Kunstmuseum Basel

Ausstellung „The First Homosexuals“ in Basel: Queere Codes und Kunst im 19. Jahrhundert

Die Ausstellung „The First Homosexuals“ im Kunstmuseum Basel zeigt, wie der Begriff „homosexuell“ Kunst und Identität veränderte – mit queeren Codes, Bildern und Geschichten aus dem 19. Jahrhundert.

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Stand

Von Autor/in Kathrin Hondl

Ein grundlegender Wandel mit dem Begriff der Homosexualität

Am Anfang ist da ein Wort: „Homosexuell“. Der Begriff taucht in den Jahren 1868 und 1869 zum ersten Mal auf, in Texten des ungarischen Schriftstellers Karl Maria Kertbeny, nachzulesen in einer Vitrine gleich am Anfang der Ausstellung. 

Und auch wenn es schon vorher mehr oder weniger explizite Bilder gleichgeschlechtlichen Begehrens gab, mit dem neuen Wort „homosexuell“ habe ein grundlegender Wandel begonnen, sagt Kurator*in Len Schaller:

„Vorher war es eine Aktivität, vielleicht eine private Vorliebe, aber es war keine Identität. Und mit diesem Begriff beginnt sich das zu ändern, wie wir das verstehen. Es wird ein Teil vom Selbstverständnis eines Menschen und dadurch wird es auch darstellbar, dadurch wird es erkennbar in der bildenden Kunst.“

Subtile Anspielungen

Gemälde, Arbeiten auf Papier, Skulpturen, Fotografien: Mit gut 80 Werken erzählt die Ausstellung im Kunstmuseum Basel eine Bildergeschichte der, wie es im Titel heißt, „First Homosexuals“, der „ersten Homosexuellen“. 

Oft sind es subtile Anspielungen, die in den Bildern des späten 19. Jahrhunderts auf homoerotische Verbindungen verweisen, vor allem bei Frauenpaaren.

Ludwig von Hofmann, Nackte Fischer und Knaben am grünen Gestade, 1900
Ludwig von Hofmann, Nackte Fischer und Knaben am grünen Gestade, 1900. Pressestelle Kunstmuseum Basel | Museum der bildenden Künste Leipzig Bild in Detailansicht öffnen
Gabriel Morcillo, Fructidor, ca. 1932
Gabriel Morcillo, Fructidor, ca. 1932. Pressestelle Kunstmuseum Basel | Dr. Adolfo Planet, Valencia, Spain Bild in Detailansicht öffnen
Andreas Martin Andersen, Interno con Hendrik Andersen e John Briggs Potter, 1894
Andreas Martin Andersen, Interno con Hendrik Andersen e John Briggs Potter, 1894. Pressestelle Kunstmuseum Basel | Museo Hendrik C. Andersen, Roma Bild in Detailansicht öffnen
Saturnino Herrán, Nuestros dioses antiguos, 1916
Saturnino Herrán, Nuestros dioses antiguos, 1916. Pressestelle Kunstmuseum Basel | Colección Andrés Blaisten México Bild in Detailansicht öffnen

Codierung von Kunst

„Contre-jour“, also „Gegenlicht“, heißt ein Gemälde der Schweizer Künstlerin Louise-Catherine Breslau von 1888. Eine häusliche Szene. Zwei Frauen, die Künstlerin und ihre Partnerin, sitzen am Fenster, verträumte Blicke. Dass die beiden mehr als nur Freundinnen sind, darauf verweise der Veilchenstrauß auf dem Tisch, sagt Len Schaller: Veilchen gelten als Symbol weiblicher Homosexualität.

„Die Codes sind nicht immer für alle lesbar. Und das ist natürlich auch Teil des Lebens von queeren Künstlerinnen, dass man es nicht immer offenlegen kann. Und dass man Wege findet, es für die Personen, die Teil der Gemeinschaft sind, lesbar zu machen, während es vielleicht für andere auf den ersten Blick nicht so logisch erscheint.“

Betont muskulöse Körper

Künstlerisch überzeugen nicht alle Bilder der Ausstellung. Das schwülstige Ölgemälde „Narziss“ des französischen Historienmalers Gustave Courtois zum Beispiel.

Ein nackter Jüngling liegt mit seltsam verdrehtem Arm lasziv im Grünen und spiegelt sich in einem Tümpel. Kein Meilenstein der Kunstgeschichte, aber der schmachtende Narziss dokumentiert hier ein homoerotisches Idealbild am Ende des 19. Jahrhunderts. 

Später dominieren dann betont muskulöse Körper die Darstellungen queerer Identitäten.       

Gustave Courtois, Portrait de Maurice Deriaz, 1907
Gustave Courtois, Portrait de Maurice Deriaz, 1907. Pressestelle Kunstmuseum Basel | Commune de Baulmes

Eine vielfältige Geschichte

„Es sind nicht alle Werke einfach unproblematisch und toll. Aber jedes einzelne Werk, das hier hängt, hat für mich zumindest eine Daseinsberechtigung als Kunstwerk, aber auch als Artefakt einer Geschichte“, so Schaller.

Es ist eine vielfältige Geschichte, die diese Ausstellung erzählt. Fokussiert auf Kunst aus einer Zeit, als gleichgeschlechtliche Liebe kriminalisiert und verfolgt wurde. Was auch heute noch – oder wieder – geschieht. 

Sehenswerte Ausstellung

„Es ist einfach die Realität, dass Homosexualität in über 60 Ländern immer noch kriminalisiert und in vielen anderen wieder unter Beschuss ist.“

Umso wichtiger ist historisches Bewusstsein – und allein das macht die oft überraschenden Bilder der „ersten Homosexuellen“ im Kunstmuseum Basel absolut sehenswert.

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Kathrin Hondl