Sofi-Rave im isländischen Skulpturenpark
Wenn sich am 12. August die Sonne verdunkelt, lädt Björk zum Rave. In einem Skulpturenpark nahe Reykjavik wird die isländische Musikerin ein eintägiges Festival veranstalten – und sich mit diesem Sonnenfinsternis-Rave in eine künstlerische Tradition einreihen. Etlichen Schriftstellern, Musikern, Filmemachern und Künstlern diente das beeindruckende Himmelsschauspiel als Inspiration.
Während die Raver in Island genauso wie Sonnengucker in Teilen von Grönland, Spanien und Portugal eine totale Sonnenfinsternis erleben können, wird der Mond im deutschen Südwesten bis zu 90 Prozent der Sonne bedecken.
Seit der Antike lässt diese Planetenkonstellation die Menschen gruseln. Aber auch Begeisterung und Faszination schwingen seit jeher mit, wenn sich am helllichten Tag für einen kurzen Moment der Himmel verdunkelt.
Kein Wunder also, dass die Sonnenfinsternis auch Einzug in die Popkultur gefunden hat. Ein Streifzug durch die Kulturgeschichte eines spektakulären Ausnahmezustands am Himmel.
- Die Sonnenfinsternis in der Kunst
- Die Sonnenfinsternis in der Musik
- Die Sonnenfinsternis im Film
- Die Sonnenfinsternis in der Literatur
Die Sonnenfinsternis in der Kunst
Plötzlich verdunkelt sich die Sonne am helllichten Tag. Was für ein beängstigendes Erlebnis muss eine Sonnenfinsternis gewesen sein, bevor man die astronomischen Zusammenhänge kannte? Doch wer denkt, dass diese bis zu Newtons Gravitationstheorie unbekannt waren, irrt. Schon die Babylonier kannten mit dem Saros-Zyklus im 7. Jahrhundert vor Christus ein Instrument zur Berechnung von Sonnenfinsternissen.
Auch Felsgravuren aus der Pueblo-Kultur belegen, dass das Himmelsphänomen nicht nur bekannt war, sondern auch in Form von Kunstwerken verewigt wurde: Sogenannte Petroglyphen entstanden zwischen dem 9. und 13. Jahrhundert im Gebiet des heutigen New Mexico.
Zwischen unheilvollen Zeichen und astronomischen Erkenntnissen
Bis in die Frühe Neuzeit wurde die Verdunkelung des Himmels aber meist als unheilvolles Zeichen göttlicher Macht interpretiert. Geschichtsschreiber untermauerten mit erfundenen Sonnenfinsternissen auch die Wichtigkeit bestimmter Ereignisse. So im Neuen Testament, wo behauptet wird, dass es bei der Kreuzigung Jesu zu einer wunderhaften dreistündigen Sonnenfinsternis gekommen sei.
Alles Erfindung, denn eine „eclipsis passionalis“ kann es aufgrund der stellaren Konstellation zum entsprechenden Zeitpunkt über Jerusalem nicht gegeben haben. Doch für Künstler stellte die testamentarische Behauptung selbstredend ein starkes Bildmotiv dar. Ob Rubens, Dürer, Cranach, van Dyck oder Ribera: Sie alle malten den gekreuzigten Jesus vor einer sich verdunkelnden Sonnenscheibe.
Abseits von christlichen Bildkompositionen findet sich die Sonnenfinsternis auch in vielen weiteren Werken bedeutender Maler. Der italienische Rokoko-Meister Donato Creti verewigte in Ölgemälden astronomische Studien im Auftrag des Grafen Marsigli, der diese wiederum Papst Clemens XI. schenkte, um ihn vom Bau einer Sternwarte in Bologna zu überzeugen – mit Erfolg.
Vor der Erfindung der Fotografie wurden Kunstwerke auch mit dem Ziel angefertigt, das kurze Himmelsspektakel auf Leinwand zu bannen. Der Italiener Ippolito Caffi malte eine Sonnenfinsternis, die sich 1842 in Venedig zugetragen hat. Dafür nutzte er eine Art Stenografie für Farben, indem er sich die Farbnuancen des flüchtigen Ereignisses notierte und später aufs Bild brachte. Und der Amerikaner Howard Russell Butler dokumentierte eine Sonnenfinsternis, die sich 1918 in Oregon ereignete.
