Musikalische Verführung
Eine Prise finnischer Humor ist wohl dabei, wenn sich Tomi Mäkelä just auf den Hit von Manuela bezieht. Manuela singt im Jahr 1963 von der Verführbarkeit der Musik: „Denn, wenn einer Bossa Nova tanzen kann, dann fängt für mich die große Liebe an“, heißt es im Text zum erfolgreichen Schlager. Die Engführung von Liebe, von Rausch und inniger Zuneigung gehört zur Musik wie Jean Sibelius zu Finnland – doch der im finnischen Lahti geborene Mäkelä erhebt Einspruch:
Das Hinterfragen des Musenglücks ist im global-westlichen Milieu unüblich, wogegen Verherrlichung seit Langem salonfähig ist. Sogar aufgeklärte Medien versäumen es, naheliegend kritische Fragen zu stellen, wenn es um das Musikleben und -geschehen geht.
Zur Rolle der Musik
„Heilsame, mächtige und sündhafte Töne im Wandel der Zeiten“ lautet der Untertitel des mehr als 300-seitigen Buches. Mäkelä nähert sich der Musik aus kultursoziologischer Perspektive und hinterfragt offenbare Instrumentalisierungen von Musik und er fragt nach sinnvollen Rollen, die Musik in der Gesellschaft spielen kann.
Als versierter und traditionell ausgebildeter Pianist kennt Mäkelä den auf Leistung getrimmten instrumentalen Ausbildungsbetrieb. Wettkampf, schön und gut, gerade junge Menschen wollen sich gern messen. Aber das Kompetitive hat eben auch seine Kehrseiten, unter anderem, wenn es unter großer Anspannung einmal zu einem immer möglichen Blackout des kleinen Kindes kommt, das vielleicht gerade eine ungeheuer heikle Partita von Bach spielt, die ja zu Ursprungszeiten gar nicht gedacht war zur öffentlichen Wiedergabe.
Glosse zur Kehrseite von Wettbewerben
Zu viel Beethoven?
Man kennt die Geschichten, die auch Tomi Mäkelä erzählt: Geläufigkeitsübungen, Auftrittsangst und der Drill des Instrumentallehrers verleiden vielen Menschen das eigene Musikmachen. Ein Hochleistungsanspruch sei der falsche Ansatz – das gilt auch für Musikkonservatorien, in denen aufgrund einer instrumentalen Spezialisierung die humanistische Bildung der Studierenden eklatant zu kurz komme.
Auf durchaus mutiges Terrain begibt sich Mäkelä, wenn er meint, dass es zu viele Spitzenmusiker und Spitzenorchester gebe, die in kühler Perfektion die nächste Beethoven-Symphonie rauf und runter spielen. Sein Ideal ist ein anderes:
Ich fühle mich ethisch, ökologisch und ästhetisch am wohlsten, wenn ich den reflektierten und rücksichtsvollen Rausch erlebe, den ein Universitätsorchester ausstrahlt, das ohne professionelle oder professorale Hilfe auskommt.
Nicht nur klassische Musik
Man spürt in diesem Buch die Liebe zur Musik. Ebenso Mäkeläs Wunsch, sich nicht nur einem Fachpublikum zuzuwenden. Seine Sprache ist nicht akademisch, Analysen werden dem Leser erspart.
Mäkelä garniert seine Beispiele mit oft witzigen Passagen wie Filmszenen. Und er beschränkt sich bei Weitem nicht nur auf die so genannte europäische Kunstmusik, sondern bezieht offenbar geschätzte Metalbands ein oder auch die britische Band Queen, deren Message weitaus komplexer sei als ein bloßes We will Rock you oder We are the Champions.
Eher entsprächen die Texte einem melancholischen Blues, der auch mit Freddie Mercurys Homosexualität zu tun habe, die in den 70er-Jahren noch anders gelebt werden musste.
Respekt vor der Musik
Mäkeläs Töne stimmen nachdenklich – auf der anderen Seite aber auch hoffnungsvoll: Aus Liebe zur Musik plädiert er in schwierigen Zeiten für einen respektvollen, möglichst breitenwirksamen Umgang mit Klängen und Rhythmen jeglicher Couleur.
Letztlich geht es darum, jenen ideologischen Ballast loszuwerden, an dem die Geschichte ihren Anteil hat. Inklusive Professionalisierung, Inszenierung und einer lange unter falschen Prämissen agierenden Musikpädagogik – sei es in der Schule oder bei der individuell-instrumentalen Ausbildung. Mäkeläs Fazit ist nichts hinzuzufügen:
Ein erfolgreicher Umgang mit Musik – nicht nur pädagogisch und individuell, sondern auch politisch – setzt voraus, dass die Komplikationen erkannt werden, die mit ihr als Kunst, Vergnügen und Medium einhergehen.
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