Mehr als 5000 Gospel-Fans sind mit dabei
„Oh happy day“ – diesen Song kennt wohl jeder. Zusammen mit anderen Gospel-Klassikern wird er sicherlich beim 12. European Gospel Festival in Stuttgart zu hören sein. Mehr als 5000 Teilnehmende haben sich angemeldet, um bei Konzerten und in Workshops singend den Herrn zu preisen – nicht auf die verkopfte Art, sondern extrovertiert, klatschend und tanzend.
Der Gospel-Gesang ist bei uns voll angekommen
Festival-Veranstalter sind die evangelische Landeskirche und die Stiftung „Creative Kirche". Sie freuen sich in diesem Jahr über mehr Teilnehmende denn je. Vorstand Martin Bartelworth skizziert die aktuelle Entwicklung so: „Auch wenn die Zahl der reinen Gospel-Chöre auf etwa 2500 gesunken ist, singen immer mehr Menschen Gospel". Denn das Genre sei längst in der allgemeinen Chorliteratur angekommen.
Urs Bichler, Popkantor der evangelischen Landeskirche in Württemberg, bestätigt den Trend. Die Zahl der Chöre mit modernem Repertoire habe zugenommen, auch außerhalb der Kirche. Dabei könne man Gospelchöre nicht mehr richtig von Popchören trennen, da meistens beide Genres gesungen würden. Wesentlich für den Gospel sei die christliche Botschaft.
Die Wurzeln liegen in der Sklaverei
Die Gospel-Musik kommt aus der afroamerikanischen Tradition. Seit dem 17. Jahrhundert wurden Millionen von afrikanischen Sklaven nach Nordamerika verschleppt, ihre Riten, Gesänge und Tänze brachten sie als kulturelles Erbe mit. Die Trauer über ihr Schicksal, das von Leid und Schmerz geprägt war, drückten die Sklaven in ihren Klageliedern aus.
Als die Sklaven christianisiert wurden, vermischten sich die Kulturen: Die Schwarzen interpretierten die Kirchenlieder der Weißen auf ihre Weise. Typisch sind etwa der Wechselgesang von Leader und Chor oder das Rufen, Tanzen und Klatschen der Gemeinde. Im 19. Jahrhundert entstanden sogenannte Spirituals, aus denen später die Gospelmusik hervorging.
Die kulturelle und soziale Bedeutung ist immens
Der Begriff Gospel leitet sich von „good spell" ab und steht für „die gute Nachricht", das Evangelium. Die kulturelle Bedeutung der schwarzen Kirchenmusik ist enorm: Etliche Popikonen, darunter Whitney Houston, lernten im Gospelchor das Singen. Viele afroamerikanische Weltstars interpretierten traditionelle Gospels und verwiesen damit auf ihre Wurzeln.
Auch Mahalia Jackson und Nina Simone sangen zum Beispiel Gospel-Klassiker wie „He´s got The Whole World in His Hand“. 1957 machte ein britischer Kinderstar den Song sogar zum internationalen Hit. In den 1960-er Jahren wurde der Gospel politisch: „We shall overcome", aus dem Jahr 1901, entwickelte sich zur Protest-Hymne der US-Bürgerrechtsbewegung.
Erste deutsche Gospelchöre in den 1960er-Jahren
Zur Verbreitung des Gospel in Europa trugen nicht nur Schallplatten und Tourneen afroamerikanischer Musiker und Musikerinnen bei, sondern auch US-Soldaten, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland stationiert waren. In den 1960e- Jahren gründeten sich erste deutsche Formationen. Seit 1968 gibt es zum Beispiel den „Nürnberger Gospelchor".
Die deutsche Gospel-Welle erreichte in den 1980er und 1990er-Jahren ihren Höhepunkt. Zu Spitzenzeiten gab es etwa 4000 Gospelchöre.
Das Genre ist inzwischen aber auch zu einem sensiblen Thema geworden: Weiße Menschen singen schwarze Unterdrückungs-Musik – ist das noch vertretbar? Musikwissenschaftler Nepomuk Riva ist dieser Frage nachgegangen.
Ist Gospel-Singen kulturelle Aneignung?
Wenn man Gospel als Teil der christlichen Musik betrachte, gebe es erstmal kein Problem, meint Riva. Denn das Christentum sei ein über-ethnisches Konzept, in dem die Musik einen universellen Charakter habe. Aber: Gospel-Musik sei für viele Afroamerikaner Teil ihrer Identität und stehe für wichtige Momente ihrer Geschichte.
Deshalb sei es problematisch, wenn Gospel von Weißen als reine Wohlfühlmusik ohne politische Aussage oder ohne christlichen Hintergrund gesungen werde. Riva empfiehlt, bei Gospelkonzerten immer auf die Entstehung und den Kontext dieser Musik hinzuweisen, zum Beispiel durch Moderationen und Programmhefte. Wichtig sei die kulturelle Sensibilität.
Gospel-Singen als Lebenselixier
Der Beliebtheit des Gospel in Deutschland kann diese Diskussion aber nichts anhaben. Festival-Veranstalter Martin Bartelworth von der Stiftung „Creative Kirche" weiß, was die Gospel-Musik so attraktiv macht: Sie sei rhythmisch und habe eingängige Melodien, ähnlich wie Popmusik. Außerdem fördere das Singen in der Gemeinschaft den „Wir-Faktor".
Die Sängerinnen und Sänger könnten selbst bestimmen, wieviel Spiritualität sie zulassen wollen, sagt Bartelworth. Nicht für jeden sei das Gospel-Singen ein Glaubens-Ausdruck.
Der Gospel bringe Menschen zusammen. Er sei „ein Lebenselixier, das man mit vielen teilen könne" - und das tue eigentlich - auch gesellschaftlich gesehen – allen gut.