Liebe, Kunst und Verrat

„Trio mit Tiger“: Roman bringt Krimi-ähnliche Erkenntnisse über Max Beckmanns „Traum von Monte Carlo“ nach Stuttgart

Max Beckmann hat Rätsel und Botschaften in seinen Werken hinterlassen. Dank der Recherchen von Autorin Marianne Ludes für ihren Roman „Trio mit Tiger“ konnte die Staatsgalerie Stuttgart dem gut erforschten Werk „Traum von Monte Carlo“ in der Sammlung noch Geheimnisse entlocken. Im Zentrum: Beckmanns Ehefrau Mathilde von Kaulbach und eine Art Dreiecksbeziehung mit einem Nazi-Vermittler.

Teilen

Stand

Von Autor/in Sophia Volkhardt

„Dieser besonderen Frau eine Stimme geben“

Eine junge Frau mit selbstbewusstem, fast ein bisschen herausforderndem Blick. Ihr Oberkörper ist zu sehen, der Rest steckt in einem übergroßen Pferdekostüm. Ihre Beine sind die vorderen Hufe, den hinteren Teil des Tieres aus weißem, geflecktem Plüsch zieht sie hinter sich her.

Das Foto von der verkleideten Mathilde von Kaulbach entsteht 1925 bei der Hochzeit ihrer Schwester zu Fasching. Die junge Frau ist in den rund 20 Jahre älteren Künstler Max Beckmann verliebt und buhlt bei der Feier vor allem um seine Aufmerksamkeit.

Die besondere Beziehung der beiden fasziniert die Autorin Marianne Ludes bei ihren Recherchen: „Es ist eine große Liebe. Das kann man aus Beckmanns Tagebüchern ableiten. Ich wollte nicht über Max Beckmann schreiben, über den es 3.500 Publikationen gibt, während es über seine Ehefrau Mathilde von Kaulbach, genannt Quappi, keine einzige gibt“, sagt Ludes.

„Mir war es ein Anliegen, dieser bedeutenden, besonderen Frau eine Stimme zu geben.“

Roman über Quappi, Beckmann und einen befreundeten Nazi-Entsandten

Ludes Roman „Trio mit Tiger“ entführt in das Amsterdamer Exil von Quappi und Beckmann. Der Titel verrät es schon: Es geht nicht nur um das Ehepaar, sondern auch um das besondere Verhältnis zum deutschen Kunsthistoriker Erhard Göpel. Er war ein glühender Verehrer Beckmanns und späterer Freund – aber auch Entsandter der Nationalsozialisten.

Max Beckmann: Quappi mit Papagei
Max Beckmann: Quappi mit Papagei. Funke Foto Services

„Erhard Göpel war als Kunsthistoriker nach Holland entsandt worden, weil er Gemälde kaufen sollte für das von Hitler geplante Führermuseum in Linz. Das ist jetzt nicht zu hundert Prozent Kunstraub, aber Erhard Göpel ist am Ende doch in die Nationalsozialistischen Raubkunstgeschehnisse verstrickt worden.“  

Kann das Ehepaar dem Nationalsozialisten vertrauen?

Einerseits verehrt Göpel Beckmann und will ihm und seinem Umfeld helfen, gleichzeitig sieht er sich mit den Machtinstrumenten der Nazis konfrontiert. Es stellt sich immer wieder die Frage: Kann das Ehepaar dem Nationalsozialisten vertrauen?

Über Jahre recherchiert Marianne Ludes, um Quappi, Beckmann und dem Leben der Eheleute möglichst nahe zu kommen. Ganz entscheidend dabei: Sie bekommt Zugang zu Quappis unveröffentlichten Tagebüchern.

„Sie wurden immer ärmer, bis sie irgendwann auch Hunger litten. Ich wollte diesen Abstieg nachvollziehen und so zeigen, dass man das als Leser erspüren kann, wie sich das angefühlt hat“, sagt die Autorin.

