Schon Sokrates predigte Selbstbeherrschung
Nein, vorgenommen habe sie sich nichts, sagt Sandra Waeldin. Zumindest nichts, worauf sie in der Zeit bis Ostern ausdrücklich verzichten möchte – ob nun Schokolade, Alkohol oder Handynutzung am Morgen. Das episodische Fasten ist also nichts für die studierte Psychologin und Mental Health-Trainerin.
Allerdings nehme sie sich immer wieder Zeit, darüber nachzudenken, was ihr eigentlich gut tue und was nicht. In einer Überflussgesellschaft wie der unsrigen tue das Not, sagt sie, denn: „Überall und dauerhaft bequem, das tut nicht gut“.
Damit liegt sie ganz auf einer Linie mit einem Vordenker der westlichen Philosophie. Schon Sokrates wurde ein bemerkenswert spartanischer Lebensstil nachgesagt. Von Verzicht wollte er allerdings nichts wissen, er sprach lieber von Besonnenheit oder Selbstbeherrschung (Sophrosyne).
Wer fastet, gewinnt Freiheit
Und in diesem Wort wird schon der Zweck sichtbar, den er mit dieser Lebenspraxis verfolgte. Nicht Glück (wie der Kollege Epikur), auch nicht Gesundheit (wie Hippokrates), sondern Freiheit.
Nur wer sich selbst beherrschen lernt, wer lernt, seine Begierden und Gelüste gewissermaßen zu managen, der ist wirklich frei. Und das wiederum wusste auch Foucault, der das Fasten deshalb zu den „Technologien des Selbst“ rechnete.
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2026 beginnen christliche Fastenzeit und Ramadan nahezu zeitgleich: Eine Ernährungsexpertin erklärt, was religiöses Fasten mit dem Körper macht - und wo es Risiken gibt.
Wie die beiden zum Thema „Digital Detox“ gestanden hätten – darüber lässt sich nur spekulieren. Aber es ist anzunehmen, dass das komplexe Anreizsystem- und Belohnungssystem aus Klicken, Liken und Swipen auch für die Philosophen ein interessantes Anwendungsfeld für die Technik der Selbstbeherrschung gewesen wäre.
Digital Detox kann Depressionen vorbeugen
Sandra Waeldin kann es jedenfalls nur empfehlen. Studien zeigten sehr deutlich, dass Medienfasten Aufmerksamkeitsspannen verlängern würde. Der Verzicht auf Social Media könne zudem Depression vorbeugen.
Das dürfte alles nicht ganz unbekannt sein – immerhin ist das Medienfasten ein seit Jahren äußerst beliebtes Medienthema. Auch der Buchmarkt wimmelt von Ratgebern zum Thema Digital Detox. Auch Selbstversuche sind beliebt.
Verzicht hat allerdings auch Grenzen
Einer der ersten auf diesem Fald war 2010 der Kulturjournalist Alex Rühle von der Süddeutschen Zeitung. Ein ganzes halbes Jahr verzichtete der auf das Internet („Ohne Netz: Ein halbes Jahr offline“). Von heute aus betrachtet, sieht es so aus, als sei dieser Heroismus außerordentlich schlecht gealtert.
Seine Kolleginnen und Kollegen begegneten Rühle damals mit viel Spott, erfährt man in seinem Buch. Heute wäre wahrscheinlich jeder genervt. Was macht man mit einem Kollegen, der keine Mails mehr beantwortet, Teams-Sitzungen boykottiert und zur Recherche in die Bibliothek fährt? Ist das noch Askese oder schon Arbeitsverweigerung? Auch das Fasten hat seine Grenzen.
Keine Ausreden!
Das soll freilich niemand davon abhalten, auf das morgendliche Instagram-Scrollen zu verzichten. Auch CO2-Fasten könne sie empfehlen, sagt Sandra Waeldin. Immerhin hat es einen doppelten Effekt: schont die Natur und fördert die Gesundheit. Ausreden gibt es also nicht.