Schneiden, feilen und lackieren
Sie sind Asiatinnen, und sie sehen alle gleich aus: schwarze Hose, schwarzes T-Shirt, dazu halblange schwarze Haare. Außerdem heißen sie alle Susan.
Das steht zumindest auf ihren Namensschildern. Es sind die Mitarbeiterinnen eines Nagelstudios. Erfunden hat sie die Autorin Souvankham Thammavongsa.
„Frag nach Susan“ heißt ihr Roman, der in irgendeiner nordamerikanischen Stadt spielt. Vielleicht ist es Toronto, wo Thammavongsa selbst lebt.
Lästern auf Laotisch
Der Roman erzählt einen kompletten Arbeitstag im Salon. „Wir erleben die Routinen, die es in dem Job gibt, die Schwierigkeiten, die auftreten können, aber auch die Fähigkeiten, die man für die Arbeit braucht“, sagt die Literaturkritikerin Katrin Doerksen auf SWR Kultur.
„Thammavongsa beschreibt den Arbeitsalltag sehr wertschätzend. Nicht romantisierend, sondern präzise und detailliert.“ Immer wieder kommen Kunden in den Laden.
Die darauf abgestimmten Bewegungen der Mitarbeiterinnen wirken wie eine erzählte Choreographie.
Hinzu kommt viel böser Witz, wenn die selbstbewussten Migrantinnen während der Behandlungen auf Laotisch über ihre Kunden herziehen.
„Unter den perfekt lackierten Nägeln brennt es“, urteilt auf dem Buchumschlag auch Katja Oskamp, die mit dem Fußpflege-Roman „Marzahn Mon Amour“ großen Erfolg hatte.
Subtilität und Auslassung im Erzählen
Souvankham Thammavongsa kam 1978 in einem Flüchtlingslager in Thailand zur Welt, wenige Jahre nach dem Vietnamkrieg.
Ihre Eltern waren Flüchtlinge aus Laos, die später nach Kanada ausreisen konnten. Dort wurde Thammavongsa bekannt mit Gedichten und Kurzgeschichten.
„Frag nach Susan“ ist ihr Debütroman. Der Roman basiert auf der Geschichte „Mani Pedi“ aus der noch nicht übersetzten Erzählsammlung „How to Pronounce Knife“.
„Das merkt man, denn auch der Roman hat etwas Novellenhaftes“, sagt Katrin Doerksen. „Der Stil der Autorin ist geprägt von Subtilität und Auslassung.“
Ein Beispiel dafür ist, dass der Chefin des Salons ein Finger fehlt, was unerklärt bleibt.
Ein Hauch von Horror
Aus dem klonhaften Auftreten der Mitarbeiterinnen hätte die Autorin Doerksen zufolge aber noch mehr machen können.
Darin steckt ja nicht nur Humor, sondern auch „ein Hauch von Horror“, findet sie. „Ich wäre sehr daran interessiert gewesen, wo das noch hinführen könnte.“
Zumal sie diese Anlage auch an den SciFi-Horrorroman „Die Frauen von Stepford“ von Ira Levin erinnert hat, in dem Frauen durch servile Androide ersetzt werden.
„Je länger ich aber auf diesen Roman zurückblicke“, schließt Doerksen, „desto mehr schätze ich ihn genau dafür, dass er einem seine Botschaften überhaupt nicht aufdrängt.“
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Hoffmann & Campe (320 Seiten, 23 Euro)
ISBN 978-3-455-02140-0
6. Mai 2026