Ein Geschichtenmesser aus Alaska

„Dem Messer die Klinge nehmen" von Cristina Rivera Garza

„Objekte widersprechen“ – so heißt eine kolonialkritische Buchreihe der Stiftung Humboldt Forum. Cristina Rivera Garza hat jetzt über ein Geschichtenmesser aus Alaska geschrieben.

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Von Autor/in Eeva Aichner

„Dem Messer die Klinge nehmen“ – so lautet das Versprechen im Titel von Cristina Rivera Garzas Büchlein. Mit einem stumpfen Messer will die mexikanische Autorin die Erinnerung an Opfer von Femiziden wachhalten.

Dazu hat sie ein sogenanntes Geschichtenmesser aus der Sammlung des Ethnologischen Museums in Berlin ausgewählt. Mit diesem wundersamen Gegenstand beschäftigt sie sich in ihrem Text.

Cristina Rivera Garza
Cristina Rivera Garza Cristina Rivera Garza (c) Imago, Isabella De Maddalena opale.photo

Geschichten in den Schnee zeichnen

Auf Yup’ik, also in einer indigenen Sprache Alaskas, heißt das Objekt Yaaruin. Es wird auch mit „Schneemesser“ übersetzt, weil Mädchen des Yup’ik-Stammes damit in den Schnee oder in nasse Erde zeichneten.

Sie untermalten damit ihre mündlichen Erzählungen, deshalb die Übersetzung „Geschichtenmesser“. In einer Art Vergangenheitsbeschwörung holt Rivera Garza die Stimmen dieser Mädchen in die Gegenwart:

Wir sind nicht in Berlin, sondern weit weg, in der Arktis, unter einem bedeckten Himmel voller Vorzeichen. Wir sind Mädchen, die die Geschichte eines anderen erzählen und zugleich unsere eigene, uns selbst, in die Erdoberfläche einschreiben. Für immer.

Yaaruin, flüstern sie, und zeigen auf das Messer in ihrer Hand. Dann verklingen ihre Stimmen langsam unter der Last der Distanz, ihre Bernsteinfarbe schimmert kaum noch durch den Staub.

Der traditionelle Gegenstand

Die kunstfertig gearbeiteten, stumpfen Yaaruin bestehen meist aus Holz oder Knochen. Aus Messing und Kupfer hat Rivera Garzas Ehemann, der Künstler Saúl Hernández-Vargas, ihr auch ein Geschichtenmesser gefertigt.

Damit beginnt ihre literarische Umschreibung des traditionellen Gegenstands. Auf zehn Seiten lässt Rivera Garza zunächst die Yup’ik-Tradition durch literarische Imagination lebendig werden.

Diese Fantasie kombiniert sie mit Reflexionen zur Verbindung von Erinnerung und Auslöschung. Dies ist der interessanteste Teil des Buches. Leider nimmt er ein jähes Ende, sobald der Text in unsere Jetztzeit springt.

Mit Geschichtenmessern an Femizide erinnern

Rivera Garza verwendet ihr eigenes, von ihrem Mann entworfenes Geschichtenmesser neu. Sie malt damit nicht Zeichen in den Schnee, sondern schreibt Namen in den Schlamm. Durch diese Benutzung im Hier und Heute wird es zum Vehikel, um über Femizide nachzudenken.

Der Name, den Rivera Garza mit dem Geschichtenmesser in den Schlamm schreibt, lautet Liliana. So hieß ihre Schwester, die mit 20 Jahren von ihrem Ex-Partner ermordet wurde. Von diesem Femizid handelte schon ihr Buch „Lilianas unvergänglicher Sommer“, für den Rivera Garza den Pulitzer-Preis in der Kategorie Memoiren erhielt.

Die Bewältigung dieser traumatischen Erfahrung wird nun auch zum Kernstück ihres neuen Textes. So heilsam das Ritual sein mag, so wenig reizvoll liest sich aber der Text, Pathos allein reicht nicht, um aus einer Anekdote Literatur zu machen.

„Wir schöpften Wasser aus dem Eimer und sprenkelten es vorsichtig über die Erde auf dem Grab. Das plötzliche Gefühl von Kindheit, die körperliche Wonne, als unsere Hände die Elemente vermischten, bis wir einen dichten, samtweichen Schlamm geschaffen hatten. Eine Tafel. Einen Spiegel. Einen Rahmen. Hier wird dein Name fortdauern, Liliana.“

Wer hat das gesagt? Wer sagte „Und dein Geburtsdatum und das Datum deines Todes“?

Politische Gegenwart

An die Stelle der Yup’ik-Tradition tritt die politische Gegenwart Amerikas. Rivera Garza führt erschreckende Femizidraten an. Sie stellt einen Fragebogen vor, anhand dessen Frauen die Gefahr einschätzen können, selbst Opfer von Gewalt zu werden.

Sie zitiert den Strafbestand des Femizids aus dem mexikanischen Bundesstrafgesetzbuch zwei Mal. Beim zweiten Mal werden die Merkmale des Femizids unkenntlich gemacht, ausgelöscht.

Damit spielt sie auf den argentinischen Präsidenten Javier Milei an, der einen Femizid nicht mehr als gesonderte Straftat anerkennt:

Die Botschaft ist deutlich: Frauenrechte sind niemals sicher. Mit der flachen Seite der Klinge der Macht können Gesetzestexte ebenso ausgelöscht werden wie die warnenden Geschichten der Yup’ik-Mädchen.

Stumpfheit durch Verschmelzung

Das Geschichtenmesser, das ursprünglich ein Mädchenspielzeug war, ist zu einem politischen Werkzeug geworden. Natürlich sind Geschichten, auch solche von Kindern, nie nur harmlos.

Sie können warnen, Strukturen unterwandern, Werte festigen oder hinterfragen. Auf Rivera Garzas Geschichtenmesser lastet aber allein die Schwere des Femizids. Das abgestumpfte Messer, das eigentlich von einer gewaltlosen, spielerischen Verwendung zeugt, wird damit wieder auf Gewalttätigkeit verengt.

Anders als der Reihentitel „Objekte widersprechen“ verspricht, wird hier also dem Objekt widersprochen.

70 Seiten Genre-Mix

Stilistisch inszeniert sich Rivera Garza in ihrem Werk als ausgefuchste Grenzsprengerin. Sie gibt nicht viel auf Genrekonventionen – die auf dem Buchrücken versprochene ‚Erzählung‘ ist eher ein Essay mit erzählerischen Elementen. Rivera Garzas Überlegungen zum Geschichtenmesser wirken allerdings bunt zusammengewürfelt.

In ihrem Mix aus Erinnerungen, Reflexionen, Zitaten, Imaginationen und Gesetzestexten vermisst man Systematik. Sie erzählt von Filmaufnahmen am Grabstein ihrer Schwester. Sie interpretiert Musik, die ihr Sohn zum Geschichtenmesser komponiert hat.

All das in einer Live-Performance zu erleben, ist bestimmt bewegend. In einem letztlich recht kurzen Text funktionieren diese disparaten Beschreibungen aber nicht.

So folgt dieser Text keinem gedanklichen Prinzip, besitzt nur eine diffuse Hybridität. Rivera Garza nennt das Erzählen „mit scharfem Blick die Welt betrachten“. Eine schöne Formulierung, die sie selbst aber nicht umsetzt. Ihrem eigenen Geschichtenmesser hat sie die Klinge genommen – leider.

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Eeva Aichner