So neutral, dass das Abgebildete nicht einmal existierte
Zur Einführung des Euro vor knapp 25 Jahren hatte sich die EU absoluter Neutralität verschrieben: Neben der Gleichstellung von Mann und Frau sollte bei der Motivauswahl jede Art nationaler Voreingenommenheit vermieden werden. Schließlich entschied man sich für einen Vorschlag, der diesen Anspruch in jeder Hinsicht erfüllte.
Die abgebildeten Brücken existierten zu diesem Zeitpunkt nicht, sie stellten lediglich eine Visualisierung verschiedener architektonischer Phasen der europäischen Geschichte dar – und symbolisierten gleichzeitig die Verbindung der Staaten untereinander. Somit konnte sich kein Land bevor- oder benachteiligt fühlen.
Die „Eurobrücken" stehen jetzt in den Niederlanden
Erst seit Anfang der 2010er gibt es die Brücken auch in echt zu sehen: Umgesetzt durch den niederländischen Künstler Robin Stam, der die Motive als echte Bauwerke in einem Rotterdamer Vorort umsetzen ließ – allerdings in deutlich kleinerem Maßstab und auf engerem Raum als die Geldschein-Motive vermuten lassen.
Dass jetzt über neue Motive abgestimmt wird, ist das Ergebnis eines jahrelangen Prozesses. Schon 2021 gab es erste Befragungen zu möglichen Themenfeldern, die auf den neuen Scheinen abgebildet werden sollten. 2023 legte sich der Rat der Europäischen Zentralbank auf die zwei Themen „Europäische Kultur“ und „Flüsse und Vögel“ fest. Aus diesen Titeln wurden die Vorschläge, die nun zur Auswahl stehen.
„Europäische Kultur“ vs. „Flüsse und Vögel“
Konkret wurden aus dem Themenfeld „Europäische Kultur“ Portraits prägender Figuren der europäischen Geschichte, auf der Rückseite sind kulturelle Alltagsszenen abgebildet, etwa im Theater. Der andere Entwurf „Flüsse und Vögel“ zeigt europäische Gewässer mit heimischen Vögeln wie Eisvögel und Weißstörche. Auf der Rückseite sind Gebäude zu sehen, die europäische Institutionen beheimaten, etwa die Europäische Kommission.
Auch wenn der Schöpfer der aktuellen Euroscheine, der Österreicher Robert Kalina, schon gemosert haben soll, dass Vögel und Flüsse auf eine Briefmarke gehörten und nicht auf die wichtigste Währung des Kontinents, so muss man doch feststellen: Alle Entwürfe kommen lebendiger daher als Kalinas unscheinbare abstrakte Torbögen und Brücken.
Personen bringen Nationalitäten und Kontroversen mit sich
Mit Blick auf die ursprüngliche Bestrebung, kein Land oder Geschlecht bevorzugen zu wollen, sorgt der Vorschlag zur „Europäischen Kultur“ für Irritationen. Zwar ist das Geschlechterverhältnis ausgeglichen, doch die ausgewählten Persönlichkeiten (Maria Callas, Ludwig van Beethoven, Marie Curie, Miguel de Cervantes, Leonardo da Vinci, Bertha von Suttner) lassen sich doch eindeutig Nationalitäten zuordnen.
Besonders der osteuropäische Raum ist in der Auflistung deutlich unterrepräsentiert, zumal deren einzige Vertreterin, Marie Curie, zwar polnischer Herkunft war, aber in Frankreich lebte und wirkte. Vor dem Hintergrund, dass gerade aus den in der Liste nicht repräsentierten Staaten immer wieder der Vorwurf kommt, man interessiere sich in Brüssel nicht für sie, ist die Auswahl ein fragliches Signal und widerspricht dem eigentlichen Ziel der neuen Motivsetzung.
Nach 20 Jahren ist es an der Zeit, mit einem neuen Design sicherzustellen, dass sich alle Europäerinnen und Europäer noch stärker mit den Euro-Banknoten identifizieren können
Maria Callas soll Juden und Schwule gehasst haben
Dazu kommt, dass die Menschen hinter den Portraits für Kontroversen sorgen. Im Fall von Maria Callas etwa kursieren im Rahmen der Banknoten-Diskussion auf Social Media Zitate, die der Sängerin Hass auf Juden und Homosexuelle zuschreiben. Entsprechend plädieren auf Social Media viele User für die „neutraleren“ Vögel:
[Sie] haben nie etwas verbrochen, niemand fühlt sich von ihnen unterdrückt oder in seinem Wesen angegriffen. Bunter und farbenfroher darf es auch gern sein, die Welt ist ernst und grau genug.
Auch Vögel nicht unumstritten
Doch nicht alle halten Vögel und Flüsse tatsächlich für eine neutralere Idee. Natur auf Geld zu drucken, sei „molto daneben“ schreibt Instagram-Userin Afra Hackl (@r_a_h_r_a_h) unter den selben Beitrag. Lieber solle man auf die Portraits setzen, am besten noch mit mehr Frauen. Manche erkennen in den Portraits auch eine Chance für mehr europäischen Zusammenhalt:
In Zeiten der Entfremdung würde etwas europäische Kultur den Europäern vermutlich guttun.
Kritik erfährt auch die Rückseite des Vogeldesigns, mit den Gebäuden verschiedener EU-Institutionen. Dazu schreibt etwa ein User auf dem Meinungsportal Reddit:
Parlament, Rat und Kommission auf den Rückseiten fühle ich nicht. Die stehen für mich eher für vieles, was an der EU seit Jahren nicht funktioniert, als für eine große europäische Errungenschaft.
Kreative Alternativvorschläge mit Tauben und Plastikdeckeln
So richtig zufrieden mit den beiden Optionen scheinen wenige zu sein. Andere verlegen sich deshalb lieber darauf, eigene Motive vorzuschlagen, meist per KI-Tool erstellt. So ging ein Vorschlag eines Reddit-Users durch die Medien, dass die Taube als „wahrer Einheitsvogel“ ihren Platz auf den Scheinen der EU verdient habe.
Dank KI sprudelt es auf Social Media aktuell geradezu an Alternativentwürfen. Beliebt sind Motive, die als europäische Gemeinsamkeiten empfunden werden – etwa die Liebe zu Brot, Bier und Wein – oder auch europäische „Indikatoren“ wie der nicht zu entfernende Deckel auf Plastikflaschen.
Wie bildet man die Kultur Europas ab? Eigentlich gibt’s da nur ein Symbolbild, meinen Spötter im Internet: Nämlich diesen nervigen Plastikdeckel, der in der EU fest mit der Flasche verbunden sein muss ...
Einer der Alternativvorschläge stammt von Satirikern der ZDF heute show: Er zeigt die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einem Besuch im Vogelpark Marlow (Mecklenburg-Vorpommern), umgeben von Lori-Papageien. Merkel wirkt dabei alles andere als begeistert – doch immerhin findet dieser Vorschlag einen nicht ganz ernst gemeinten Kompromiss in der Frage: Promis oder Vögel?