Buchkritik

Fundiert Fluchen: „Die hohe Kunst des Schimpfens“ von Wolfgang Hörner und Tobias Roth

Von der Antike bis heute: Der bibliophile Band „Die hohe Kunst des Schimpfens“ versammelt virtuose, bösartige und witzige Beschimpfungen und zeigt die Sprachkunst des Fluchens.

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Von Autor/in Ina Beyer

Schimpfen wie ein Rohrspatz – wer möchte und macht das nicht ab und zu. Auch wenn stilvolles Schelten – wie es der gefiederte Geselle vorlebt – nicht des Menschen Pläsier zu sein scheint.

Am wenigsten in einer Gegenwart, die durchfurcht ist von tumben Gehässigkeiten eines amerikanischen Präsidenten, Plumpheiten hetzender Populisten oder Hassreden in sozialen Medien.  

Das weite Feld der Beschimpfungen 

Dabei ist Sprache so gehaltvoll, um das weite Feld der Beschimpfungen originell zu bestellen, historisch zu düngen und mit literarischen Stilblüten zu schmücken.  

Aasknochen, Blutunke, Klügling

Tobias Roth und Wolfgang Hörner begaben sich auf die Suche, erschlossen entlegene, alte Quellen, wühlten in Wörterbüchern, erforschten Dialekte und schauten virtuosen Beleidigern deutschen und internationalen Schrifttums aufs Maul und in die Bücher.

Sie brachten reiche Ernte ein, die sie nun in ihrem so kurzweiligen wie bibliophilen Büchlein präsentieren. Auf nahezu jeder Doppelseite ein üppiger Garten neuer Schimpfwörterlüste. In einem wüten Klassiker gegen Klassiker:  

Tobias Roth, Wolfgang Hörner
Tobias Roth, Wolfgang Hörner Pressestelle Tobias Roth, Wolfgang Hörner (c) ST Weicken

„Ein Erzwindbeutel

Ruft Johann Heinrich Voss in Richtung Clemens Brentano  

Eine völlige Null

Nennt Wilhelm von Humboldt Matthias Claudius. Oder: 

Mit größerer Majestät ist wohl noch nie ein Verstand still gestanden

Wettert Georg Christoph Lichtenberg gegen Friedrich Gottlieb Klopstock." 

Ein derb grantelnder Mozart  

Einer, der derb granteln konnte wie kaum ein zweiter und dann auch noch in Wort und Musik findet sich ein paar Seiten weiter: Mozart.

Sein sechsstimmiger Kanon aus dem Jahr 1782 fordert, was er auch in unzähligen Briefen immer wieder verlangte: man möge ihn am bzw. im Hinterteil lecken. Für seine Cousine Maria Thekla Mozart hält er sich diesbezüglich zurück. Mit umso größerem kreativen Eifer: 

Poz Himmel Tausend sakristey, Cruaten schwere noth, teüfel, hexen, truden, kreüz-Battalion und kein End.

Ein Füllhorn der Flüche: Mozart wie das gesamte Buch. Es findet sich musikalisches Schelten darin ebenso wie dramatisches, lyrisches oder prosaisches, episches oder auch postalisches.

So der Brief der Saporoger Kosaken an den türkischen Sultan Mehmet IV. zu Beginn des osmanisch-russisches Krieges 1676. Er ist wohl ein Höhepunkt diplomatischen Levitenlesens.

Wer Ilja Repins berühmtes Gemälde „Die Saporoger Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief“ vor Augen hat, sieht und hört sie förmlich fluchen und fabulieren: 

„Dein Heer fürchten wir nicht, werden zu Wasser und Lande uns mit dir schlagen, Du Babylonischer Küchenchef, Du Mazedonischer Radmacher, Alexandrinischer Ziegenmetzger, Jerusalemitischer Bierbrauer, Erzaushalter des großen und des kleinen Ägypten“, schimpft Mozart.

„Du armenisches Schwein, Du Tartarischer Geißbock, Du Henker von Kamenetz und Taschendieb von Podolsk, Du Enkel des leibhaftigen Satans und Narr der ganzen Welt und Unterwelt, dazu unseres großen Gottes Dummkopf. Schweineschnauze, Stutenarsch, Metzgerhund, ungetaufter Schädel!“ 

Man kann in diesem sorgsam zusammengetragenen Almanach immerzu vor und zurück blättern und stößt allenthalben auf neue Sentenzen, Gedichte, Histörchen, Dialekte oder Kanonaden.  

Auch die Rezensentin kann beschimpft werden 

Bravourdeutsche, Detailkanaille, Fleischverbandsfeuilletonist, Foxtrottel, Vollgermane.

Vom wahren Könner Karl Kraus und dem nicht minder gewandten Schopenhauer über Ovid bis Catull zetern sich Große und Kleine durch die Weltgeschichte.

Wer die so vergnügliche wie kenntnisreiche „Hohe Kunst des Schimpfens“ studiert hat, ist gewappnet. Kann fürderhin fundiert fluchen. Gegebenenfalls auch gegen die Rezensentin: 

Beckmesser, Literarischer Neuntöter, Rezensentenhund, Cerberus! 

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Ina Beyer