Zucker im Beton als Symbol des Widerstands?

Vergangenheit neu erinnern: Nicolas Daubanes in der Kunsthalle Karlsruhe

Nicolas Daubanes erzählt in seiner Kunst Geschichten des Widerstands und der Befreiung mit Material der Originalschauplätze. Mit Magnetpulver und alten Gefängnistüren begibt er sich auf die Spuren historischer Aufstände und übersetzt so Zivilcourage und Erinnerungskultur in spannende Kunstwerke.

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Stand

Von Autor/in Theresa Berwian

Ein Wald aus Eisenspänen

Immer wieder greift Nicolas Daubanes in einen Eimer mit grauem Pulver und wirft es gegen eine weiße Wand. Dort bleiben die magnetischen Eisen- und Stahlspäne hängen und nach und nach formt sich das riesige Panorama eines Waldes.

Die Metallspäne stehen dabei symbolisch für das Durchfeilen der eisernen Gitterstäbe der Fenster von Haftanstalten. Der Wald für das nachträgliche Verdrängen und die Verharmlosung historischer Verbrechen.

Heutiger Wald beim Konzentrationslager Natzweiler-Struthof
Dieser Wald existierte während des Zweiten Weltkriegs in dieser Form noch nicht. Das Konzentrationslager Natzweiler-Struthof war also aus der Ferne frei einsehbar. Das widerlegt die nachkriegszeitliche Behauptung vieler Menschen, man habe nichts gesehen und gewusst. Pressestelle Bild: Felix Gruenschloss

Kunst als Haltung des Widerstands

Daubanes wurde 1983 in Frankreich geboren und wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Seine Eltern arbeiteten in Fabriken und starben früh. Der Sohn gab den Spätfolgen der gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen die Schuld und schwor sich, niemals in einer Fabrik oder einem Büro zu arbeiten und sich durch Lohnarbeit aufzureiben.

Zur Kunst fand er aber recht spät. Mit 23 Jahren besuchte er zum allerersten Mal eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst, die sein Leben veränderte. Widerstand ist für Daubanes gleichzeitig Haltung und zentrales Thema seiner Kunst.

Freiheit, Sabotage und Zivilcourage erlebbar machen

„Le feu intérieur“, das innere Feuer. Diesen Ausstellungstitel hat der französische Künstler Nicolas Daubanes für seine erste Einzelausstellung in Deutschland selbst gewählt.

Das Feuer steht für seine Technik, mit einem Winkelschleifer einen Funkenflug zu erzeugen, der glühende Metallsplitter in Glas- oder Porzellanoberflächen einbrennt. Es steht aber auch für den Antrieb eines politisch engagierten Künstlers, der für Themen wie Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit brennt.

Eisenfeilspäne und Zuckerbeton: Die Materialien von Nicolas Daubanes

Statt klassischer Ölfarben nutzt Daubanes Werkstoffe, die direkt mit den Themen Gefangenschaft, Zwang und Ausbruch verknüpft sind. Dabei nutzt er ungewöhnliche Techniken: Neben dem magnetischen Stahlpulver für seine monumentale Panoramen mischt er Zucker in Beton als Symbol für Sabotage und arbeitet mit dem Holz aus Zellentüren französischer Gefängnisse.

Werk "L’Hallali" von Nicolas-Daubanes
„L'Halali“, besteht aus 12 originalen Holz-Zellentüren. Die Anordnung nimmt Bezug auf eine historische Aufnahme von 1871, die zwölf aufgebahrte Tote der Pariser Kommune in ihren Särgen zeigt. Pressestelle Bild: Felix Gruenschloss

Wie Nicolas Daubanes historische Orte inszeniert

In seinen Arbeiten verzichtet Daubanes auf blutige Schlachten, Täter oder Opferdarstellungen; stattdessen konzentriert er sich auf die Architektur- und Landschaftsspuren historischer Unrechtssituationen.

Er verhandelt unter anderem den Hausarrest Galileo Galileis in der Villa Medici, die Verbrechen der NS-Herrschaft im KZ Natzweiler-Struthof oder auch den Gefängnisaufstand in Nancy 1972.

Nicolas Daubanes' Kunst ist absolut aktuell

Daubanes' Werke fordern dazu auf, nicht stumm zu bleiben, sondern sich angesichts fragiler werdender Demokratien, dem Erstarken autoritärer Tendenzen und den Versuchen, unabhängige Medien sowie die kritische Öffentlichkeit zu untergraben, selbst einmal die drängende Frage zu stellen: Würde ich selbst Widerstand leisten?

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