Viele Lebensgeschichten, die das 20. Jahrhundert mit all seinen Katastrophen und totalitären Schrecken hervorgebracht hat, sind voller Einschnitte und Widersprüche, Leid und Erschütterungen.
Manche dieser Lebensgeschichten erscheinen im Nachhinein fast unwirklich, weil sie sich entlang der großen Bruchlinien abgespielt und mit etlichen bedeutenden Persönlichkeiten gekreuzt haben.
Ein bisschen etwas von dieser Überraschung, nicht nur Zeitzeugin, sondern auch selbst eine faszinierende Protagonistin dieses Zeitalters der Extreme gewesen zu sein, lässt sich in Lenka Reinerovás Memoir „Die Premiere“ ablesen.
Vordergründig beschreibt die große Prager Autorin darin einen Theaterabend im Jahr 1963, aber bevor sie zu diesem Ereignis kommt, schweifen ihre Gedanken immer wieder ab, berühren Erinnerungen …
… die gleich fest verschlossenen Muscheln im Menschen versunken sind und doch lebendig. Denn bei jeder heftigeren Bewegung können sie sich öffnen, diese Muscheln des Nichtvergessens.
Hell schimmernde Perlen
Es sind viele Muscheln, die sich in diesem mäandernd erzählten, assoziativ das eigene Leben erfassenden Buch öffnen. Sie sei keine Schriftstellerin, hat Reinerová einmal der Jüdischen Allgemeinen anvertraut, sondern Erzählerin: So viel habe sie gesehen und erlebt, da müsse sie keine Handlung mehr erfinden.
Erfinden lässt sich diese, ihre Geschichte tatsächlich nicht: Das Gymnasium kann sie nur vier Jahre lang besuchen und leidet zeitlebens darunter, „ungebildet“ zu sein. Sie schlägt sich in jungen Jahren als Bürokraft durch, sucht aber nicht nur den Kontakt zu kommunistischen Gruppen, sondern auch zu Intellektuellen und Kulturmenschen.
Eine Aufführung von Erich Kästners „Pünktchen und Anton“ findet die junge Reinerová „schal“ und „zu bürgerlich“, also schreibt sie Kästner, dass sie das Buch gerne selbst dramatisieren und mit einer Kindergruppe aufführen würde.
Der Coup gelingt, Max Brod und andere Prager Prominenz sind bei der Aufführung dabei, in den Feuilletons wird darüber geschrieben. Mit diesem Abend öffnen sich ihr auch die Türen zur Zeitungswelt. Der Blick zurück aber hat zugleich etwas Schwermütiges.
Von unserer Besetzung, von ‚meinen Kindern‘ sind viele, allzu viele nicht mehr am Leben. Auch unser Fräulein Andacht, meine kleine Schwester – Ravensbrück, Auschwitz! –, zählt zu ihnen.
Die langen Jahre des Exils
Viele ihrer Familienmitglieder werden von den Nazis getötet, viele Freunde. Reinerová gelingt die Flucht. Das Exil führt sie nach Bukarest, nach Frankreich, Marokko und Mexiko.
Dort trifft sie mit alten Bekannten zusammen, etwa mit Jan Šverma, Führer der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, oder mit dem „rasenden Reporter“ Egon Erwin Kisch.
1948 kehrt sie nach Prag zurück – und gerät gleich mitten hinein in die stalinistischen Säuberungsprozesse. 15 Monate lang ist sie inhaftiert, rehabilitiert wird sie erst Jahre später. Nach dem Prager Frühling bekommt sie Publikationsverbot. Aber das greift schon voraus.
Porträt vergessener Literaten und Künstler
Ihr Erinnerungsbuch „Die Premiere“ nämlich läuft, auf schönen erzählerischen Umwegen und mit anekdotischen Unterbrechungen, auf das Jahr 1963 zu. Jean-Paul Sartre ist damals in aller Munde, sein Stück „Die Eingeschlossenen von Altona“ wird in seiner Anwesenheit in Prag aufgeführt.
Nicht aber an das Stück erinnert sie sich, sondern an das, was an diesem Abend noch geschieht und im Zuschauerraum schnell die Runde macht:
Kennedy erschossen, der Präsident der USA. Warum? Von wem? Was wird jetzt geschehen, was kann daraus werden?
„Die Premiere“, 1989 erstmals erschienen, jetzt wiederaufgelegt mit einem Nachwort von Reinerovás Tochter Anna Fedorová bietet wunderbar skizzierte Porträts heute teils vergessener Literaten und Künstler.
Aber es ist vor allem das Zeugnis eines bewussten und widerständigen Lebens in einer Epoche historischer Umbrüche: „Was haben wir bloß für eine Zeit mitbekommen!“, schreibt Reinerová einmal. Und fügt hinzu: „Trotz allem war es unsere Zeit“.
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