Für Blackout oder andere Katastrophen: "Bargeld ist immer ein guter Plan B"

Immer mehr Menschen bezahlen digital, mit Karte, Smartphone oder Onlinediensten wie Paypal. Was aber, wenn längere Zeit der Strom ausfällt und die elektronische Zahlung nicht mehr funktioniert? Dann wären Menschen auf Bargeld angewiesen, betont Sicherheitsexperte Manuel Atug im SWR-Aktuell-Interview bei Andreas Böhnisch. Atug ist Gründer der Arbeitsgruppe Kritische Infrastrukturen (AG KRITIS).

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SWR Aktuell: In Deutschland wird immer noch mehr bar gezahlt als in anderen europäischen Ländern. Sind wir deshalb besser darauf vorbereitet, sollte die Kartenzahlung mal ausfallen?

Wenn es größere Zahlungen sind, scheitert es natürlich daran, dass die Leute nicht genug Bargeld vorrätig haben.

Manuel Atug: Wir zahlen zwar sehr viel mit Bargeld, allerdings sind größere Summen natürlich dann nicht mehr in Bargeld vorrätig. Und insofern: Immer dann, wenn es größere Bezahlungen sind, scheitert eine solche Option natürlich dann auch daran, dass die Leute nicht genug Bargeld in der Tasche haben oder zu Hause vorrätig haben.

Stuttgart

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SWR Aktuell: Nehmen wir mal einen Krisenfall, wo es mit Kartenzahlung vielleicht schwierig werden könnte, nämlich einen landesweiten Stromausfall, so wie wir den beispielsweise in Spanien im vergangenen Jahr hatten. Mehr als 12 Stunden hat es da gedauert, bis der Strom wiederkam. Was nützt mir da Bargeld, wenn auch die Supermärkte nichts mehr verkaufen können, weil die elektronischen Kassen auch nicht funktionieren?

Bargeld ist immer eine gute Rückfallebene als Plan B für eine echte Resilienz.

Atug: Ich kann natürlich an den Kassen der Supermärkte nicht zahlen, aber ich habe natürlich die Option bei den kleineren Läden, bei den Tante-Emma-Läden, bei Bauern und verschiedenen anderen Optionen natürlich mit Bargeld dann wieder an Ware zu kommen. Wenn ich gar kein Bargeld habe, habe ich gar keine Option. Wenn ich Bargeld habe, dann kann ich vielleicht die großen Lösungen nicht nutzen, aber auf viele Ausweichmöglichkeiten zurückgreifen. Und das ist genau diese Resilienz, die ich mit Bargeld sicherstellen kann.

SWR Aktuell: Wie gut wären wir denn in Deutschland beispielsweise bei einem solchen Blackout bei einem länger andauernden Stromausfall vorbereitet, damit die Bargeldversorgung sichergestellt ist?

Es gibt schon verschiedene Rückfallebenen, aber erstmal wäre es natürlich ein Chaos.

Atug: Die Bargeldversorgung wird dann nicht ohne Weiteres lauffähig sein, denn die Geldautomaten sind nicht an irgendwelchen Stromgeneratoren verdrahtet. Und das ist auch beispielsweise nicht Teil der kritischen Infrastruktur, die laut Gesetz auch verfügbar betrieben werden muss, sondern das sind immer die zentralen Systeme im Hintergrund. Diese Verwaltungs- und Managementsystem sind dann noch lauffähig, aber die Geldautomaten würden dann in den jeweiligen Bereichen oder landesweit auch mit ausfallen.

SWR Aktuell: Könnten die Banken da einspringen?

Es gibt sogar für den totalen Katastrophenfall eine zweite Währung, die in einem Schutzbunker gebunkert wird.

