Gedichte im Briefpost-Abo

Poesie per Post

Gar nicht altmodisch: Carola Jaeckel verschickt Gedichte in echten Briefen. Bei ihrem Start-Up „Poetry & Pulse“ erhalten Abonnenten viermal im Jahr „Poetenpost“. Die Mission: Lyrik in den Alltag der Menschen bringen. Das Konzept geht auf, die Abonnentenzahlen steigen.

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Stand

Von Autor/in Kerstin Bachtler

Gedicht mit Begleitbrief und Gänseblümchen

Ein zartblauer Umschlag aus festem, hochwertigen Papier, das fasst sich schon mal gut an. Der Brief ist etwas größer als ein normaler Brief, etwa DIN A 5. Drin sind ein Blatt mit einem Gedicht, ein gedruckter Begleitbrief in herzlichen Worten und ein transparentes Papiertütchen, in dem ein Gänseblümchen steckt, das Carola Jaeckel gepresst hat:

Carola Jaeckel: „Ein Echo aus der Natur, so nennen wir das, das kann eine getrocknete Blume sein oder ein Polaroid, da haben wir verschiedene Überraschungen, der Post beigelegt sind.“

Carola Jaeckel, Gründerin von Poetry & Pulse
Carola Jaeckel, Lyrik-Liebhaberi und Gründerin von „Poetry & Pulse“ Pressestelle Fabrizio Fracassi

Anfang dieses Jahres hat Carola Jaeckel das Start-Up-Unternehmen „Poetry & Pulse“ gegründet. Sie ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und liebt Gedichte. Sie wünscht sich, dass sie durch ihre Briefe auch andere dafür begeistern kann. „Hinter der Poetenpost verbirgt sich ein Briefpost-Abo, das das Ziel hat, Poesie und Lyrik wieder in den Alltag der Menschen zurückzubringen, mittels ganz klassischer Briefpost.“

Briefe können entschleunigen

Briefe verschicken, im Umschlag mit Briefmarke, statt einer schnellen E-Mail oder Chatnachricht? Für Carola Jaeckel hat die Post nichts Altmodisches, sondern sie erfüllt einen Zweck, der gerade in unserer manchmal sehr schnelllebigen Zeit sehr wichtig sein kann, um zu entschleunigen.

„Wir bedienen uns da eines traditionellen Kommunikationsstücks, das vielleicht ein bisschen aus der Mode geraten ist, aber doch viele Menschen immer noch sehr berührt. Viele sagen, wie schade, dass der Briefkasten so oft leer ist und niemand mehr Postkarten schreibt oder Briefe.

Das Smartphone kommt halt immer dazwischen. Und da ist eine Verkürzung da, es geht viel verloren. In einem Brief hat man eine andere Ruhe, eine andere Geduld, und vor allem hat man etwas, das bleibt. Und das scheint doch einigen Menschen zu gefallen.“

Inspiration durch die Lyrik von Etel Adnan

Die libanesisch-französische Künstlerin und Lyrikerin Etel Adnan, die am 14.11.2021 in Paris gestorben ist
Die Begegnun mit der libanesisch-amerikanisch-französischen Künstlerin Etel (1925 - 2021) Adnan brachte Carola Jaeckel dazu, selbst Gedichte zu schreiben. Pressestelle Edition Nautilus © Felix Grünschloß

Die Idee zur Poetenpost kam Carola Jaeckel schon vor einigen Jahren. Sie hat früher jahrelang in der Humanitären Hilfe gearbeitet, und in dieser Zeit viele Reisen in den Libanon unternommen. In Beirut lernte sie die Lyrik und Bilder der libanesisch-amerikanisch-französischen Künstlerin Etel Adnan kennen. Sie wollte sie kennenlernen – und deshalb hat sie ihr einen Brief geschrieben. Die Antwortbriefe und Etel Adnans Texte waren so poetisch, dass Carola Jaeckel begann, selbst Gedichte zu schreiben. 

„Mit ihr habe ich einen Briefwechsel angefangen. Und dieses Rätselhafte in ihren Texten, das hat mich so motiviert, dass es mich selbst ganz stark in die Lyrik hineingezogen hat. Und so hat das angefangen, in mir zu arbeiten und zu brodeln.“

Lyrik auch nach 200 Jahren noch frisch

Gedichte – auch das ist ein Genre, das vielleicht manchen altmodisch vorkommt, doch Carola Jaeckel sieht das ganz anders. Sie sucht für ihre Poetenpost-Lyrik aus unterschiedlichen Epochen, von alt bis ganz modern. 

Postkutsche in Feldstetten
Poesie-Briefe sind im Gegensatz zu dieser historischen Postkutscha noch lange nicht aus der Zeit gefallen ...

„Das ist sehr spannend zu sehen, wie relevant auch Lyrik von vor 200 Jahren noch sein kann, wie frisch das klingen kann, weil wir uns als Menschen vielleicht gar nicht so stark verändert haben. Und dann ist es aber auch schön, die zeitgenössischen Stimmen von Dichtern zu hören, die es wagen, ganz tief nachzudenken und zu fühlen und dafür eine Sprache zu finden, für teilweise sehr komplexe Gefühlsschichten.“

Carola Jaeckel stöbert gern in Lyrikbüchern nach Gedichten, aber sie recherchiert auch intensiv im Internet: „Es gibt eine richtige Community von zeitgenössischen Dichtern im deutschsprachigen Raum, die sind alle sehr aktiv, vor allem in den sozialen Medien, und es ist einfach toll, da nach den spannendsten Stimmen zu suchen und die in der Post zu featuren.“

Bei ihrer Suche stieß Carola Jaeckel auf die Gedichte der jungen Hamburgerin Theresa Nau. Sie hat noch kein Buch veröffentlicht, aber ihr kleiner Text über die Weisheit der Sonnenblume war im Frühjahr in der Poetenpost.

Weshalb wendest du dich immer der Sonne zu?
fragte ich die Sonnenblume.
Wenn ich meinen Blick auf das richte, was ich liebe, 
verliert das, was ich fürchte,
seine Macht über mich,
antwortete sie. 
(Theresa Nau)

Carola Jaeckel, Gründerin von Poetry & Pulse

Gedichte und ihre Geschichte Gar nicht altmodisch: „Poetry & Pulse“ - Poesie-Post im Abonnement

Carola Jaeckel versendet vier Mal im Jahr an Abonnent*innen Briefe mit Gedichten und Infos dazu - Überraschungspost im Briefkasten. In einer Zeit, in der wir fast nur noch per Smartphone kommunizieren. Die Gedichte stammen von Carola Jaeckel selbst oder von anderen, zum Teil sind sie neu und bisher unveröffentlicht. Die Lyrikbriefe können eine Möglichkeit sein, sich einmal in Ruhe auf ein Gedicht einzulassen und zu entschleunigen.

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Autor/in
Kerstin Bachtler