Nobelpreis an Anne Carson für „ihr kühnes und einfallsreiches Werk“
Die Schwedische Akademie ehrt Anne Carson „für ihr kühnes und einfallsreiches Werk, das im spielerischen Dialog mit der klassischen Tradition neue Formen für die zeitgenössische Literatur“ geschaffen habe, heißt es in der Begründung des Nobelpreis-Komitees.
Die renommierte Dichterin, Essayistin und Übersetzerin gilt als eine der bedeutendsten und eigenwilligsten Stimmen der zeitgenössischen Weltliteratur.
Anne Carson spricht „durch andere Dichter hindurch“
Die kanadische Autorin Anne Carson begreife sich nicht als gebieterische Stimme der Literatur. Im Gegenteil, sagt Literaturkritiker Gregor Dotzauer im Gespräch mit SWR Kultur. Sie habe gar kein besonderes Interesse an der eigenen Person, sondern spreche „immer durch andere Dichter hindurch“.
Das könne Homer sein, Gertrude Stein oder Marcel Proust. Carson sei eine Autorin, die „zwischen den Sprachschichten hin- und hereilt“, auf einer literarischen Reise durch die Jahrtausende. Die Mythologie habe die studierte Altphilologin „mit der Muttermilch aufgesogen“.
Dichterin, Übersetzerin, Philologin
Anne Carson, geboren 1950 in Toronto, unterrichtete ab 1979 klassische Literatur, vergleichende Literatur und kreatives Schreiben an verschiedenen Universitäten in Nordamerika, darunter McGill, New York und Princeton.
In ihrem 1986 veröffentlichten Essay „Der bittersüße Eros“ legte sie die theoretische Grundlage für ihr dichterisches Schaffen.
Carsons bekanntestes Werk ist der moderne Crossover-Klassiker „Rot. Zwei Romane in Versen“. Zuletzt veröffentlichte sie 2024 den Prosa-Lyrikband „Wrong Norma“. Die Sammlung umfasst 25 poetische Prosastücke, Essays und kleinere Texte.
Bekannt für radikale Experimentierfreude
Die 76-jährige Autorin ist bekannt für ihre radikale Experimentierfreude; in ihren Werken verbindet sie antike griechische Literatur, Mythen und wissenschaftliche Analysen mit modernen Lebenswelten, zeitgenössischer Prosa, Lyrik und persönlichen Essays.
Neben ihrem schriftstellerischen Werk ist Carson auch eine gefeierte Übersetzerin antiker Literatur: So übersetzte sie die Dramen von Aischylos, Sophokles und Euripides und die Gedichte Sapphos.
Prominentester Literaturpreis der Welt
Der Nobelpreis für Literatur wird seit 1901 jährlich von der Schwedischen Akademie in Stockholm vergeben und ist mit einem Preisgeld von zwölf Millionen schwedischen Kronen (etwa eine Million Euro) dotiert. Noch vor dem Booker Prize und dem Pulitzer-Preis für Fiktion gilt er als der bekannteste Preis des internationalen Literaturbetriebs.
Bislang wurden acht deutsche Autorinnen und Autoren mit dem Preis ausgezeichnet: Theodor Mommsen (1902), Rudolf Eucken (1908), Paul Heyse (1910), Gerhart Hauptmann (1911), Thomas Mann (1929), Heinrich Böll (1972), Günter Grass (1999) und Herta Müller (2009).