Zuhause, am Bildschirm, im abgedunkelten Zimmer und mit kühlem Kopf, sieht die Klagenfurter Bachmann-Welt immer etwas weniger aufregend aus als vor Ort.
Und so muss man aus der Ferne feststellen: Angesichts der zum Teil prominenten Namen der Autorinnen und Autoren, die zu den 50. Tagen der deutschsprachigen Literatur in das Rennen um die insgesamt fünf Preise gegangen sind, war das Niveau letztendlich dann doch eher mittelmäßig.
Ein holpriger Auftakt und eine großzügige Jury
Das war schon am ersten Tag zu beobachten: Fiona Sironic, die im vergangenen Jahr mit ihrem Debütroman überraschend auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand, eröffnete den Wettbewerb. Und das mit einem sprachlich verquasten Text, in dem Sätze standen wie „Ich bestreiche Brote mit einer hefebasierten Paste.“
Später am Tag machte dann Slata Roschal ihre in einem Interview getätigte Ankündigung wahr und verließ noch vor der Jurydiskussion das Studio. Das war dann noch einmal Thema, Roschals kalkuliert auf Klassismuskritik gebürsteter Wettbewerbsbeitrag allerdings zurecht nicht mehr.
Auffällig war, dass die Jury für fast jeden noch so abstrusen Text lobende Worte fand. Jovana Reisinger las die Geschichte einer Heimkehrerin, die aufgrund des massenhaften Sterbens in ihrer Familie plötzlich zur reichen Erbin wird.
„Die Rosen blühen, die Sonne scheint, die Erde dreht sich, nur Maria ist unglücklich“ lautete der Titel von Reisingers Beitrag, gegen dessen Zeitschriften-Kolumnenniveau niemand ernsthaft Einspruch erhob.
Irrtum ist nicht ausgeschlossen: Was eine Jury leisten muss
Lena Schätte ist Höhepunkt und Siegerin des Wettbewerbs
Doch selbstverständlich gab es sie auch in diesem Jahr, die guten Texte. Der Höhepunkt des Wettbewerbs war Lena Schättes Erzählung „Was wir tragen“, eine ungeschützte Geschichte über zwei Mädchen, deren Freundschaft auf ihrer Mehrgewichtigkeit basiert.
Das Verhältnis der Ich-Erzählerin zu ihrer Mutter, Hass, Selbsthass; der fremde und der eigene Blick auf Körper – von alldem erzählt Schätte kraftvoll und vielschichtig.
Lena Schätte wurde nicht nur mit dem mit 30 000 Euro dotierten Bachmannpreis 2026 ausgezeichnet; auch das Publikum wählte die 1993 in Lüdenscheid geborene Autorin zur Gewinnerin des BKS Bank Publikumspreises.
Krankheit mal anders erzählt
Im Tonfall ganz anders als Lena Schätte, nämlich diagnostisch, wissenschaftlich, schaut die Österreicherin Magdalena Schrefel in „Kirschen, Herz mit Verband“ auf die Brustkrebserkrankung ihrer Mutter – und auf ihre eigene.
In ihrem literarischen Essay sucht Schrefel nach Worten, tastet sich in kurzen Sätzen in das hinein, was sie selbst nur das „K-Wort“ nennt. Die Jury zeichnete Magdalena Schrefel mit dem 3sat-Preis aus.
Wut geeint mit Poesie
Die Kontrapunkte zu Magdalena Schrefels Versuch des kalten Blicks auf sich selbst lieferten die in Ungarn geborene Lyrikerin und Musikern Kinga Tóth und der in Berlin lebende Autor Ozan Zakariya Keskinkılıç.
„OstblockMädl“, Tóths historisch und popkulturell aufgeladenes und exzellent vorgetragenes Gesamtkunstwerk, ist der kollektive Gesang einer Generation von Frauen: Grenzgängerinnen zwischen Österreich und Ungarn mit Transitzonen-Erlebnissen zwischen politischen Systemen.
Keine Anklage, aber eine mit Wut aufgeladene poetische Suada. Kinga Toth wurde mit dem mit 15 000 Euro dotierten KELAG-Preis bedacht.
Eine erzählerische Pracht
In Ozan Zakariya Keskinkılıçs Erzählung „Vater ohne Sohn“ wiederum überlagern sich permanent religiöse, literarische und erotische Motive.
Der Ich-Erzähler ist ein Mann von 46 Jahren, der ein Verhältnis mit einem mehr als zwanzig Jahre jüngeren Mann anfängt – und darüber seinen Sohn vernachlässigt. Eine formal stark gearbeitete, melodiöse Prosa.
Der scheidende Juryvorsitzende Klaus Kastberger erkannte darin „erzählerische Pracht“; sein Jurykollege Phillip Tingler „Neuköllner Biedermeier“; beide haben ein bisschen recht. Die Begeisterung behielt die Oberhand in der Jury; Ozan Zakariya Keskinkılıçs nahm den Deutschlandfunk-Preis entgegen.
Insgesamt gilt: Die richtigen Autorinnen und Autorinnen wurden beim 50. Bachmannwettbewerb ausgezeichnet. Zur Wahrheit gehört aber auch: In einem Feld von 14 Teilnehmern gab es dazu auch keine Alternativen.
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