Träume sind diffuse Zerrbilder unseres Erlebens. Und sie sind flüchtig. Traumdeutungen, die in den persönlichen Erzählungen überindividuelle Muster erkennen wollen, sind hingegen überraschend langlebig. Daraus hat sich eine ganze Wissenschaft entwickelt, die Psychoanalyse.
Unter dem Namen ihres Urhebers, Sigmund Freud, wird so einiges an Klischees vermengt. Mal münden sie in radikaler Abwertung, mal in beschönigender Idealisierung.
Der Philosoph Andreas Mayer hält dem eine differenziertere Perspektive auf Traumdiskurse entgegen: Und begibt sich abseits bekannter Narrative auf Spurensuche: „Freud gegen den Strich.
„Eine andere Geschichte der Psychoanalyse“ heißt sein neues Buch, das in sechs Essays ein neues Licht auf die Freuds Hauptwerk wirft. Wie also klingt eine solche ‚andere Geschichte‘?
Die Traumdeutung neu deuten
Mayer beginnt damit, sich von früheren, biographischen Lesarten der Traumdeutung zu verabschieden. Ihnen attestiert der Wissenschaftshistoriker eine fragwürdige Zentrierung auf ihren Urheber, und fordert stattdessen:
Eine historische Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse. Sie verabschiedet sich von der ‚biographischen Illusion‘.
Jede Biographie macht ihren Protagonisten zum Helden: und stellt ihn dabei auf einen Thron. Hinter jene ‚biographische Illusion‘ zurückzutreten, bedeutet: Ihren vermeintlichen Helden auch mit seinen Schattenseiten zu porträtieren.
Mayers Buch ist ein solcher Versuch. Als Mitbegründer der sogenannten New Freud Studies will Mayer damit sein eigenes Fach für das interdisziplinäre Gespräch öffnen.
Für die Bedeutung der Psychoanalyse heute bedeutet das: Wer Träume deutet, tut das mit Freud, nach Freud und womöglich auch an Freud vorbei; in jedem Fall muss sich der Rezipient aber zu der Kulturtheorie der Psychoanalyse verhalten – um durch geschichtliches Bewusstsein kritikfähig zu bleiben.
Schlaglichtartig beleuchtet Mayer zu diesem Zweck sechs entstehungsgeschichtliche Zusammenhänge der Traumdeutung. Dabei ist er weniger Philosoph als Archäologe, der akribisch und mit historischem Scharfsinn verdeckte Spuren freilegt.
Antike und moderne Methoden der Traumdeutung
Anhand von Fallstudien bringt er antike und moderne Methoden der Traumdeutung miteinander ins Gespräch. Darunter ein Kapitel über die Anfänge der freien Assoziation als Praxis des Spazierengehens oder antike Traumbücher als Wissensmedien.
Besonders anschaulich ist dabei ein Exkurs über Francis Galtons Experimente der sogenannten ‚psychometrischen Mischfotografie‘: Dabei sollen mentale Zustände anhand von verzerrten Gesichtscollagen abgebildet werden.
Alle Aufsätze eint die Fragestellung: Welche fruchtbaren, aber auch problematischen Folgen hatten die jeweiligen Deutungspraktiken?
So thematisiert Mayer unter anderem Freuds durchaus fragwürdige Praxis der Selbstzensur. Der hat nämlich bei der Wiedergabe seiner Träume intime sexuelle Details einfach ausgelassen – um seine eigene wissenschaftliche Autorität nicht zu untergraben. Bestimmte Informationen werden den Lesern vorenthalten. Mayer schließt daraus:
Insofern musste nicht nur die Theorie, sondern auch die Deutung zentraler Traumbeispiele unvollständig bleiben. Diese Unvollständigkeit sollte bald zum Problem werden.
Blinde Flecken der Interpretation
In dieser Diagnose klingt eine allgemeine Mahnung mit: Jede Theorie muss die Grauzonen ihrer eigenen Methodik reflektieren. Darin liegt die Stärke des Buches: Die Essays zeigen, dass jede Interpretation blinde Flecken hat. Und sie fungieren als Anstöße zur Selbstbefragung.
Das macht das Buch lesenswert über den akademischen Kreis hinaus: Auch interessierte Laien können hier lernen, wie Lesen als kritische Praxis funktioniert. Auf die Frage, ‚Wie Freud heute noch lesen?‘, lautet Mayers Antwort:
Durch eine Schulung im historisch-kritischen Lesen. Ein Klassiker wie die Traumdeutung wird dadurch aktuell, dass man ihn im Zusammenhang seiner Entstehung betrachtet. Erst dann wird sichtbar, was er uns noch zu sagen hat.
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