Kritiker lobt „Wunder von Mainz“
Als das „Wunder von Mainz“ bezeichnet Jürgen Otten, Chefredakteur der „Opernwelt“, was Intendant Markus Müller und sein Team in der Saison 2025/26 auf die Bühne gezaubert hätten. So zitiert es das Mainzer Staatstheater in einer hauseigenen Mitteilung. Die Spielzeit habe höchste Qualität besessen und eine politische Wachsamkeit gehabt, wie man sie nicht in jedem Musentempel antreffe.
Die Freude beim Staatstheater Mainz ist riesig, denn mit der Auszeichnung als „Opernhaus des Jahres“ steigt das Staatstheater Mainz in eine neue Liga auf. In der Opernsparte ist es nun auf Augenhöhe mit renommierten Bühnen wie Zürich, Stuttgart und Frankfurt. Die Oper Frankfurt erhielt die begehrte Auszeichnung sogar bereits acht Mal, zuletzt 2024.
Für das Staatstheater Mainz eine Sensation
„Wir können es kaum begreifen“, sagt Markus Müller. „Denn im Vergleich mit den bisherigen Häusern, die in den letzten Jahrzehnten von der Opernwelt gekürt wurden, sind wir von sehr überschaubarer Größe und verfügen über signifikant weniger Mittel...!“
Der Intendant lobt das leidenschaftliche und kompetente Team nicht nur in der Mainzer Opernsparte sondern im gesamten Haus. Sein Dank gelte auch Opernchefdramaturgin Sonja Westerbeck, dem Leiter des Opernbetriebs und Castingdirektor Michael Nelle sowie Generalmusikdirektor Gabriel Venzago.
Fokus auf jüdischen Komponisten
Im Opernprogramm der vergangenen Saison fanden sich gleich drei Stücke von jüdischen Komponistinnen und Komponisten des 20. Jahrhunderts: Der moderne Klassiker „Die tote Stadt“ aus dem Jahr 1920 von Erich Wolfgang Korngold, der die NS-Zeit in den USA überlebte. „Der Kaiser von Atlantis“, das Viktor Ullmann im Ghetto von Theresienstadt schrieb, bevor er in Auschwitz ermordet wurde.
Hinzu kam die Uraufführung der surrealen Oper „Der Chronoplan“ (1930-32), geschrieben von Julia Kerr, der Mutter der Jugendbuchautorin Judith Kerr („Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“). Während die Familie Kerr vor den Nazis durch Europa flüchtete, gingen Teile der Komposition verloren. Das Staatstheater Mainz ließ sie aufwändig rekonstruieren und brachte sie erfolgreich auf die Bühne.
Mutter von Judith Kerr Julia Kerr: Die vergessene Opernkomponistin, die jeder kennt
Auf der Flucht vor den Nazis verlor sie fast alles, doch ihre Oper konnte sie retten. Gut 100 Jahre später wurde „Der Chronoplan“ uraufgeführt. Wer war die Mutter von Judith Kerr?
Besonderes Lob gab es auch für die „eindrücklichen Regiehandschriften“ in Mainz. Hervorgehoben wurde Verena Stoibers Inszenierung des „Falstaff“ von Giuseppe Verdi. Auch Krystian Ladas Umsetzung von „Breaking the Waves“ stieß auf breite Zustimmung. Die Oper von Lissy Mazzoli basiert auf dem gleichnamigen Film des dänischen Regisseurs Lars von Trier.
Schon seit längerem erfolgreich
Unter der Führung von Markus Müller schwimmt das Staatstheater Mainz schon seit Jahren auf einer Erfolgswelle. Die Corona-Zeit hat das Drei-Sparten-Haus ohne größere Probleme überstanden. In diesem Frühjahr meldete es einen neuen Höchstrekord bei der Zahl der verkauften Abonnements. Mittlerweile zählt das Staatstheater 6.500 Abonnentinnen und Abonnenten.
Neben Oper, Konzerten und Schauspiel lockt auch die Tanzsparte viele Besucherinnen und Besucher nach Mainz. Das 21-köpfige Ensemble Tanzmainz bringt ausschließlich zeitgenössische Werke auf die Bühne. Es arbeitet mit Gastchoreografinnen und -choreografen zusammen und hat schon dreimal den Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ gewonnen.
Ein einladendes Haus
Abseits von Auszeichnungen und Preisen ist es aber auch die lockere und weltoffene Atmosphäre, die das Mainzer Staatstheater ausmacht. Intendant Markus Müller schafft es, dass die Besucherinnen und Besucher das Haus als „ihr Theater“ wahrnehmen: ein vertrauter Ort, an dem man sich trifft und unterhält.
Für die Wohlfühl-Atmosphäre sorgt auch das sogenannte Kombiticket, das in Mainz vor drei Jahren eingeführt wurde: Die Eintrittskarten wurden ein paar Euro teurer, dafür sind Getränke und Laugenbrezeln inklusive. Lange Warteschlangen vor Aufführungsbeginn und in den Pausen gibt es nicht mehr, stattdessen kommen die Menschen ins Gespräch.
Intendant ist Teamplayer
Seit mehr als zehn Jahren leitet Markus Müller das Mainzer Staatstheater. „Es ist mir eine tierische Freude, Momente des Gelingens zu stiften“, sagt er in einem Interview mit dem Fachmagazin „Opernwelt“. Sein Talent sieht er darin, „die richtigen Menschen zusammenzubringen, Themen zu setzen, Rahmenbedingungen zu schaffen, Potenziale zu erkennen.“
Für die laufende Spielzeit hat Markus Müller mit seinem Opern-Team wieder einen Spielplan ausgearbeitet, der das klassische Repertoire mit Neu- und Wiederentdeckungen kombiniert: Neben Repertoire-Klassikern wie Wagners „Lohengrin“ und Mozarts „Don Giovanni“ werden unter anderem das Musical „Titanic“, John Adams' zeitgenössische Oper „Doctor Atomic“ sowie die deutsche Erstaufführung der Oper „Antarctica“ (2022) von Mary Finsterer zu sehen sein.