Wie ein kleiner Verlag eigene Bilderwelten schafft
Eine Frau im gestreiften Badeanzug steht auf einem Sprungbrett, hoch über einem Becken, das winzig wirkt. Unter ihr krümmt sich sogar die Erdkugel. Vögel ziehen vorbei. Sie macht einen Schritt nach vorne und springt.
Die Szene stammt aus einem neuen Projekt der Illustratorin Kerstin Marie Backes. Ihr Buch erscheint im Mannheimer Kunstanstifter Verlag, der sich seit zwei Jahrzehnten auf ungewöhnliche Bilderbücher spezialisiert hat – Werke zwischen Kunstobjekt, Experiment und Erzählung.
„Die Figur steht für mich“, sagt Backes. „Sie zeigt den Sprung, den ich mich vielleicht nicht trauen würde, der aber Verwandlung möglich macht.“ Worte braucht ihre Geschichte kaum. Die Bilder erzählen alles.
Bilderbücher ohne feste Regeln
Backes’ neues Buch kommt ganz ohne Text aus. Farben übernehmen die Dramaturgie: eine pink leuchtende Erde, eine orange-blau gepunktete Badekappe, Figuren zwischen Traum und Realität.
Auch formal bricht das Projekt Erwartungen. Zwei Bücher sollen miteinander verbunden werden und sich beim Aufklappen immer neu zusammensetzen. „Es hat fast einen Kino-Effekt“, erklärt die Illustratorin. „Wie eine kleine Leinwand, auf der sich die Geschichte entfaltet.“
Genau solche Grenzgänge sucht der Kunstanstifter Verlag bewusst. Gegründet von Suse und Niklas Thierfelder, versteht sich das Haus als Plattform für Illustration jenseits klassischer Kategorien.
Ein Verlag für das Besondere
„Zu uns kommen Dinge, die überraschen oder berühren“, sagt Verlegerin Suse Thierfelder. „Oft sind es Projekte, von denen wir denken: Das würde sonst kein Verlag machen.“
Seit rund 20 Jahren veröffentlichen die Thierfelders künstlerische Bilderbücher für Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Illustration wird hier nicht als Begleitmaterial verstanden, sondern als eigenständige Kunstform.
Ein Beispiel ist der Band „Schlich ein Puma in den Tag“ von Verena Pavoni. Seite für Seite erscheint das Tier aus einer schwarzen Fläche – freigelegt in aufwendiger Sgraffito-Technik. Mit einer Nadel wird Farbe Schicht für Schicht sichtbar gemacht, ein langsamer Prozess des Erscheinens und Verschwindens.
Gerade in Zeiten digitaler Bilderflut wirkt dieses analoge Arbeiten fast widerständig.
Bücher zum Fühlen
Nicht nur die Geschichten zwischen zwei Deckeln sind besonders. Auch das Material ist es. Der Kunstanstifter Verlag setzt auf sorgfältig ausgewählte, nachhaltige Naturmaterialien und produziert ausschließlich in Deutschland.
„Auf Messen beobachten wir oft, dass Menschen zuerst riechen und fühlen“, erzählt Suse Thierfelder. „Sie sind überrascht, dass Bücher sich so anfühlen können.“ Die Materialien würden zum Magneten, sagt sie – zu einem sinnlichen Zugang zur Kunst.
Das Buch wird hier bewusst als physisches Objekt gedacht, nicht nur als Informationsträger.
Anstiftung zur Kunst
Angefangen hat alles mit einem Garagenversand. Heute beschäftigt der Verlag drei Mitarbeiterinnen. Mit ihren Bilderbüchern füllen Suse und Niklas Thierfelder eine Nische: bewusst unabhängig, bewusst eigensinnig.
Der Name des Verlags ist Programm, sagt Mitgründer Niklas Thierfelder: „Kunstanstifter heißt für uns, Menschen dazu anzustiften, Kunst zu erleben. Bücher sollen nicht nur gelesen, sondern gesehen und entdeckt werden.“
Große Worte brauchen diese Bücher nicht. Mal träumerisch, mal unheimlich, mal ein wildes Fest, aber immer eine Einladung, genauer hinzusehen.
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