Atug: Die Banken werden dafür sicherlich einspringen können bis zu einem gewissen Grad. Sie sagen, wir können auch Bargeld an den Filialen händisch austeilen, aber das skaliert natürlich sehr langsam, und die Banken werden auch nur eine begrenzte Menge Bargeld ausgeben. Die Bundesbank und die EZB, verschiedene andere haben natürlich da auch Notfall-Ersatzkonstrukte. Es gibt sogar für den totalen Katastrophenfall eine zweite Währung, die in einem Schutzbunker gebunkert wird und im Notfall sogar herausgebracht werden könnte, wenn unsere Währung nicht mehr funktioniert. Also: Es gibt verschiedene Rückfallebenen. Aber erstmal wäre es natürlich genauso ein Chaos wie in Spanien oder damals in Griechenland, als die Geldautomaten alle nicht mehr funktionierten, und wie in verschiedenen anderen Störungen, die wir schon erlebt haben.

SWR Aktuell: Nun soll nach den Planungen der Europäischen Zentralbank der digitale Euro bis zum Jahr 2029 eingeführt werden. Wird der im Krisenfall gleichwertig sein mit dem Bargeld?

Bargeld ist immer eine gute Rückfallebene, als "Plan B".

Atug: Das Problem bei digitalen Lösungen ist, dass man im Krisenfall halt nur Zahlen hat, also Nullen und Einsen, und das ist in der Regel keine harte Währung - und im Zweifelsfall auch kein Brot, in das ich beißen kann. Insofern kommt es auf die Krise an, ob und was es mir nützt. Wir haben ja auch schon Probleme gehabt in Deutschland, dass beispielsweise der kartengestützte Zahlungsverkehr nicht mehr funktioniert hat, beispielsweise in einem Jahr kurz vor Weihnachten oder zwischen Weihnachten und Neujahr. Da war großflächig etwas defekt, und dann konnte man eben auch nicht mehr zahlen. Das heißt, wenn diese digitale Lösung nicht funktioniert oder ich mein Handy auch nicht aufladen kann, um diese App zu nutzen, weil Stromausfall ist, dann nützt mir das Digitale halt grundsätzlich nicht. Also Bargeld ist immer eine gute Rückfallebene als Plan B für eine echte Resilienz.

SWR Aktuell: Wir sprechen hier über Dinge jetzt, von denen wir hoffen, dass sie nicht wirklich eintreten werden, auch beim Bezahlen. In Schweden, da sind die Menschen sehr gelassen. Seit dem 1. Juli müssen größere Supermärkte und Apotheken zwar verpflichtend Bargeld annehmen. Aber die Schweden zahlen trotzdem weiter fast ausschließlich mit Karte und mit Smartphone. Was können wir uns von den Schweden beim Bezahlen abschauen?

Bargeld hat einen Mehrwert aus Sicht der Privatsphäre, und es hat einen Mehrwert im Problemfall.

Atug: Im Normalfall haben die sich dran gewöhnt, eine Karte zu benutzen und eben nicht mehr das Bargeldhandling vorzunehmen. Wenn aber im Problemfall eine Rückfallebene notwendig ist und sie dann mit Bargeld hantieren sollen, ist man auch ein bisschen aus der Übung, und man hat vielleicht auch nichts vorrätig. Das heißt, eine solche zweite Option da zu haben und nutzen zu können und auch immer wieder anzuwenden, ist hilfreich. Wenn man das am Beispiel Wasser aufzeigt: Wenn Sie in den Südländern fragen, wo kann man im Notfall, wenn kein Wasser mehr ist, an einem Brunnen Wasser holen -  die haben da alle Kanister stehen. Die sagen auch, da hinten um die Ecke ist der nächste Brunnen, und gutes Quellwasser gibt es da hinten, an der und der Ecke vom Berg. Wenn Sie das in Deutschland fragen, guckt einen jeder schief an und sagt: "Was für ein Notfallbrunnen? Keine Ahnung, wo einer steht." Aber wir haben ganz viele - wobei sogar die Hälfte nicht mehr funktionieren, weil die Kommunen sich nicht darum kümmern. Aber das ist eben auch eine Resilienz in der Gesellschaft, diese Dinge regelmäßig trotzdem zu benutzen, auch wenn es scheinbar anstrengender ist. Es hat einen Mehrwert aus Sicht der Privatsphäre. Und es hat einen Mehrwert, im Problemfall auch zu wissen, was ich tun muss.