„Anscheinend hat Beckmann in diesem Gemälde seinen besten Freund angeklagt“

Nicht nur das persönliche Schicksal hatte Einfluss auf Max Beckmanns künstlerische Arbeit. Auch die politische Wirklichkeit in der Heimat floss in seine Bilder ein.

Auch wenn sich Beckmann selbst selten zu der konkreten Bedeutung seiner Werke äußerte und die Gemälde überwiegend allegorisch gedeutet wurden, konnten in den letzten Jahren doch einige der Dargestellten auf seinen Werken realen Personen zugeordnet werden.

Max Beckmann: Traum von Monte Carlo, 1939-1943
Max Beckmann, Traum von Monte Carlo, 1939-1943. Staatsgalerie Stuttgart

Ein Schlüsselwerk in Ludes Recherchen ist in diesem Zusammenhang das Gemälde „Traum von Monte Carlo“, das sich seit 1956 in der Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart befindet. Beckmann fing 1939 an, es zu malen.

1943 habe er es noch mal hervorgeholt und stark bearbeitet, sagt Ludes. „Es deutet alles darauf hin, dass er mit diesen Porträts Personen wie Erhard Göpel abgebildet hat. Anscheinend hat Max Beckmann in diesem Gemälde seinen besten Freund angeklagt. Das ist schon aufregend.“

Für die Staatsgalerie sind die Recherchen ein Glücksfall

Für die Staatsgalerie waren Marianne Ludes Recherchen ein Glücksfall, erklärt Kurator Jens-Henning Ullner. Denn Beckmanns nachträgliche Bearbeitungen waren vorher nicht bekannt.

Marianne Ludes auf der Frankfurter Buchmesse 2025
Der erste Roman von Marianne Ludes handelt vom Künstlerpaar Max und Mathilde Beckmann im Amsterdamer Exil in den Jahren 1942–1944. dts Nachrichtenagentur

„Wir haben Röntgen- und Infrarotaufnahmen des Bildes gemacht. Es hat Übermalungen gegeben, wie Frau Ludes vermutet hat“, sagt Ullner, „insbesondere im Bereich der Gesichter. Für uns hat sich die Komposition neu erschlossen.“

Ein kunsthistorisches Rätsel gelöst

So bündelt sich im „Traum von Monte Carlo“ die fast Krimi-ähnliche Geschichte rund um den Kunsthistoriker Erhard Göpel, das Leben des Künstlerehepaares im Exil in Amsterdam mit dem permanenten Gefühl der Bedrohung durch die Nazis und moderne Kunstgeschichte. 

„Sein Werk ist sehr viel stärker durchdrungen durch das, was er erlebt hat. Das bezieht sich auch auf die Beziehung zu seiner Frau. Aber eben auch auf die Dinge, die die beiden unter den Nationalsozialisten durchlitten haben“, erklärt Autorin Marianne Ludes.

Die Erkenntnis: Es gibt noch viele kunsthistorische Rätsel zu lösen. Eine neue, vielleicht weibliche Perspektive auf die Kunst könnte sicher noch so manch anderes zu Tage fördern.

Aufarbeitung auch im Südwesten Der Raubkunst auf der Spur: Zehn Jahre Deutsches Zentrum Kulturgutverluste

Wird in deutschen Museen Raubkunst ausgestellt? Um das zu klären, geht das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste seit mittlerweile zehn Jahren auf Spurensuche - auch in der Region.

Debatte um Kunst und Erinnerungskultur Die Ästhetik der Anpassung: NS-Kunst zwischen Markt, Macht und Museum

Steigende Preise und Aufmerksamkeit rücken NS-Kunst ins Licht. Was verbirgt sich hinter dem Begriff und wie lässt sich diese ideologisch geprägte Kunst verantwortungsvoll zeigen?

SWR Kultur am Morgen SWR Kultur