Leichtathletik

Guido Kratschmer und sein Olympia-Silber 1976: "Als wäre es vor ein paar Tagen gewesen"

Vor 50 Jahren gewann Guido Kratschmer olympisches Silber im Zehnkampf. Heute ist seine wertvollste Medaille nicht mehr in seinem Besitz - aus einem ganz besonderen Grund.

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Stand

Von Autor/in Marius Zimmermann

Vor 50 Jahren schreibt Guido Kratschmer deutsche Sportgeschichte. Am 30. Juli 1976 gewinnt der Zehnkämpfer des USC Mainz bei den Olympischen Spielen in Montreal die Silbermedaille. Es ist der größte Erfolg seiner Karriere. Und doch sind es nicht nur die Wettkämpfe, die dem 73-Jährigen bis heute unter die Haut gehen. Es sind vor allem die Menschen, die ihn damals zuhause empfingen.

Guido Kratschmer: "Kann kaum glauben, dass es 50 Jahre her ist"

Ein halbes Jahrhundert ist vergangen. Aber wenn Guido Kratschmer heute über die Olympischen Spiele von Montreal spricht, wirkt die Erinnerung erstaunlich lebendig. "Es kommt einem vor, als wäre das vor ein paar Tagen gewesen", sagt er. Dass inzwischen 50 Jahre vergangen sind, könne er selbst kaum glauben.

Guido Kratschmer bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal
Guido Kratschmer bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal. Sven Simon Bild in Detailansicht öffnen
Guido Kratschmer bei der Siegerehrung 1976 in Montreal
Guido Kratschmer mit seiner Silbermedaille bei der Siegerehrung 1976 bei den Olympischen Spielen in Montreal. Knapp 50 Jahre später verschenkt er seine Medaille an seinen Geburts- und Heimatort Großheubach. Sportfoto Rudel Bild in Detailansicht öffnen
Guido Kratschmer bricht in Bernhausen den Weltrekord
1980 knackt Guido Gratschmer bei einem Wettkampf im baden-württembergischen Bernhausen den Weltrekord im Zehnkampf. Kurz zuvor konnte er wegen eines Boykotts nicht an den Olympischen Spielen in Moskau teilnehmen. Pressefoto Baumann Bild in Detailansicht öffnen
Das Deutsche Zehnkampf-Team 1987
Das Deutsche Zehnkampf-Team 1987: Jürgen Hingsen, Siegfried Wentz und Guido Kratschmer (alle BR Deutschland). Sven Simon Bild in Detailansicht öffnen
Guido Kratschmer Achillessehnenriss1988
Guido Kratschmer kuriert 1988 im Krankenhaus seinen Achillessehnenriss aus. Danach beendet er seine Karriere. Horstmüller Bild in Detailansicht öffnen
Zehnkampflegenden Guido Kratschmer und Leo Neugebauer
Legendentreffen: Guido Kratschmer ehemaliger deutscher Rekordhalter im Zehnkampf gratuliert dem aktuellen Rekordhalter Leo Neugebauer bei der Wahl zum Sportler des Jahres 2023. Pressefoto Baumann Bild in Detailansicht öffnen

Montreal war 1976 die Bühne, auf der der damals erst 23-Jährige endgültig in der Weltspitze ankam. Mehr als 6.000 Athletinnen und Athleten kämpften um olympisches Edelmetall - Kratschmer gehörte zu ihnen. Selbstbewusst reiste er nach Kanada. Sein Ziel war klar: eine Medaille.

Mit Selbstvertrauen zu olympischem Silber

"Mir war bewusst, dass ich eine Medaille mache", erinnert sich Kratschmer. Ob Gold, Silber oder Bronze sei ihm damals fast egal gewesen. Entscheidend war, im richtigen Moment seine beste Leistung abzurufen.

