Ein Stück Architektur- und Industriegeschichte
Das Schott-Verwaltungsgebäude von Ernst Neufert war ein bescheidener Fünfziger-Jahre-Bau: ein Wahrzeichen der Nachkriegsmoderne und ein Symbol für den Mainzer Wiederaufbau. Und nicht zuletzt ein wichtiges Stück Industriegeschichte.
Denn nach dem Zweiten Weltkrieg war der Glashersteller Schott in Jena unter sowjetischer Besatzung und drohte verstaatlicht zu werden. Um das zu verhindern, siedelte sich Schott im Westen an: 41 Glasmacher zogen damals von Jena nach Mainz, wo der neue Standort aufgebaut werden sollte.
Firmenchef Erich Schott engagierte dafür den Architekten Ernst Neufert, der am Bauhaus studiert und bei Walter Gropius gearbeitet hatte. Für Schott in Mainz entwarf er nicht nur das Verwaltungsgebäude „V1“, sondern auch die Produktionsanlage mit mehreren Schloten, die bis heute das Mainzer Stadtbild prägen.
Der Landeskonservator erfuhr es aus den Medien
Doch wo einst der Verwaltungsbau von 1952 stand, ist nun eine Leerstelle. Denn die Schott AG, heutzutage ein internationaler Konzern, nutzte leise, still und heimlich die Sommerferien, um den Neufert-Bau verschwinden zu lassen. Viele Mainzerinnen und Mainzer wurden nach dem Urlaub von den Trümmern überrascht.
So ging es auch dem rheinland-pfälzischen Landeskonservator Markus Fritz-von Preuschen: „Wir wussten vorher im Juni, dass das Vordach abgebrochen war und dass Arbeiten im Inneren stattfanden, aber nicht, dass die Absicht bestand, das Gebäude komplett abzureißen.“
Ein Sprecher der Schott AG in Mainz lässt durchblicken, dass es keine leichte Entscheidung war. Man sei sich der Historie bewusst und habe den Bau für das Firmenarchiv dokumentiert. Rein rechnerisch habe sich der Erhalt aber nicht gelohnt, denn letztlich gehe es um die Sicherung des Mainzer Standorts.
Zu wenig Personal in der Inventarisation
Landeskonservator Markus Fritz-von Preuschen bedauert den Verlust der Neufert-Architektur sehr, wie er sagt. Aber: Der Abriss war völlig legal, denn das Gebäude stand nicht unter Denkmalschutz. Für die Landesdenkmalpflege eine bittere Niederlage. Zumal Neuferts Vermächtnis in Mainz bekannt war.
Das Gebäude sei bereits in einer früheren Broschüre von einem Mitarbeiter dokumentiert worden, so der Landeskonservator. Aber die Inventarisations-Abteilung in seinem Haus, die sich um die Erfassung und Bewertung von Kulturdenkmalen kümmert, sei nur mit zwei Personen besetzt.
„Man muss einfach zugeben, dass wir nicht hinterher gekommen sind, alles so schnell zu schützen.“ Bis 2014 habe es gar keine Inventarisationsabteilung in der Landesdenkmalpflege gegeben, so Markus Fritz-von Preuschen. Und ab 2014 sei ein einziger Wissenschaftler für ganz Rheinland-Pfalz zuständig gewesen.
Die Landeshauptstadt wurde vernachlässigt
Die Gebäude der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre werden von vielen Menschen nicht besonders wertgeschätzt. Fachleute wissen aber, dass sie schützenswert sein können. Um Versäumnisse nachzuholen, hatte die Landesdenkmalpflege 2016 ein Programm zur Nacherfassung der Nachkriegsmoderne gestartet.
Wegen begrenzter Ressourcen konzentrierte sich die Behörde zunächst auf die Städte Ludwigshafen und Kaiserslautern. Dort gebe es den größten Anteil an Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg und dort habe man systematisch alle Verwaltungs-, Schul- und Kulturbauten geprüft, sagt Markus Fritz-von Preuschen.
Dass durch diese Schwerpunktsetzung die Nachkriegsmoderne in der Landeshauptstadt Mainz vernachlässigt wurde, ist jetzt auf schmerzliche Weise offensichtlich geworden.
Auch die Betonisten trauern um den Bau
Der Abriss des Neufert-Baus hat auch die Mainzer „Betonisten“ stark mitgenommen. Die Initiative setzt sich für den Erhalt der Mainzer Nachkriegsarchitektur ein. Die Mitglieder versuchen, durch Vermittlungsarbeit ein öffentliches Bewusstsein für diese Epoche zu schaffen.
„Das Neufert-Gebäude hätte für Mainz eine kleine Ikone der Nachkriegsmoderne sein können, aber das ist jetzt passé“, sagt Sprecher Jonas Grahl. Die Betonisten waren maßgeblich an zwei Büchern beteiligt, die beispielhafte Mainzer Architektur aus den Jahren 1945 bis 2000 vorstellen.
Selbstverständlich findet sich im ersten Band auch ein Artikel über das Schott-Gebäude, den Jonas Grahl sogar selbst geschrieben hat. Er findet es wichtig, jetzt Stellung zu beziehen. Und dabei auch zu überlegen, welche weiteren Gebäude gefährdet sein könnten.
Hinweise unterstützen bei der Erfassung der Denkmale
In der Landesdenkmalpflege scheint der unwiederbringliche Verlust des Ernst-Neufert-Gebäudes jedenfalls etwas zu bewirken: Man wolle jetzt die systematische Überprüfung der 50er- und 60er-Jahre-Gebäude in Mainz angehen, sagt Markus Fritz-von Preuschen.
Beim Aufspüren potenzieller Denkmale sei die Behörde auch auf Hinweise von Initiativen, Vereinen sowie Bürgerinnen und Bürgern angewiesen, so der Landeskonservator. Gerne würde er in Zukunft die rheinland-pfälzische Architektenkammer einbinden. Sie habe den landesweiten Überblick und könne auf schützenswerte Gebäude hinweisen.