Ausstellung im Marchivum

Mannheimer Kolonialgeschichte – Wie die Stadt von Ausbeutung profitierte

Eine neue Ausstellung im Mannheimer Stadtarchiv beleuchtet, wie tief Industrie, Unternehmen und auch die Bürgerinnen und Bürger der Stadt in den Kolonialismus verstrickt waren. Von „Palmin“ bis Raubkunst und zweifelhaften Karrieren – ein Kapitel, das bis heute nachwirkt.

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Stand

Von Autor/in Marie-Dominique Wetzel

Beliebte Kolonialgüter in Mannheimer Geschäften

Das Kokosfett „Palmin“ liegt auch heute noch in den Kühlregalen der Supermärkte. Der Mannheimer Unternehmer Heinrich Schlinck brachte es 1887 erst unter dem Namen „Mannheimer Cocosnußfett“, wenig später dann als „Palmin“ auf den Markt. Das Kokosfett wurde als billige Alternative zu Butter gepriesen – und kaum einer machte sich Gedanken darüber, warum dieses Palmfett so preiswert angeboten werden konnte.

„Da werden Monokulturen und Handelsketten eingerichtet, die nicht unbedingt fair sind. Wir haben Arbeitsverhältnisse, die in die Nähe von Zwangsarbeit kommen“, sagt Harald Stockert, Direktor des Mannheimer Stadtarchivs Marchivum.

Mannheimer Unternehmen profitierten vom Kolonialismus

„Palmin“ ist ein Beispiel dafür, wie Mannheim als Industrie- und Handelsstadt von der Ausbeutung der damaligen Kolonien in Afrika profitierte. Auch am Raubbau der Urwälder waren Mannheimer Unternehmen beteiligt, zum Beispiel Luschka & Wagenmann, die einen schwunghaften Handel mit Tropenhölzern aufbauten.

Verstrickt. Kolonialismus und Mannheim im Marchivum
Palmin - Palmona, Werbeplakat für Pflanzen-Magarine, 1911. Pressestelle MARCHIVUM

Doch nicht nur einzelne Firmen profitierten von der Ausbeutung der Menschen und der Natur in den damaligen deutschen Kolonien, sondern die gesamte Mannheimer Bevölkerung. „1913 zählen wir 400 Kolonialwarenläden in Mannheim“, sagt Stockert. „Das waren damals natürlich noch nicht die großen Ketten, aber die Leute profitieren. Die Produkte werden billiger und auf einmal hat man Ananas.“

Verstrickt. Kolonialismus und Mannheim im Marchivum
Serienbilder Album: Palmin, H. Schlink und Cie Mannheim, 1890-1910 Pressestelle MARCHIVUM

Viele Mannheimer machten zweifelhafte Karriere im Kolonialsystem

Doch nicht nur auf wirtschaftlicher Ebene war Mannheim in den Kolonialismus verstrickt. Die Ausstellung zeigt in verschiedenen Kapiteln mit vielen Texttafeln, historischen Fotos und interaktiven Karten die vielfältigen Aspekte des Themas.

Ein erstaunlicher Forschungsbefund: Viele Söhne der Stadt machten Karriere in der Kolonialherrschaft, trugen also direkte Verantwortung und haben sich mitschuldig gemacht.

Tansania erinnert bis heute an die Brutalität der Kolonialherren

Zum Beispiel Theodor Seitz, der Gouverneur von Kamerun und später von Deutsch-Südwestafrika war. Er stammte aus Seckenheim, studierte in Heidelberg und machte Karriere im Kolonialdienst, erklärt Marchivum-Direktor Harald Stockert.

Wer weniger bekannt sei: Theodor Gunzert, ebenfalls aus Seckenheim, zehn Jahre jünger als Seitz. Er sei Bezirksrichter in Deutsch-Ostafrika gewesen und war für Verwaltung und Rechtsprechung zuständig, so Stockert: „An den gibt es heute noch Erinnerungen in Tansania angesichts seiner Brutalität.“

Theodor Bumiller prahlte mit seinen Gräueltaten

In ihrer deutschen Heimat wurden diese sogenannten „Kolonialherren“ für ihre Taten gefeiert und geehrt. Erst seit kurzem gibt es auch in Mannheim Diskussionen um die Umbenennung von Straßen und Plätzen, die nach ihnen benannt wurden.

Oft wurden diese Männer als „Abenteurer“ bezeichnet. So wie der Mannheimer Theodor Bumiller, der an sogenannten „Militärexpeditionen“ in Deutsch-Ostafrika beteiligt war. In seinen Tagebüchern prahlt er offen mit Gräueltaten an der einheimischen Bevölkerung.

Museen nahmen die „Schenkungen“ dankbar an

Doch gerne nahm man seine Schenkungen an – in den meisten Fällen dürfte es sich um Raubkunst handeln. Erst seit wenigen Jahren bemühen sich die Reiss-Engelhorn-Museen um Provenienzforschung und Rückgabe.

Verstrickt. Kolonialismus und Mannheim im Marchivum
Geheimer Kommerzienrat Carl Reiß: zusammen mit Anna Reiß auf Reisen, Nachlaß Carl Reiß Fotografie, 1880-1900. Pressestelle MARCHIVUM

Auch der Mannheimer Unternehmer und Politiker Carl Reiß, einer der Namensgeber der heutigen Reiss-Engelhorn-Museen, war damals in das koloniale Unrechtssystem verstrickt und langjähriger Vorsitzender der Mannheimer Ortsgruppe des Deutschen Kolonialvereins, der die Gewalt und Ausbeutung mitfinanzierte und politisch zu legitimieren versuchte.

Kolonialismus existiert bis heute

Dass jetzt endlich dieses Kapitel Stadtgeschichte erzählt wird, ist auch den vielen Aktivistinnen und Aktivisten in der Stadt wie der „Black Academy“ zu verdanken. Auch ihre Stimmen, ihre Perspektiven sind in der Ausstellung zu hören und machen deutlich, welches Leid und welche Ungerechtigkeiten Kolonialismus und Rassismus bis heute bewirken.

„Der Kolonialismus existiert weiter. Wir sehen ja nach wie vor die Ungleichheit des globalen Nordens zum globalen Süden“, sagt der Mannheimer Kulturbürgermeister Thorsten Riehle. „Wir tragen Verantwortung als Stadt, weil Menschen zu uns gekommen sind auch aus den Ländern, die unter Ausbeutung gelitten haben.“

Diese wichtige Ausstellung kann erst der Anfang der Aufarbeitung dieses Kapitels Stadtgeschichte sein – unbedingt sehenswert!

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Marie-Dominique Wetzel