Und genau das gelang ihm. Besonders der Hochsprung mit übersprungenen 2,03 Metern überraschte ihn selbst. Zwischenzeitlich führte der Mainzer sogar die gesamte Konkurrenz an. Nur über die 400 Meter ärgert er sich bis heute: Auf der Außenbahn ging er das Rennen zu schnell an und bezahlte den Übermut mit schweren Beinen. Trotzdem zeigte er auch am zweiten Wettkampftag einen außergewöhnlich konstanten Zehnkampf. In allen übrigen Disziplinen lies er keine Schwäche aufkommen und gewann am Ende olympisches Silber.

Die wertvollste Medaille hängt nicht mehr bei Kratschmer zuhause

Ausgerechnet seine bedeutendste Medaille besitzt Guido Kratschmer heute nicht mehr selbst. Seine Silbermedaille hat er seiner Heimatgemeinde Großheubach vermacht.

Nach seiner Rückkehr aus Montreal erlebte er dort einen Empfang, den er niemals vergessen wird. Tausende Menschen säumten die Straßen und feierten ihren Olympia-Medaillengewinner. Bis heute bekommt Kratschmer Gänsehaut, wenn er daran denkt: "Da habe ich erst kapiert, wie die Leute sich mit mir identifizieren." Für ihn war dieser Moment fast genauso wertvoll wie die Medaille selbst.

Dass ihn Großheubach bis heute nicht vergessen hat, zeigt auch eine besondere Ehrung: Erst in diesem Jahr wurde Kratschmer Ehrenbürger seiner Heimatgemeinde - eine Auszeichnung, die ihn nach eigenen Worten tief bewegt hat.

Vom Olympia-Silber zum Weltrekord

Olympisches Silber war nicht das Ende seiner Erfolgsgeschichte. Vier Jahre später setzte Guido Kratschmer ein weiteres Ausrufezeichen. 1980 stellte er mit 8.649 Punkten einen Weltrekord im Zehnkampf auf und schrieb sich endgültig in die Geschichtsbücher der Leichtathletik ein.

Guido Kratschmer bricht in Bernhausen den Weltrekord
1980 knackt Guido Gratschmer bei einem Wettkampf im baden-württembergischen Bernhausen den Weltrekord im Zehnkampf. Kurz zuvor konnte er wegen eines Boykotts nicht an den Olympischen Spielen in Moskau teilnehmen. Pressefoto Baumann

Dabei hätte das Jahr eigentlich ganz anders verlaufen sollen. Als Favorit auf olympisches Gold durfte Kratschmer wegen des Boykotts der Bundesrepublik die Spiele in Moskau nicht bestreiten. Für ihn war es zunächst ein bitterer Rückschlag. Den verpassten Traum beantwortete er aber wenig später auf seine Weise - mit einer Weltrekord-Leistung im baden-württembergischen Bernhausen.

Guido Kratschmer ist bodenständig geblieben - bis heute

Trotz aller Erfolge ist Guido Kratschmer heimatverbunden und ohne Allüren geblieben. Aufgewachsen auf einem Bauernhof in Großheubach, fühlt er sich seinen Wurzeln bis heute eng verbunden. Er verfolgt weiterhin den Zehnkampf, fiebert mit deutschen Athleten wie Niklas Kaul mit und ist überzeugt, dass die Königsdisziplin der Leichtathletik nichts von ihrer Faszination verloren hat. Auch als der Zehnkampfstern von Weltmeister Leo Neugebauer (VfB Stuttgart) aufging, lies es sich Kratschmer nicht nehmen, ihm bei der Wahl zum Sportler des Jahres zu gratulieren.

Zehnkampflegenden Guido Kratschmer und Leo Neugebauer
Legendentreffen: Guido Kratschmer ehemaliger deutscher Rekordhalter im Zehnkampf gratuliert dem aktuellen Rekordhalter Leo Neugebauer bei der Wahl zum Sportler des Jahres 2023. Pressefoto Baumann

Sein Rat an junge Sportler spricht für sein eigenes Lebensmotto: Ziele verfolgen - aber nicht zu verbissen. Leistung und Lebensfreude müssten sich nicht ausschließen. Und vielleicht ist für Guido Kratschmer genau das der Schlüssel zum Erfolg.

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