Am östlichen Rand des Stuttgarter Talkessels ragt der Hang steil empor, bis zu einem Plateau mit Feldherrenblick über Schlossplatz und Zentrum. Hier oben auf dem Eugensplatz erhebt sich eine tonnenschwere ionische Säule – das vollendet geformte Tragwerk griechischer Tempel. Gekrönt wird sie von einem Tier mit stolz erhobenem Haupt: einem Mops.
Ein Denkmal für Loriots Stuttgarter Wurzeln
Der schwäbische Bildhauer Uli Gsell hat die Säule aus massivem Kalkstein vor gut zehn Jahren geschaffen – zunächst allerdings noch ohne Mops. Auftraggeber war der Stuttgarter Autor und Verleger Gerhard Raff.
Er habe „schwäbische Klassiker in die Welt stellen“ wollen, erzählt Gsell. Hintergrund des Denkmals sei gewesen, schwäbischen Geistesgrößen Denkmäler zu setzen. Schließlich sei die Säule der Stadt geschenkt worden, um Loriot zu ehren.
Doch warum ausgerechnet Loriot? Wie passt der gebürtige Brandenburger nach Stuttgart?
Die Antwort liegt direkt gegenüber der Säule. In dem Eckhaus, in dem sich früher eine Apotheke befand, lebte Vicco von Bülow bis zu seinem Abitur. Heute heißt die Straße Kernerstraße, früher trug sie den Namen Kanonenstraße. Loriot besuchte das Eberhard-Ludwigs-Gymnasium. Für Uli Gsell ist das Grund genug für ein Denkmal: „Die Zeit bis 18 sind immer die wichtigsten Jahre im Leben eines jungen Menschen.“
Tatsächlich wohnte der junge Vicco von Bülow von 1938 bis 1941 nicht nur in Stuttgart, sondern schnupperte hier auch als Statist an Oper und Schauspiel zum ersten Mal Bühnenluft. Nach Kriegsende kehrte er zurück, arbeitete beim Rundfunk und führte später sogar Regie an der Oper. Loriot hier eine Gedenksäule zu errichten, geht also durchaus in Ordnung.
Eine Säule ohne Mops? Möglich, aber sinnlos
Allerdings war nicht jeder Anwohner von der Strenge des Monuments begeistert. Besonders eine resolute Nachbarin mit einem Namen, wie Loriot ihn kaum schöner hätte erfinden können: Eisdielen-Inhaberin Esther Weeber-Kirschenlohr.
Mit der Säule allein konnte sie wenig anfangen. Sie habe auf sie „wie auf dem Friedhof“ gewirkt. Schließlich habe Loriot selbst gesagt: „Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos.“ Für Weeber-Kirschenlohr stand deshalb fest: „Diese Säule ohne Mops ist so sinnlos.“
Also startete die rührige Unternehmerin eine kleine Kampagne. Sie marschierte sogar ins Rathaus und fragte den Bürgermeister: „Was tun Sie dafür? Wir brauchen ganz dringend einen Mops!“
Zunächst stellten Spaßvögel bei Nacht und Nebel einen Plastik-Mops aus dem Baumarkt auf die Säule. Später schuf Bildhauer Uli Gsell schließlich eine dauerhafte Bronzeskulptur.
Der Mops blickt auf eine nackte Nymphe
Die Pose des Mopses gleicht der antiken Bronze jener Wölfin, die Romulus und Remus, die Gründer Roms, gesäugt haben soll. Die Stuttgarter Möpsin blickt allerdings nicht Richtung Rom, sondern auf die andere Seite des Eugensplatzes – genauer gesagt auf das nackte Hinterteil einer Nymphe, die den Eugensbrunnen krönt.
Der Brunnen wurde, wie der Stuttgarter Autor Frank Ackermann erzählt, 1890 von Königin Olga gestiftet. Sie war die Schwiegermutter von Herzog Eugen, nach dem der Eugensplatz benannt ist.
Viele Stuttgarter hätten sich damals über die Nacktheit der Brunnenfigur empört. Einer Anekdote zufolge habe Königin Olga darauf gelassen reagiert: Wenn sich die Stuttgarter weiter mokierten, lasse sie die Statue eben umdrehen, „sodass der Hintern in die Stadt runterzeigt.“
Ein Mops zum Schlecken
Dazu kam es allerdings nie. Die Brunnenfigur zeigt ihre Kehrseite stattdessen bis heute Richtung Eisdiele von Esther Weeber-Kirschenlohr. Dort nimmt das niemand persönlich – allerdings hat es die Nymphe nie zum Ehrenrang einer eigenen Eissorte gebracht.
Ganz anders der bronzene Vierbeiner. Der Mops wurde sogar Namensgeber einer Eissorte. Mandarine, Orange, Passionsfrucht und Sanddorn stecken in der Sorte „Mops“. „Sehr fruchtig“, wie die Verkäuferin verspricht.
Sehr fruchtig, mit schöner Säure und genau richtig bei großer Hitze – so schmeckt der „Mops“ am Eugensplatz in Stuttgart. Oder, um Loriot frei zu zitieren: Ein Leben ohne Eisdiele ist möglich, aber sinnlos.
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