeinsam Zeit zu verbringen. "In Bibliotheken kann man ja inzwischen auch gemeinsam etwas spielen oder einen Film gucken", sagt Meier. Ein Angebot, das von jungen Menschen tatsächlich in Anspruch genommen werde.
Bibliotheken als Aufenthaltsort
Auch die Bibliotheksforscherin Cornelia Vonhof hebt hervor, dass Bibliotheken als Aufenthaltsort für junge Menschen eine wichtige Funktion haben: "Dort treffe ich auf Menschen, denen ich sonst nirgendwo begegnen würde", sagt sie. Gerade jetzt, in Zeiten, in denen die Gesellschaft sich immer weiter polarisiere, sei das wichtig für den Zusammenhalt.
Hinzu komme, dass sich Gruppen, aber auch Einzelpersonen, dort vergleichsweise niederschwellig aufhalten könnten: Man müsse nichts mitbringen, nicht erklären, was man dort genau wolle - und vor allem: man müsse nichts kaufen. "Die Bibliotheken sind mittlerweile einer der wenigen Orte, manchmal auch der einzige nicht kommerzielle Ort in der Stadt", sagt Vonhof. Auch deshalb müsse man sie dringend erhalten.
Bibliotheken teils auch nach Schließzeiten zugänglich
Man tue alles dafür, dass keine Bibliotheken langfristig schließen müssten, sagt auch Ingo-Felix Meier vom dbv. "Schließungen würden bedeuten, das man die Orte danach mit viel Energie wieder hochfahren muss", sagt er. "Das ist gefährlich." Bisher sei glücklicherweise keine Bibliothek betroffen - und das solle auch so bleiben. Deshalb greife man zunächst zu den verkürzten Öffnungszeiten.
Schließungen würden bedeuten, dass man die Orte danach mit viel Energie wieder hochfahren muss. Das ist gefährlich.
Doch die Nutzerinnen und Nutzer litten auch jetzt schon unter den verkürzten Öffnungszeiten, so Meier. Um die Auswirkungen davon etwas abzufedern, griffen einzelne Standorte auf das Konzept der "Open Library", also der "offenen Bibliothek" zurück. Dabei bleibe die Bibliothek auch nach der offiziellen Schließungszeit betretbar, ohne dass Personal anwesend sein müsse. Das Gebäude könne dann mit einem Ausweis über digitale Eingangstüren betreten werden, während ein Wachdienst dafür sorge, dass es keinen Vandalismus gebe.
Open Library soll Übergangslösung bleiben
Trotzdem plädiert Meier dafür, sich nicht nur auf Übergangslösungen wie diese zu verlassen. Er richtet seinen Appell an die kommunale Politik, die öffentlichen Bibliotheken trotz Sparzwängen nicht aus den Augen zu verlieren. Wenn man einen derart viel genutzten Ort habe, auf den man auch in Bildungsfragen bauen könne, "dann ist das ein sehr starkes Argument für jede Kommune, diesen Ort zu erhalten", sagt der BW-Geschäftsführer des dbv.
Ob Dana Kososky und Marie Bucher sich jedenfalls mehrere Stunden lang zum Büffeln hingesetzt hätten, wäre die Bibliothek nicht offen gewesen? Das wissen sie selbst nicht, sagen die beiden mit einem Schmunzeln. Gemeinsam wäre es zumindest nicht so leicht möglich gewesen, Marie Bucher kommt nämlich aus Freiberg am Neckar (Kreis Ludwigsburg) und Dana Kososky aus Leonberg (Kreis Böblingen). Und die Sache sei ja, sagt Marie Bucher: "Zusammen rafft man sich eben doch eher zum Lernen auf."