Der Dadaist George Grosz übte mit seinem Bild „Sonnenfinsternis“ von 1926 satirisch Gesellschaftskritik, Paul Klee machte das Spiel von Licht und Schatten zum Inhalt seines Aquarells „Sonnenfinsternis“ (1918/19) und der Pop-Art-Künstler Roy Lichtenstein bearbeitete im Gemälde „Eclipse of the Sun“ (1975) das Sujet in abstrahierenden Mustern.
Die Sonnenfinsternis in der Musik
Steht eine Sonnenfinsternis an, sind Chart-Erfolge für „Sofi-Hits“ garantiert – auch wenn ursprünglich keiner der Songs aus Anlass einer Sonnenfinsternis geschrieben wurde. Am bekanntesten dürfte wohl Bonnie Tylers „Total Eclipse of the Heart“ (1983) sein. Ursprünglich von Jim Steinman als Vampir-Liebeslied komponiert, wurde der Song zur 1980er-Jahre-Power-Ballade schlechthin und zum Inbegriff großer Gefühle.
Der Song gilt als inoffizielle Hymne für das Himmelsspektakel: Als 2017 eine Sonnenfinsternis in den USA zu sehen war, stiegen die Verkaufszahlen für „Total Eclipse of the Heart“ um 500 Prozent. Auch in diesem Jahr dürften Rekorde erreicht werden.
Once upon a time, there was light in my life,
But now there's only love in the dark
Nothing I can say
A total eclipse of the heart
Auch der Grunge-Song „Black Hole Sun“ (1994) der US-Band Soundgarden nimmt Bezug auf die Verdunkelung der Sonne, hier jedoch als apokalyptischer Fiebertraum: Der Liedtext von Chris Cornell beschreibt eine finstere Leere, in der die dunkle Sonne zur Erlösung wird. Das Video zum Hit strotzt vor grotesken Szenen aus einer biederen amerikanischen Vorstadtidylle und deren Entzauberung.
„Black Hole Sun“ wird ebenfalls regelmäßig zum Chart-Hit, sobald wieder eine Sonnenfinsternis ansteht. Ähnlich ergeht es den Songs „Eclipse“ von Pink Floyd, „Here Comes the Sun“ von den Beatles oder Creedence Clearwater Revivals „Bad Moon Rising“ und „Ain’t No Sunshine“ von Bill Withers.
Die Sonnenfinsternis im Film
Als stilistisches Mittel wird das Naturschauspiel auch im Film eingesetzt. So verhindert etwa eine Sonnenfinsternis in Mel Gibsons „Apocalypto“ aus dem Jahr 2006 ein rituelles Menschenopfer der Maya. Als der Protagonist auf dem Opfertisch liegt, verdunkelt sich plötzlich die Sonne und die Opferhandlung wird vor Schreck und Ehrfurcht abgebrochen.
Wissenschaftler widersprechen dieser Darstellung allerdings vehement. Die Maya verfügten über astronomisches Wissen und wären von einer eintretenden Sonnenfinsternis nicht überrascht worden.
Die Sonnenfinsternis als Anfang vom Ende
Der Film „Der kleine Horrorladen“ von 1986, der auf dem gleichnamigen Musical von Alan Menken und Howard Ashman basiert, erzählt die Geschichte von Seymour, einem schüchternen Blumenhändler, und einer fleischfressenden Pflanze, die er während einer Sonnenfinsternis erworben hat.
Die Pflanze wird zum Star des Ladens – was Seymour zwar vorm Bankrott rettet, ihn gleichzeitig aber in Bedrängnis bringt, als er merkt, dass die Pflanze zum Überleben Menschenblut benötigt. Die verfinsterte Sonne dient hier als Ausgangspunkt einer skurrilen Handlung mit unheilvollem Ausgang.
