Ein grundlegender Wandel mit dem Begriff der Homosexualität
Am Anfang ist da ein Wort: „Homosexuell“. Der Begriff taucht in den Jahren 1868 und 1869 zum ersten Mal auf, in Texten des ungarischen Schriftstellers Karl Maria Kertbeny, nachzulesen in einer Vitrine gleich am Anfang der Ausstellung.
Und auch wenn es schon vorher mehr oder weniger explizite Bilder gleichgeschlechtlichen Begehrens gab, mit dem neuen Wort „homosexuell“ habe ein grundlegender Wandel begonnen, sagt Kurator*in Len Schaller:
„Vorher war es eine Aktivität, vielleicht eine private Vorliebe, aber es war keine Identität. Und mit diesem Begriff beginnt sich das zu ändern, wie wir das verstehen. Es wird ein Teil vom Selbstverständnis eines Menschen und dadurch wird es auch darstellbar, dadurch wird es erkennbar in der bildenden Kunst.“
Subtile Anspielungen
Gemälde, Arbeiten auf Papier, Skulpturen, Fotografien: Mit gut 80 Werken erzählt die Ausstellung im Kunstmuseum Basel eine Bildergeschichte der, wie es im Titel heißt, „First Homosexuals“, der „ersten Homosexuellen“.
Oft sind es subtile Anspielungen, die in den Bildern des späten 19. Jahrhunderts auf homoerotische Verbindungen verweisen, vor allem bei Frauenpaaren.
Codierung von Kunst
„Contre-jour“, also „Gegenlicht“, heißt ein Gemälde der Schweizer Künstlerin Louise-Catherine Breslau von 1888. Eine häusliche Szene. Zwei Frauen, die Künstlerin und ihre Partnerin, sitzen am Fenster, verträumte Blicke. Dass die beiden mehr als nur Freundinnen sind, darauf verweise der Veilchenstrauß auf dem Tisch, sagt Len Schaller: Veilchen gelten als Symbol weiblicher Homosexualität.
„Die Codes sind nicht immer für alle lesbar. Und das ist natürlich auch Teil des Lebens von queeren Künstlerinnen, dass man es nicht immer offenlegen kann. Und dass man Wege findet, es für die Personen, die Teil der Gemeinschaft sind, lesbar zu machen, während es vielleicht für andere auf den ersten Blick nicht so logisch erscheint.“
Betont muskulöse Körper
Künstlerisch überzeugen nicht alle Bilder der Ausstellung. Das schwülstige Ölgemälde „Narziss“ des französischen Historienmalers Gustave Courtois zum Beispiel.
Ein nackter Jüngling liegt mit seltsam verdrehtem Arm lasziv im Grünen und spiegelt sich in einem Tümpel. Kein Meilenstein der Kunstgeschichte, aber der schmachtende Narziss dokumentiert hier ein homoerotisches Idealbild am Ende des 19. Jahrhunderts.
Später dominieren dann betont muskulöse Körper die Darstellungen queerer Identitäten.
Eine vielfältige Geschichte
„Es sind nicht alle Werke einfach unproblematisch und toll. Aber jedes einzelne Werk, das hier hängt, hat für mich zumindest eine Daseinsberechtigung als Kunstwerk, aber auch als Artefakt einer Geschichte“, so Schaller.
Es ist eine vielfältige Geschichte, die diese Ausstellung erzählt. Fokussiert auf Kunst aus einer Zeit, als gleichgeschlechtliche Liebe kriminalisiert und verfolgt wurde. Was auch heute noch – oder wieder – geschieht.
Sehenswerte Ausstellung
„Es ist einfach die Realität, dass Homosexualität in über 60 Ländern immer noch kriminalisiert und in vielen anderen wieder unter Beschuss ist.“
Umso wichtiger ist historisches Bewusstsein – und allein das macht die oft überraschenden Bilder der „ersten Homosexuellen“ im Kunstmuseum Basel absolut sehenswert.
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