Buchkritik

Weise und unterhaltsam: „Schlagworte, die Geschichte machen“ von Bruno Preisendörfer

„Wirtschaftswunder“, „Blühende Landschaften“ oder „Wir schaffen das“ – das sind bekannte Parolen. Bruno Preisendörfer erzählt entlang solcher Schlagworte deutsche Geschichte neu.

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Von Autor/in Ina Beyer

„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten. Ich bin ein Berliner. Wir wollen mehr Demokratie wagen. Wir haben so vieles geschafft, wir schaffen das.“ 

Wer kennt sie nicht, Schlagworte wie diese, die bestimmte geschichtliche Epochen einleiteten, beendeten oder beschrieben, mitunter aber auch erst ermöglichten?

Wie der Versprecher von Günter Schabowski auf der Pressekonferenz 1989, der Reisefreiheiten für DDR-Bürger „sofort, unverzüglich“ in Aussicht stellte und damit den Fall der Mauer einleitete?

Bruno Preisendörfer hat sich 14 solcher berühmten Sätze vorgenommen und beschreibt anhand dieser deutsche Nachkriegsgeschichte.  

 

Bruno Preisendörfer
Bruno Preisendörfer (c) Jakob Hoff

Höhen und Tiefen in der deutschen Nachkriegsgeschichte 

Launig und anekdotisch, immer faktenreich und mit vielen statistischen Belegen unterfüttert, oft mit persönlichen Bemerkungen gespickt, durchmisst er Höhen und Tiefen politischer, kultureller oder sportlicher Entwicklungen des Landes. Dabei bilden die Schlagworte meist nur den rhetorischen Rahmen.

So beleuchtet der Autor im Kapitel „Wohlstand für alle“, das auf Ludwig Erhards Sachbuch von 1957 anspielt, auch, was dahinter stand:

Das Interesse der USA an einer starken Wirtschaft und prosperierenden westdeutschen Gesellschaft – Stichwort Marshallplan und 1949 eingestellte Reparationen – während im Osten bis 1954 20% der industriellen Anlagen abgebaut und in die Sowjetunion transportiert wurden und viele DDR-Betriebe ausschließlich für den Export nach Moskau arbeiteten. 

Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten

Schlagwortartig zusammengefasst: die USA investierte, die Sowjetunion demontierte. 

Die divergierende Entwicklung in beiden Ländern führte dazu, dass bis 1961 zwei Millionen DDR-Bürger ausreisten. Dem musste ein Riegel vorgeschoben werden. 

„Im Juni 1961 reagierte Walter Ulbricht während einer Pressekonferenz auf die Frage einer Korrespondentin, ob es Pläne gebe, das Brandenburger Tor tatsächlich zu schließen, mit einem spöttischen Dementi:“

„Ich verstehe Ihre Frage so, dass es in Westdeutschland Menschen gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR dazu mobilisieren, eine Mauer aufzurichten. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ 

Fokus Bundesrepublik 

Ulbrichts letzter Satz wurde zu einem der wohl bekanntesten Schlagworte, das Geschichte machte. Das entgegen der weltberühmten Behauptung nunmehr geteilte Land ist für Bruno Preisendörfer allerdings kein Anlass, gleichberechtigt auf beide Staaten zu blicken. Sein Fokus bleibt auf die Bundesrepublik gerichtet. Aber nicht auf die Politik allein: 

Der Wohlstand in der Breite, wenn auch nicht für alle, setzte Kräfte und Mittel frei, um für Kultur in der Breite zu sorgen. 

„Kultur für alle“ heißt das dazugehörige Motto nebst Kapitel, angelehnt an das Buch von Hilmar Hoffmann aus dem Jahr 1979.  

Innerdeutsche Migrationsgeschichte 

Doch im vorliegenden Buch geht es dann doch wieder vorrangig um politische Entwicklungen. Bis hin zum letzten Kapitel: „Wir schaffen das“, Angela Merkels am 31. August 2015 ausgegebene Parole, die dem Verfasser Anlass bietet, einmal genauer auf die innerdeutsche Migrationsgeschichte zu schauen.

Von 1950-1990 siedelten rund 5,275 Millionen DDR Bürger in die Bundesrepublik über, in umgekehrter Richtung waren es etwas über 500.000. 

„Darunter Wolf Biermann, der als Sechzehnjähriger im Mai 1953, also kurz vor den Aufständen des  17. Juni, ein Internat in der Nähe von Schwerin bezog, natürlich nicht ahnend, dass er 23 Jahre später ausgebürgert werden würde.“ Und weiter:

„Und Angela Merkel, die 1954 noch in der Wiege lag, als ihre Eltern in die DDR übersiedelten, und der an dieser Wiege nicht gesungen wurde, dass sie einmal Kanzlerin in einem Deutschland werden würde, dessen Vereinigung von Menschen erzwungen worden war, die zu Hunderttausenden die entgegensetzte Richtung genommen hatten wie ihre Eltern 1954.“

Ein typisch hintersinniger Satz von Bruno Preisendörfer, der weise und unterhaltsam deutsche Nachkriegsgeschichte Revue passieren lässt.

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