Buchkritik

Blick in menschliche Abgründe: „Prager Verbrechen“ von Egon Erwin Kisch

Zum Mythos des „rasenden Reporters“ gehört, dass es Egon Erwin Kisch mit der Wahrheit nicht allzu genau nimmt. Seine Kriminalreportagen sind aber beeindruckende Zeitzeugnisse.

Teilen

Stand

Von Autor/in Tino Dallmann

Die Reportagen von Egon Erwin Kisch als Vorbild für heutige True-Crime-Podcasts zu lesen, ist aus mehreren Gründen ein gewagtes Unterfangen: Erstens hat es Kisch in seinen Texten mit der Wahrheit nicht allzu genau genommen – darauf weist auch Sabine Rückert im Vorwort ihres Bands hin.

Egon Erwin Kisch
Egon Erwin Kisch (c) CTK Photo

Für den „rasenden Reporter“ zählte die literarische Wahrheit: eine packende Geschichte, meist mit einer gut sitzenden Pointe. Und zweitens machen Kischs Kriminalreportagen nur einen Teil seiner Arbeit aus.

Packende Reportagen über das Justizsystem der Donaumonachie

Herausgeberin Sabine Rückert muss im Band „Prager Verbrechen“ die Kategorie Verbrechen also großzügig auslegen. Genau dadurch entfaltet der aber einen besonderen Reiz.

Denn Kisch interessiert sich nicht nur für das Verbrechen an sich, er setzt sich auch mit dem Strafsystem der k.u.k.-Monarchie auseinander. 

Sabine Rückert ist Journalistin, Gerichtsreporterin und war stellvertretende Chefredakteurin der Wochenzeitung „Die ZEIT". Sie ist Host des erfolgreichen True-Crime-Podcasts „ZEIT Verbrechen".
Sabine Rückert ist Journalistin, Gerichtsreporterin und war stellvertretende Chefredakteurin der Wochenzeitung „Die ZEIT". Sie ist Host des erfolgreichen True-Crime-Podcasts „ZEIT Verbrechen". IMAGO / Panama Pictures

Und so befasst er sich mit den Haftbedingungen, der Biografie eines Henkers – und er besucht, ohne offizielle Erlaubnis, einen Friedhof für Sträflinge: 

Keine Inschrift ist auf den Gräbern, nicht einmal der Name des Beerdigten. Warum? Ist es Zartgefühl, dass man dem Namen des im Kerker Verstorbenen keine Schande mehr bereiten will?

„Ist es die Befürchtung, dass sich die Neugierde, Hass oder Blutrache noch gegen das Grab des Verbrechers kehren könnte? Oder aber soll jener, der als Nummer lebte und als Nummer starb, auch als Nummer beerdigt sein? Denn nur Ziffern, mit einer Schablone aufgezeichnet, sind auf den Kreuzen.“

Die menschlichen Abgründe, die Kisch beschreibt, sind zeitlos. Auch deshalb reichen die Kriminalfälle, von denen der Reporter berichtet, bis ins 17. Jahrhundert zurück. Und zu Höchstform läuft er dann auf, wenn Gewalt oder Machtmissbrauch nicht nur von einer Person begangen werden, sondern System haben.  

Die Affäre Redl: Egon Erwin Kischs großer Coup 

Das zeigt sich im wohl bekanntesten Fall, mit dem sich der Kriminalreporter Egon Erwin Kisch befasst hat: die Affäre um den Offizier Alfred Redl, der kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs Geheimnisse an andere Staaten weitergegeben hat. 

Kisch macht in seinem Porträt des Offiziers auch deutlich, wie der damalige Geheimdienstapparat von Intrigen durchsetzt war. Darüber hinaus beweist er sich als akribischer Rechercheur:

„Beweise für die verräterische Tätigkeit Redls fanden sich genug vor: Empfangsbestätigungen für Geldsendungen aus Russland, Quittungen über gewechselte Rubel und vor allem fotografische Platten.“


Er hatte in seiner Wohnung bei geschlossenen Fensterläden Dienstbücher reservanten Charakters, Mobilisierungsinstruktionen und ähnliche Elaborate abfotografiert […].

Gekonnter Perspektivwechsel – und ein Vorläufer von True-Crime Podcasts

Auch wenn sich die journalistischen Standards inzwischen geändert haben, bleiben Egon Erwin Kischs Reportagen beeindruckende Zeitzeugnisse. Das gilt besonders für einen späten Text, in dem Kisch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein Museum besucht. 

Das haben die Nationalsozialisten in Prag errichtet, um Juden – nachdem sie sie ermordet und ihren Besitz gestohlen haben – weiter zu diffamieren. Kisch, selbst jüdischer Herkunft, beschäftigen bei seinem Besuch Erinnerungen an die eigene Kindheit und an Freunde. Er ist aber auch sichtlich um Distanz bemüht:

„Den kriminellen Ursprung des Museums verrät vor allem die Tatsache, dass die Objekte in vielen, voneinander wenig unterschiedenen Exemplaren vorhanden sind. Eine solche Pluralität käme nicht vor, wäre die Sammlung nach und nach angelegt und nach Bedarf durch Kauf oder Tausch ergänzt worden und nicht durch Massenraub.“

Gerade dieser gekonnte Wechsel zwischen persönlicher Erzählung und dem Verweis auf Fakten lässt Kisch dann doch als Vorgänger heutiger Podcaster erscheinen, die ebenfalls dem Verbrechen auf der Spur sind. 

Sabine Rückert gelingt es so, den Reporter Egon Erwin Kisch in einem neuen Licht erscheinen zu lassen. Ihr gewagtes Unterfangen ist für uns Leser ein Gewinn. 

Wenn Kommissar Palzki in der Pfalz ermittelt Krimiautor Harald Schneider erklärt, was für einen guten Krimi wichtig ist

Kein "True Crime", aber echte Krimis! Autor Harald Schneider lässt seinen Kommissar Palzki seit Jahren fiktive Verbrechen in der Pfalz aufklären. Wie entstehen seine Krimis?

SWR1 Rheinland-Pfalz SWR1 Rheinland-Pfalz

Erfolgreicher Krimi-Podcast "Kein Mucks!" Bastian Pastewka – Die Magie von Radiokrimis und Podcasts

Für den Podcast "Kein Mucks!" stöbert Bastian Pastewka in den Rundfunkarchiven und kramt Kriminalhörspiele aus - und das mit sehr großem Erfolg.

SWR1 Rheinland-Pfalz SWR1 Rheinland-Pfalz

Literaturhaus Stuttgart

lesenswert Gespräch Jagd auf „Das schwarze Manuskript“ – der Roman von Heinrich Steinfest

Seit 1983 bewahrt Ashok Oswald „Das schwarze Manuskript“ eines alten Bekannten auf. Dann haben es Einbrecher darauf abgesehen. Autor Heinrich Steinfest im Gespräch auf SWR Kultur.

Vor Ort SWR Kultur

Prag

Von der Karlsbrücke an den Altstädter Ring Geprägt von Prag: Die geheimnisvolle Literaturstadt und ihre Söhne

Rilke, Kafka oder Kundera: Prag ist eine Stadt, die viele berühmte Schriftsteller hervorgebracht und beeinflusst hat. Das ist kein Zufall.

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Tino Dallmann