Als popkulturelles Phänomen darf die Sonnenfinsternis natürlich auch bei „Die Simpsons“ nicht fehlen: In der Folge „Auf der Jagd nach dem Juwel von Springfield“ (2009) beobachtet die gelbe Familie eine Sonnenfinsternis durch eine selbstgebaute Lochblende – bis auf Mutter Marge, die selbstlos ihre Camera Obscura an ihren Mann Homer abgibt und prompt durch das gleißende Licht geblendet wird mit der Folge eines vorübergehenden Sehverlusts.
Auch in anderen Filmen und Serien dient die Sonnenfinsternis entweder als dramatischer Wendepunkt oder besorgniserregender Anfang einer Handlung, so etwa in „Pitch Black – Planet der Finsternis“ (2000), in der Animationsserie „Avatar – Der Herr der Elemente“ (2007) oder im Film „Dolores“ (1995) nach einem Roman von Stephen King.
Die Sonnenfinsternis in der Literatur
Ein solch eindrückliches Erlebnis wie eine Sonnenfinsternis hat selbstredend auch Literaten inspiriert. Bereits William Shakespeare ließ den Graf von Gloucester in „König Lear“ konstatieren: „Diese späten Sonnen- und Mondfinsternisse verheißen uns nichts Gutes.“
Mark Twains Protagonist Hank Morgan im Roman „Ein Yankee am Hof des König Artus“, rettet sich durch die Kenntnis einer Sonnenfinsternis vor dem sicheren Tod. Als Zeitreisender weiß er von dem Ereignis, gibt aber vor, magische Fähigkeiten zu besitzen – und wird dank dieser List sogar der Berater von König Artus.
Jules Verne lässt in seinem Roman „Im Land der Pelze“ eine Expeditionsgruppe in der Arktis eine Sonnenfinsternis beobachten, die dann zum Ausgangspunkt eines dramatischen Abenteuers wird. Während die Teilnehmer der Expedition das Schauspiel am Himmel betrachten, löst sich die Eisscholle, auf der sie stehen, und treibt vom Festland ab.
Adalbert Stifter wiederum ist weniger an dem fiktiven Gehalt einer Sonnenfinsternis interessiert. Er beschreibt eine Sonnenfinsternis, die er 1842 selbst in Wien gesehen hat, in einem mehrteiligen Artikel für die „Wiener-Moden-Zeitung und Zeitschrift für Kunst, schöne Literatur und Theater“.
Mit erstaunlicher Akribie und ansteckender Begeisterung beschreibt Stifter, wie er die Ereignisse an jenem Tag wahrgenommen hat. Er habe die Beschreibungen anderer Beobachter bisher für übertrieben gehalten, formuliert er am Ende seiner Ausführungen. Doch seien sie „weit hinter der Wahrheit zurück“.
Nie, nie werde ich jene zwei Minuten vergessen – es war die Ohnmacht eines Riesenkörpers, unserer Erde.
Universell und gleichzeitig speziell
Eine „Ohnmacht der Erde“, ein unheilvolles Omen oder der Beginn von etwas Außergewöhnlichem: Die besondere Konstellation der Himmelskörper lässt symbolisch vielfältige Schlüsse zu. Mond und Sonne, Schatten und Licht kommen für wenige Sekunden zusammen und werden eins.
FAQ zum besonderen Himmelsereignis Sonnenfinsternis beobachten: Worauf Sie dabei achten sollten
Am Mittwochabend verdunkelt eine Sonnenfinsternis den Himmel über Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Alles zu Zeitpunkt, Aussichtsorten und speziellen Brillen im FAQ.
Gleichzeitig sehen wir alle dieselben Himmelskörper – ob früher oder heute, ob in Island oder den USA. Auch wenn eine Sonnenfinsternis nur selten auftritt und damit eine wahre Besonderheit ist, stellt sie ein universelles Phänomen dar.
Und wer weiß, was die Sonnenfinsternis am 12. August wohl für popkulturelle Auswirkungen haben wird? Werden neue Kunstwerke entstehen? Wird ein Film mit Bezug zur Planetenkonstellation wiederholt? Oder schreibt jemand einen neuen Sonnenfinsternis-Hit? Björk macht jedenfalls schon mal den Anfang.