„Endlich!“ Der Freudenruf dürfte am Donnerstag aus etlichen Mündern gekommen sein, als der Name der diesjährigen Trägerin des Nobelpreises für Literatur verkündet wurde.
Schließlich wurde die 1950 in Toronto geborene Anne Carson seit Jahren als eine der Favoritinnen für die höchsten Weihe gehandelt, die Schriftsteller für ihr Schaffen erlangen können.
„A Writer's Writer“: Eine Dichterin für andere Dichter
Dass Anne Carson eine riesige Fangemeinde hat, zeigte sich beim diesjährigen Internationalen Poesiefestival in Berlin. Die Tickets für ihre Abschlussrede „Lecture and Performance on the History of Skywriting“ waren in kürzester Zeit ausverkauft.
Im Publikum befanden sich viele von weither Angereiste – und viele junge Lyriker. Denn Anne Carson ist, was man im anglo-amerikanischen Sprachraum „writer’s writer“ oder „poet‘s poet“ nennt.
Sie ist eine Dichterin, die unzählige andere beeinflusst hat, unter ihnen der österreichische Autor Michael Stavarič. In seinem Band „Nkaah. Experimente am lebenden Objekt“ (2008) hat er intertextuelle Bezüge zu Carsons „Autobiography of Red“ (deutsche Ausgabe: „Rot. Zwei Romane in Versen“) hergestellt. Seine Titelfigur ließ er eine Hommage an die Autorin aussprechen: „Nkaah mochte Anne Carson.“
Freiraum, den Gott füllen kann
Auch die amerikanische Autorin Maggie Nelson ist von Carson beeinflusst. In ihrem Essay „Die Argonauten“ erzählt sie von einer Begegnung mit Carson in New York und darüber, wie Carson das für Nelson so hilfreiche Konzept des Schreibens schilderte: Man müsse einen Freiraum lassen, den Gott füllen kann.
Ein weiterer Carson-Fan: die 1973 geborene Lyrikerin und Übersetzerin Anja Utler, Trägerin des Peter-Huchel-Preises 2024. Sie übersetzte 2019 zwei ihrer bekanntesten Romane. „Autobiography of Red“ von 1998 und die 2013 erschienene Fortsetzung „Red Doc“. Beide sind in Versen verfasst.
Anne Carson erhält den Nobelpreis für Literatur 2026
Zwischen Antike und Gegenwart
Es ist die eigenwillige wie überraschende Verschränkung von antiken Mythen und Dauerbrennern unserer Gegenwart, von Liebe, Geschlechterfluidität, Tod, Gewalt und Krieg, die Carsons Werk so widerständig wie profund erscheinen lässt.
Schon in ihrem Debüt „Der bittersüße Eros“ von 1986 dachte Carson über Sapphos Spezifizierung des Eros als „bittersüß“ nach, als Simultaneität von Süße und Bitterkeit. Eine Gleichzeitigkeit, die sicherlich allen Liebenden bekannt vorkommt.
In „Rot“ versetzt Carson den Mythos von Herkules mit Elementen des klassischen Bildungsromans. Sie verlegt den Text in eine nicht genau zeitlich bestimmbare Gegenwart, lässt Herkules Geryons Herz brechen und ihn dessen Unschuld stehlen, stellt die beiden Figuren als junge Männer dar: Geryon als sensiblen Jungen und Herakles als rebellischen Wildfang.
Was als homoerotische Liebesgeschichte beginnt, endet in einer Trennung. Als sich die beiden in Buenos Aires wiedertreffen und in eine Menage à trois schlittern, entfaltet die erotische Verbindung erneut zerstörerische Kraft.
In „Red Doc“ treffen Geryon und Herkules sich gealtert wieder. Hier meditiert Carson durch die Figur Geryon und dessen Proust-Lektüre über Zeit und Erinnerung. Moderner, um nicht zu sagen, postmoderner geht es nicht.
Eine überfällige Gewinnerin
Doch Carsons Werk spannt nicht nur Bögen von der Antike in die Gegenwart, es untersucht in seiner Auseinandersetzung mit Affekten und Sprache stets die Möglichkeiten und Grenzen der Gattungen, sucht nach Verbindungen zwischen den Künsten.
Die Fremdheit im Mit- und Nebeneinander, die unendliche Tiefe des Seins faszinieren Carson. Ihr Werk „Decreation“ (2005) setzt sich zu Film und Musik ins Verhältnis. Es besteht aus Prosa-Abschnitten, einem Drehbuch und einem Oratorium.
Mit „Dekreation“ greift es einen Begriff auf, den die Philosophin Simone Weil geprägt hat. Er bezeichnet ein Rückgängigmachen der Kreatur, die in sich selbst eingeschlossen und durch sich selbst definiert ist.
Die aus diesem Rückgängigmachen entstehende Freiheit ist auch die von Anne Carson. Die Entscheidung des schwedischen Preiskomitees für Anne Carson und ihre über Jahrzehnte gewachsene literarische, nicht zuletzt dezidiert feministische Position, ist so überzeugend, wie sie überfällig war.