Das Hörbuch „Die Assistentin“ als Präzedenzfall
Gleich im ersten Satz von Caroline Wahls „Die Assistentin“ ist von einer riesengroßen Fehlentscheidung die Rede. Das Hörbuch von der Autorin lesen zu lassen, war tatsächlich eine. Das macht spätestens die Neuinterpretation des Textes von Schauspielerin Chantal Busse deutlich. Diese ist ein himmelweiter Unterschied zu der Lesung von Autorin Caroline Wahl.
Hier kann man sich beim Zuhören auf den Text konzentrieren, man hört, dass das ein starker erster Satz ist, der neugierig macht auf den Rest. Chantal Busse hat eine Haltung als Erzählerin und auch in der folgenden Lesung des Romans versteht sie es, den Figuren stimmlich einen Charakter zu verleihen, neben dem ganz selbstverständlichen Handwerk wie Betonung und Pausen.
Persönliche Lesungen als Herausforderung
So soll das sein und: All das fehlt bei Caroline Wahl. Sie ist nun mal keine Schauspielerin und das hört man. Dass sie für ihre Lesung teils unfaire und verletzende Kritik einstecken musste, war allerdings auch nicht richtig.
Schreiben als Schutzraum Bestseller-Autorin Caroline Wahl: Kämpferisch gegen Gegenwind
Erfolg macht unabhängig, aber erzeugt auch Druck. Das bekommt Caroline Wahl zu spüren. Aber sie will für ihren Erfolg kämpfen und für das Schreiben, das für sie ein Schutzraum ist.
Die eigene Stimme, die Art zu sprechen ist etwas enorm Persönliches – noch dazu, wenn sie den eigenen Text liest. Hörbuchlesungen von Autorinnen und Autoren sind also eine heikle Angelegenheit – und daran scheiden sich durchaus die Geister.
Eigenarten mit Kultstatus: Wenn Lesungen polarisieren
Die Autorin Judith Hermann liest ihre Roman auf eine ganze eigene Art: Es klingt, als halte sie Sätze in der Schwebe. Das passt sehr gut zu ihren Texten, bei denen man nie sicher sein kann, ob die Dinge so sind, wie sie scheinen. Großartige Lesungen, aber es soll Menschen geben, die das nicht mögen – Geschmackssache.
Der Schriftsteller und Musiker Sven Regener wiederum hat seine Fangemeinde um Hörbuchhörer erweitern können. Seine Lesungen sind unverkennbar. Seine Romane um Frank Lehmann und Co haben einen so eigenen Sound , dass man sich gar nicht vorstellen mag, wie sie jemand anderes lesen würde.
Und damit nicht genug: Sven Regener hat es geschafft, seinen Interpretationsstil erfolgreich bei einem anderen Autor anzuwenden: Franz Kafka. Und er hat dadurch gezeigt, dass Kafka durchaus auch seine komischen Seiten hat.
Manche Menschen haben offenbar überdurchschnittlich viel Talent abbekommen, können schreiben und lesen. Marc-Uwe Kling gehört zu ihnen oder Jan Weiler. Diese Autoren richten keinen Schaden an, wenn sie ihre eigenen Texte lesen - im Gegenteil. Texte zu interpretieren macht diesen Autoren Spaß und das hört man auch – warum also sollten sie es nicht tun? Außerdem: Es sind ja ihre Texte.
Persönliche Note, mehr Authentizität
Umso mehr gilt das natürlich für so persönlichen Romane wie beispielsweise „Herkunft“ von Saša Stanišić. Wenn er liest, klingt es fast, als würde er seinem Gegenüber etwas erzählen und daher will man seine Stimme auf dem Hörbuchmarkt nicht mehr missen – auch nicht bei seinen anderen Romanen und Erzählungen, die nicht autobiographisch sind.
Es ist also wichtig, dass Autorinnen und Autoren bei den Interpretationen ihrer Texte eine eigene Note mitbringen, die die Authentizität einlöst, die man sich davon erwartet. Ein gutes Beispiel ist auch Eva Menasse, deren Lesung von „Dunkelblum“ durch ihren besonderen Tonfall atmosphärisch viel gewinnt.
Ebenso Monika Helfer, eine weitere österreichische Autorin, die mit ihren Lesungen zu beeindrucken weiß, zum Beispiel bei „Die Bagage“. Auch hier gilt: Die eigene Familiengeschichte gelesen von der Autorin gewinnt an Glaubwürdigkeit.
Schreibende Schauspieler mit Wettbewerbsvorteil
Sozusagen außer Konkurrenz laufen schreibende Schauspielerinnen und Schauspieler, die ihre eigenen Werke lesen. Sie können sogar eventuelle Schwächen der Texte kaschieren. Schauspieler wie Matthias Brandt, Edgar Selge oder Johann von Bülow haben das allerdings gar nicht nötig.
Eine gute Interpretation adelt jeden Text. Umgekehrt ist das nicht der Fall: Eine schlechte Lesung ruiniert den besten Roman. Natürlich kann es vorkommen, dass eine Autorin oder ein Autor unbedingt selbst lesen will – verbieten kann man das nicht. Da braucht es schwierige, aber ehrliche Gespräche.
Die richtige Entscheidung für den Text
Letzten Endes sollte ausschlaggebend sein, womit dem Text, der Geschichte und ihren Figuren, am meisten gedient ist. Daher war die Entscheidung des Argon Verlags, „Die Assistentin“ von Chantal Busse noch einmal neu einsprechen zu lassen, die einzig richtige. Das weiß auch Caroline Wahl.